Bologna-Reform: Nicht alle Ziele erreicht

Vor 15 Jahren haben die Schweizer Universitäten die Bologna-Reform in Kraft gesetzt. Mit der Reform sollten die Studiengänge europaweit vereinheitlicht und die Mobilität der Studierenden erhöht werden. Wurden diese Ziele erreicht? Die Einschätzungen dazu gehen weit auseinander.

Drei abgestufte Reihen Sitzplätze in einem Hörsaal, Studierende hören zu.

Bildlegende: Die Studierenden schliessen ihr Studium nicht mehr mit einem Lizenziat ab, sondern mit einem Master. Keystone

Wer einen Studienabschluss hat, hängt heute nicht mehr ein eingerahmtes Lizenziat an die Wand, sondern ein Master-Diplom. Seit 15 Jahren ist das der Fall. Damals wurde in der Schweiz die sogenannte Bologna-Reform durchgeführt.

Diese hatte zum Ziel, dass die Studiengänge in ganz Europa einheitlich sind. Und dass die Studierenden deshalb ihr Studium auch in anderen Städten in anderen Ländern vervollständigen können. Doch wurden diese Ziele in der Schweiz erreicht?

Breite, aber keine Tiefe

Markus Müller ist Jus-Professor an der Universität Bern. Sein Urteil über die Bologna-Reform fällt negativ aus: «Das Niveau ist tendenziell tiefer. Durch die neue Art des Studiums haben die Studierenden eine Breite, aber keine Tiefe.» In der Praxis zeigten sich zum Beispiel sehr grosse Defizite in der Methodik. «In der Juristerei können sie dann aber zu jedem Thema ein bisschen etwas.»

Heute ist viel stärker geregelt, wie viele und welche Kurse die Studierenden pro Woche besuchen müssen. Früher war die Wahlfreiheit grösser: Eine Studentin konnte auch nur fünf oder zehn Stunden pro Woche belegen. Aktuell sind etwa 25 Wochenstunden die Regel.

Jagd nach Kreditpunkten

Und für jeden Kurs gibt es Kreditpunkte, so genannte ECTS-Punkte. Um sein Studium abschliessen zu können, muss jeder Student eine gewisse Anzahl Kreditpunkte erreichen. Das führe zu einer richtigen Punktejagd, beobachtet Rechtsprofessor Müller: «Wenn ich die Studierenden frage, wo sie sind, dann sagen sie, sie müssten noch zehn oder fünfzehn ECTS-Punkte machen – das ist eine Währung, mit der man an der Universität operiert.» Daran habe er sich noch nicht gewöhnt, sagt Müller.

Ausserdem habe die Bologna-Reform den Universitäten viel zusätzliche Bürokratie gebracht, weil alle Kurse erfasst und auf ihre Bologna-Konformität geprüft werden müssten. Natürlich spricht Müller nicht stellvertretend für alle Dozenten. Aber nicht viel besser klingt es, wenn man die Studierenden fragt.

Verschulung der Universitäten

Lea Oberholzer vom Schweizer Verband der Studierenden sagt, Bologna habe zu einem «schlechteren Lernklima» an den Hochschulen geführt. Und wegen den erhöhten Präsenzzeiten sei das Leben für jene schwieriger geworden, die neben dem Studium noch arbeiten müssten: «Das Studium ist nicht mehr flexibel gestaltbar. Das führt schliesslich dazu, dass alle werktätigen Studierenden, und da sprechen wir doch von rund 77 Prozent der Studierenden, fast keine Möglichkeit mehr haben, das einigermassen sinnvoll miteinander kombinieren zu können.»

Das klingt ernüchternd. Ausser Spesen nichts gewesen? Hier widerspricht der Vertreter der Universitäten: Antonio Loprieno ist der Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen. Er bewertet die Bologna-Reform als Erfolg.

«Wie auch das letzte Ergebnis des Bologna-Monitorings zeigt, die Schweizer Studierenden sind mit ihrem Studium ganz zufrieden», sagt Loprieno. «Sie denken, dass sie an Universitäten eine positive Erfahrung machen. Insofern kann man durchaus von einem Erfolg sprechen.»

Abschlüsse vergleichbarer

Die Reform habe zur erwünschten Vereinheitlichung der Studiengänge geführt. Damit seien die Studienabschlüsse heute europaweit besser vergleichbar, so Loprieno weiter. Vor 15 Jahren warben die europäischen Länder zudem mit dem Argument, dass die Reform Austauschsemester im Ausland vereinfachen und fördern werde.

Wie die Zahlen zeigen, sind die Studenten heute aber nicht viel mobiler als vor der Reform. Das heisse aber nicht, dass die Reform nichts gebracht habe, sagt Loprieno. Heute sei es nicht mehr das Ziel, dass alle Studenten für ein Semester ins Ausland gingen, sondern nur jene mit einem konkreten Studienziel: «Man ist zur Erkenntnis gekommen, dass die Mobilität am besten funktioniert, wenn ein Studierender irgendwo hingeht, wo etwas Konkretes auf ihn wartet.»

Festhalten an neuem System

Fasst man die Einschätzungen der Rektoren, der Professoren und der Studierenden zusammen, dann wirkt die Erfolgsbilanz mittelmässig. Die Studierenden-Verbände verlangen denn auch, dass Teile der Reform wieder rückgängig gemacht werden. Das Studium solle wieder flexibler werden, mit weniger Pflichtstunden pro Woche.

Doch davon wollen die Schweizer Universitäten nichts wissen – sie wollen auch in Zukunft mit Bachelor- und Mastertiteln weitermachen.