Zum Inhalt springen

Header

Inhalt

Blick in die Spitäler Pflegende am Anschlag: Es fehlt an Menschen, nicht an Betten

Überstunden, Unterbesetzung, Überlastung. So erlebt das Pflegepersonal die zweite Corona-Welle.

Sie sind die Helden der Coronakrise: Die Frauen und Männer, die sich in den Schweizer Spitälern und Heimen rund um die Uhr um Kranke, Schwerkranke, Sterbende und Genesende kümmern.

Dieser unermüdliche Einsatz hat dem Pflegepersonal den Respekt der Bevölkerung eingebracht, im Frühling ausgedrückt durch landesweiten Applaus und Lobeshymnen nicht nur in den sozialen Medien.

Wenige Monate später zeigt sich: Der Respekt der Bevölkerung ist nach wie vor da. Substanzielle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen lassen aber weiter auf sich warten – und die aktuelle Coronasituation macht die Lage immer prekärer. Vor allem in der Westschweiz.

Video
«Wir vom Pflegepersonal tun, was wir können. Aber die Lage ist trotzdem sehr angespannt.»
Aus Puls vom 16.11.2020.
abspielen

Die zweite Corona-Welle trifft die Romandie besonders hart. Die Gründe dafür liegen weiterhin im Dunkeln. Offensichtlich sind jedoch die Konsequenzen für das Gesundheitswesen: Das Pflegepersonal ist am Anschlag, speziell auf den Intensivstationen. Manche Westschweizer Spitäler kamen in den letzten Wochen nahe an ihre Kapazitätsgrenze.

Am Kantonsspital Freiburg beispielsweise war die Intensivstation bereits Anfangs November ausgelastet. Chefarzt Govind Sridahran warnte damals: «Derzeit könnten wir die Anzahl der Intensivbetten nicht erhöhen, wie wir es im Frühjahr gemacht haben. Aus Mangel an Personal, obwohl das gesamte Material vorhanden ist.»

Video
«Das Material ist vorhanden. Es fehlt uns an Personal.»
Aus Puls vom 16.11.2020.
abspielen

«Man hätte früher starke Massnahmen ergreifen müssen, die uns erlaubt hätten, uns besser vorzubereiten», konstatiert zudem Intensivpflegefachfrau Valérie Miauton. Das Pflegepersonal tue alles in seiner Macht Stehende, aber die Lage sei trotzdem sehr angespannt.

Aus der ersten Welle seien keine Lehren gezogen worden, so der Vorwurf. Entsprechend beunruhigt ist man beim waadtländischen Pflegeberufsverband. Co-Präsidentin und Intensivpflegefachfrau Carmen Cuche bringt die Frustration auf den Punkt: «Wir erwarteten eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, mehr Personal. Nichts ist passiert. Es stimmt deshalb schon: Man ist müde, frustriert aber auch wütend. Die Leute an der Front sind zunehmend demotiviert.»

Video
«Wir haben nach der ersten Welle Verbesserungen erwartet, aber nichts ist passiert.»
Aus Puls vom 16.11.2020.
abspielen

Wie stark sich die Situation in der Westschweiz von jener in der Deutschschweiz unterscheidet, zeigt ein Blick auf die aktuellen Zahlen. Auch wenn sie gerade wieder sinken, belegen die Kantone jenseits des Röstigrabens nach wie vor die unrühmlichen Spitzenplätze bei den Fallzahlen und Hospitalisierungen.

Was ein paar Kilometer Richtung Deutschschweiz ausmachen, zeigt die Situation im Spitalzentrum Biel. Hier ist die Stimmung deutlich weniger angespannt.

Anfangs Kalenderwoche 47 sind 45 der rund 200 stationären Betten von Covid-Patienten belegt. Doppelt so viele wie beim Höhepunkt der ersten Welle im Frühling, und trotzdem arbeitet das Personal im normalen Schichtbetrieb.

«Die Belastung ist momentan im Rahmen des Tragbaren», meint Pflegefachfrau Julia Walser. Aber: «Es ist streng und stellt hohe Ansprüche nicht nur an das Pflegeteam, sondern an alle Player im Spital.»

Video
«Die Belastung ist noch im Rahmen des Tragbaren, aber es ist streng.»
Aus Puls vom 16.11.2020.
abspielen

So ist auch die Spitalleitung gefragt. Um freie Kapazitäten zu schaffen – auch beim Personal – hat man in Biel die Wahleingriffe bereits vor zwei Wochen zurückgefahren. Und man ist auf der Suche nach zusätzlichem Personal.

«Wir rekrutieren laufend Leute zur Unterstützung und Entlastung unserer Stammteams, denn es ist uns wichtig, dass unser Personal längerfristig gesund bleibt», erklärt Claudia Lüthi, die Pflegedirektorin des Spitalzentrums Biel. «Ich denke, wir brauchen noch einen langen Atem.»

Video
«Wir rekrutieren Leute zur Unterstützung unserer Stammteams, damit unser Personal längerfristig gesund bleibt.»
Aus Puls vom 16.11.2020.
abspielen

Weiter westlich ist die Luft bereits reichlich dünn. Und mehr Leute in der Pflege helfen da nur bedingt.

So hat man beispielsweise auch am Universitätsspital Genf zusätzliches Personal eingestellt. Die erhoffte Entlastung auf der Intensivstation blieb aber erst mal aus, weil den neuen Mitarbeitenden die spezifische Erfahrung in diesem speziellen Umfeld fehlt. «Für die Schulung stehen bloss 15 Tage zur Verfügung, dabei braucht es Monate, bis jemand Erfahrung hat», seufzt Intensivpfleger Yoan Guilloux. «Das ist sehr anstrengend für uns. Wir haben ein Gefühl der beruflichen Erschöpfung.»

Die zweite Welle fordert dem Pflegepersonal viel ab – manche fürchten: zu viel. In den Worten von ASI-Co-Präsidentin Carmen Cuche: «Es steht zu befürchten, dass die Covid-Krise viele Pflegefachleute entmutigt und sie ihren Beruf deshalb vorzeitig an den Nagel hängen.»

«46 Prozent steigen wieder aus dem Pflegeberuf aus»

«46 Prozent steigen wieder aus dem Pflegeberuf aus»

Im «Puls»-Studio sprach Moderatorin Daniela Lager mit Yvonne Ribi, der Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK - ASI, Link öffnet in einem neuen Fenster

SRF: Frau Ribi, in der Westschweiz wird ein düsteres Bild gezeichnet. Laufen Ihnen tatsächlich die Leute davon?

Yvonne Ribi: Während der Pandemie haben wir keine Möglichkeit, das zu evaluieren. Aber Fakt ist, dass 46 Prozent der ausgebildeten Pflegefachpersonen aus dem Beruf aussteigen. Das ist natürlich sehr beunruhigend und zeigt sich auch in sehr vielen offenen Stellen. Dabei wäre es gerade in einer Pandemie wichtig, dass diese Stellen besetzt sind, dass die Arbeitsbedingungen gut sind, damit die Leute im Beruf bleiben können.

Trotz der hohen Fallzahlen funktioniert unser Gesundheitssystem noch. Anders als im Ausland werden zum Beispiel keine Patienten im Auto auf dem Spital-Parkplatz behandelt.

Es ist tatsächlich so, dass wir im Moment die pflegerische Versorgung an vielen Orten aufrechterhalten können. Es ist aber auch so, dass die Pandemie jetzt überall angekommen ist. Wir sind froh, dass wir die Leute nicht auf dem Parkplatz behandeln müssen. Es zeigt auch, dass die Massnahmen, die man auch bei den Institutionen ergreift, wirken. Aber es ist zentral, dass der Dreischichtbetrieb eingehalten werden kann, damit das Personal genug Ruhezeiten hat. Denn die zweite Welle dieser Pandemie scheint uns noch länger zu beschäftigen.

Wäre es nicht sinnvoll, Personal aus weniger belasteten Spitälern in solche zu verschieben, die am Anschlag sind?

Das wird zum Teil gemacht. Da sprechen sich die Spitäler untereinander ab. Aber Sie haben schon recht: Ein regionaler oder überregionaler Pool wäre ganz wichtig. Denn es kann ja nicht sein, dass in der einen Institution Leute in die Kurzarbeit müssen, während man andernorts am Anschlag ist.

Angesichts dieser Unterschiede: Weshalb fordern sie jetzt bessere Arbeitsbedingungen für alle?

Das ist ganz wichtig, weil die Pflegenden unter einem enormen Druck stehen – auch ausserhalb der Pandemie. Während der Pandemie ist es zentral, dass die Leute sich für die pflegerische Versorgung gesund halten können. Die Flexibilität und die in allen Gesundheitsinstitutionen zu erledigende Arbeit fordern zusätzliches Investment und zusätzliches Engagement der Pflegenden. Wir finden, dass das honoriert werden soll.

Aktuell hört man so viel über Missstände. Warum soll ein junger Mensch da überhaupt noch Lust haben, einen Gesundheitsberuf zu lernen?

Ich kann Ihnen sagen: Der Pflegeberuf ist eigentlich der schönste Beruf, den es gibt! Man ist so nahe bei den Menschen, man erlebt so viel mit Menschen in Extremsituationen. Aber die Rahmenbedingungen, in denen wir arbeiten, sind wahnsinnig herausfordernd. Da gilt es jetzt eben – und das ist die Forderung an die Politik – zu reagieren und die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass man ein Leben lang gesund im Pflegberuf bleiben kann.

Puls, 16.11.2020, 21:05 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

14 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Mathias Bürki  (MathiasBürki)
    Liebes SRF
    Danke für den schönen Bericht. Eines stört mich jedoch etwas. Meiner Meinung nach fokussiert die Berichterstattung immer stark auf Pflegefachpersonen. Diese haben schlechte Arbeitsbedingungen, keine Frage. Aber dasselbe trifft bei uns Ärzten auch zu! Nicht selten arbeiten wir 60-70 Stunden im Schichdienst in der Woche (50-Stunden-Woche im Gegensatz zu anderen Pflegeberufen), kommen nicht zum Essen und die Toilettenpause muss man sich regelrecht einplanen. Und das schon vor Corona.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Karsten Seyring  (SEK)
    Man sollte endlich damit aufhören, an einer Tour die Bevölkerung stets über die Auslastung der Intensivbetten (zertifiziert oder eben nicht) zu belasten! Es wirkt sich mittlerweile immer mehr als Belastung aus und findet immer weniger Gehör, statt die gewollte "Drohung" zu verbreiten, endlich die Massnahmen einzuhalten..... Kontraproduktiv!
    Es ist schon Belastung genug, dass alles derart herunter gefahren wird.
    Warum liest man eigentlich NIE Erfahrungsberichte von Betroffenen? Ich bin bereit
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Daniel Bucher  (DE)
    Schade nur, dass ausgerechnet die Pflegenden sich gegen eine obligatorische Grippeimpfung einsetzen. Bei Corona wird es gleich sein. Sehen diese Menschen nicht ein, dass sie ohne Impfung eine Gefahr für alle Patienten darstellen? Die Arbeitgeber stehen in der Verantwortung die Gesundheit ihrer Patienten, Heimbewohner etc. zu schützen. Eine Impfpflicht gehört logischerweise dazu - alles andere wäre fahrlässig.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christian Tesoro  (tesoro97)
      Herr Bucher, bitte sprechen sie für sich und nicht für uns Pflegenden in der Allgemeinheit. Sie sind nicht unsere Stimme.

      Mit freundlichen Grüßen

      Ein Pflegender
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Hans Meuri  (hmeuri)
      Herr Tessero, Herr Bucher ist nicht die Stimme der Pflegenden, aber möglicherweise als Patient ein Kunde von Ihnen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen