Zum Inhalt springen

Bologna-System in der Kritik «Es bringt manche Studenten dazu, in Schachteln zu denken»

Legende: Audio Interview mit Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich abspielen. Laufzeit 8:26 Minuten.
8:26 min, aus SRF 4 News aktuell vom 29.01.2018.
  • Studierende würden heutzutage zu wenig vernetzt denken. Ihr Wissen sei zu oberflächlich, lautet die Kritik in einem Artikel der «Sonntagszeitung».
  • Auslöser ist der Fall eines Studenten an der Universität Zürich, der es beinahe geschafft hätte, sein Masterstudium in Rechtswissenschaften in einem einzigen statt wie vorgesehen in drei Semestern abzuschliessen.
  • Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, fand die Einführung des Bologna-Systems zwar richtig, nun sei es aber Zeit für «Bologna 2.0».

Statt sich vertieft mit ihren Fächern auseinanderzusetzen, versuchen viele, ihr Studium möglichst schnell hinter sich zu bringen. Dieser Eindruck entsteht beim Fall von «Rico», den die Zürcher Studierendenzeitung aufgedeckt und die «Sonntagszeitung» aufgegriffen hat. Der junge Mann hat in einem einzigen Semester beinahe so viele Credits gesammelt, wie für einen Master in Rechtswissenschaften nötig sind – nämlich 84 von 90.

Laut der Universität Zürich sei dies ein Einzelfall. «Grundsätzlich ist die Bildung unserer Absolventen sehr hoch. Es ist aber so, dass das jetzige System gewisse Studenten dazu bringt, oberflächlich und in Schachteln zu denken», gibt Michael Hengartner zu. Er ist Rektor der Universität Zürich und Präsident der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen.

Man hat das Gefühl, wenn man mit einem Modul fertig ist, muss man sich nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Das ist natürlich absolut falsch.
Autor: Michael HengartnerRektor Universität Zürich

Kritik richtet sich vor allem gegen das Bologna-System, das Anfang der 2000er-Jahre in der Schweiz eingeführt wurde. Eine Folge davon ist, dass die Studierenden im Laufe ihres Studiums Kreditpunkte sammeln müssen. Einige verleitet das offenbar dazu, möglichst rasch viele Punkte mit dem Abschluss von Modulen zu holen, statt sich intensiv mit dem Stoff zu befassen.

Hengartner verteidigt das System jedoch: «Bologna war grundsätzlich eine gute Idee: Es bietet äquivalente Abschlüsse überall in Europa, so dass studentische Mobilität erleichtert wird, und die Möglichkeit, dank Kreditsystem an einem Ort Gelerntes an einen anderen Ort zu transferieren.»

So funktioniert das System

Die Bologna-Reform an Universitäten und Fachhochschulen ist Teil eines europäischen Abkommens, welches die Schweiz Ende der 90er Jahre mitunterzeichnet hat. Sie basiert auf einem dreistufigen Studiensystem mit Bachelor, Master und Doktorat und einem Leistungspunktesystem (European Credit Transfer System, Link öffnet in einem neuen Fenster, ECTS).

Die Einführung habe aber in vielen Studiengängen dazu geführt, dass man nur noch in Modulen denke, hat auch der Zürcher Rektor beobachtet: «Man hat das Gefühl, wenn man mit einem Modul fertig ist, muss man sich nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Das ist natürlich absolut falsch.»

In der «Sonntagszeitung» werden auch Vertreter der kantonalen Anwaltsprüfungskommissionen zitiert. Das Niveau habe sich verschlechtert, oft fehle ein solides Grundwissen, wird moniert. Auch dieses Problem kann Hengartner nachvollziehen: «Das Grundwissen wird meist am Anfang des Studiums vermittelt. Wer es drei Jahre lang beiseite gelegt hat, müsste es wieder neu lernen oder mindestens vor der Prüfung wieder auffrischen.»

Rektor schlägt Gesamtprüfung vor

Müssten die Universitäten also woanders ansetzen? Hengartner sieht mehrere Verbesserungsmöglichkeiten: «Erstens könnte man die Studiengänge so aufeinander aufbauen, dass sie zum Beispiel das Grundwissen als Pflichtmodul voraussetzen, bevor weitere Module gemacht werden.» Dies wäre auch als Voraussetzung für den Master vorstellbar.

«Zweites kann man die Studenten verpflichten, eine Vertiefung auf Masterstufe zu machen.» Das hiesse, dass sie ihre Fächer nicht mehr total frei wählen könnten, so der Rektor. Der Effekt: Sie müssten sich konzentriert mit einem Thema auseinandersetzen. «Das Dritte, was man machen könnte, sind Abschlussprüfungen beim Bachelor oder beim Master», schlägt er vor.

«Also eine Gesamtprüfung, bei der man nochmals den Überblick über das ganze Fachgebiet testet, um zu sehen, ob die Person auch wirklich das ganze Wissen miteinander verknüpft.» Denn heute müsse man in vielen Studiengängen lediglich alle Module einzeln abschliessen, so Hengartner.

Was wir heute haben, ist Bologna 1.0. Die Software funktioniert, ist aber möglicherweise etwas ‹buggy›.
Autor: Michael HengartnerRektor Universität Zürich

Jede Hochschule sei frei, solche Abschlussprüfungen einzuführen, sagt Hengartner. Bei einigen Studiengängen gebe es diese sogar schon. «Jede Doktorprüfung ist eine breite Prüfung. Und in Biologie an der Uni Zürich haben wir Masterprüfungen, bei denen das Gleiche gemacht wird.» Er könne sich auch vorstellen, solche Prüfungen auch beim Bachelor wieder einzuführen.

Fazit: Das geltende Hochschulsystem hat seine Schwächen. Das sieht auch Hengartner so. Er sieht aber Verbesserungspotenzial: «Was wir heute haben, ist Bologna 1.0. Die Software funktioniert, ist aber möglicherweise etwas ‹buggy›. Jetzt müssen wir schnellstmöglich Bologna 2.0 einführen.»

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

35 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Ich habe vor mittlerweile über 30 Jahren mein Oekonomiestudium abgebrochen, weil es keine Zusammenhänge aufzeigte, sondern das Auswendiglernen von Details verlangte. Dass sich daran immer noch nichts geändert hat, enttäuscht, ja bedrückt mich sehr. Aber es erklärt mindestens teilweise, weshalb ich in meiner beruflichen Laufbahn kaum Studienabgänger mit der Fähigkeit zur Lösungsfindung für komplexere Probleme angetroffen habe.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christoph Coltellino (coltellino)
    Gesamtprüfungen sind m.E. nicht unbedingt falsch, aber auch keine Lösung. Das Problem an Bologna liegt daran, dass es die Freiwilligkeit abgeschafft hat. Sprich, Studierende werden dazu erzogen, für Punkte und nicht aus Interesse zu studieren. Sie müssen keine Eigenverantwortung für Wissens- und Kompetenzenzuwachs übernehmen, sondern quantifizierbare Studienleistungen erfüllen. Man sollte dagegen aber nicht bürokratisch vorgegen, sondern in der Lehre gezielt gesamtheitlicheres Denken fördern.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Urs Müller (Confoederatio)
    Zum Teil kann man die Kritik verstehen, aber es war vor Bologna nicht wirklich anders. Eine Mathe Klausur beim Diplom hatte Mathe als Thema und nicht technische Mechanik. Eine Abschlussprüfung über alles ist abzulehnen. Denn das würde bedeuten, man müsse alles und ich meine wirklich alles aus dem Studium können und wissen. Im Berufsleben verwendet man allenfalls 10% des Stoffs, den man im Studium durchgenommen hat.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Das geht aber jungen Menschen, welche eine Berufslehre machen ebenso. Und viel vom Stoff, den sie für Abschlussprüfungen lernen müssen, kann dann im Berufsleben nicht verwendet werden. Weshalb sollen diesbezüglich Studierende besser gestellt werden? Zudem werden heute viele junge Menschen von den Eltern zu einem Studium gedrängt, auch wenn sie die Voraussetzungen nicht unbedingt mitbringen & in einer Berufslehre besser aufgehoben wären.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen