Bischof Morerod kämpft gegen die Kultur des Verheimlichens

Die über Jahre andauernden sexuellen Übergriffe und Misshandlungen im Waisen- und Erziehungsheims Marini werden aufgearbeitet. Dass nur zwei Täter strafrechtlich belangt wurden, hat auch mit dem sozialen Status der Opfer zu tun, sagt eine Historikerin. Sie stammten meist aus armen Verhältnissen.

Die Zöglinge des Insituts Marini im Garten.

Bildlegende: Keine Postkartenidylle: Im Waisen- und Erziehungsheim Marini wurden Buben Opfer sexueller Übergriffe. srf

Die Experten hatten Zugang zu den Archiven des Bistums und des Staates. Sie haben über ein Dutzend Zeitzeugen und Opfer befragt. Die Vorfälle liegen zwar weit zurück. Die Auswertung der Fakten allerdings ist erschütternd.

Zwischen 1932 und 1955 wurden im katholischen Internat Marini im freiburgischen Montet nachweislich 21 Buben und männliche Jugendliche sexuell missbraucht, von Geistlichen und Laienaufsehern. Eines der Opfer ist Jean-Louis Claude. Wenn man sechs Jahre lang von Priestern und Lehrern sexuelle Übergriffe über sich ergehen lassen musste, wie könne man da vergeben, fragt er sich.

Aufklärung tut not

Opfer wie Jean-Louis Claude haben Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, veranlasst, Licht in dieses dunkle Kapitel zu bringen. Die externen Experten haben elf Täter identifizieren können, darunter zwei Priester-Direktoren und zwei Institutsgeistliche.

Es habe eine Kultur des Vertuschens geherrscht, sagt Anne-Françoise Praz, Historikerin an der Universität Freiburg und Leiterin der Studie. Die politischen Behörden, der damalige Bischof und die Leitung des Pensionats hätten alles daran gesetzt, negative Schlagzeilen zu verhindern.

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Sexueller Missbrauch bis in die 1950er Jahre

4:15 min, aus Schweiz aktuell vom 26.1.2016

Im Pensionat Marini im Freiburger Broyebezirk waren bis zu 100 Kinder und Jugendliche untergebracht. Meist stammten sie aus ärmlichen Verhältnissen. Ein Grossteil davon waren uneheliche Kinder – Kinder der Sünde – wie sie damals genannt wurden, schreiben die Experten.

Der Gesellschaft seien diese Kinder gleichgültig gewesen. Sie seien sich selbst überlassen gewesen, sagt die Historikerin. Dazu komme, dass Freiburg zu dieser Zeit sexuellen Fragen gegenüber noch immer sehr verschlossen war. Es war ein Tabu. Die Opfer hätten deshalb geschwiegen oder seien zum Schweigen gebracht worden.

Fonds für Opfer sexueller Gewalt innerhalb der Kirche

Bischof Morerod zeigte sich betroffen und hat sich wie schon sein Vorgänger bei den Opfern sexueller Gewalt innerhalb der Kirche entschuldigt.

Die Schweizer Bischofskonferenz habe kürzlich beschlossen, einen Fonds zu gründen, der Opfer auch finanziell entschädigt. Damit solche Dinge nicht wieder geschehen, brauche es auch Aufklärung und Sensibilisierung innerhalb der katholischen Kirche, sagt Bischof Morerod.