Darauf ist an Pfingsten Verlass: Stau am Gotthard

Von wegen, der frühe Vogel fängt den Wurm. Bereits ab fünf Uhr morgens staute sich der Verkehr gen Süden vor dem Gotthard. Zwei Stunden später war die Blechlawine 13 Kilometer lang. Gegen Mittag entspannte sich die Lage jedoch wieder.

Mit viel Sonne ist die Schweiz ins Pfingstwochenende gestartet. Trotz des sommerlichen Wetters zieht es viele Pfingstausflügler in Richtung Süden. Vor dem Gotthard mussten sich die Autofahrer schon früh in Geduld üben.

Video «Pfingststau vor dem Gotthardtunnel» abspielen

Pfingststau vor dem Gotthardtunnel

0:48 min, aus Tagesschau am Mittag vom 7.6.2014

Bereits ab fünf Uhr morgens staute sich der Verkehr vor dem Gotthard-Nordportal. Innerhalb von nur zwei Stunden wuchs die Blechlawine später auf 13 Kilometer an, wie der Verkehrsdienst Viasuisse mitteilte. Das entspricht einer Wartezeit von rund zwei Stunden und 10 Minuten im Stau.

Gegen Mittag schrumpfte die Staulänge. Am frühen Nachmittag stauten sich die Autos dann wider Erwarten nur noch auf drei Kilometern. Offenbar entschlossen sich viele Autofahrer, die Ausweichroute über den San Bernardino zu nehmen. Gegen Abend löste sich der Stau jedoch auf beiden Routen auf.

«  Guck doch mal bitte in den Staukalender rein, Ilse, hier darf eigentlich gar nichts sein, nicht um die Uhrzeit! »

Hermann
«Der Superstau», 1991

Am Wochenende ist «Grosskampftag» auf den Schweizer Autobahnen. Das sagte Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen (Astra). Es sei vielerorts mit Verzögerungen zu rechnen. An sich ist das keine Überraschung: Auffahrt und Pfingsten stehen seit jeher auch für Stau und stockenden Verkehr.

Heuer sind die Voraussetzungen für einen «perfekten» Stau aber optimal:

  • Spätes Datum: Die Skiausrüstung ist längst verstaut, die Eishockey-WM endlich vorbei. Die Menschen sind in Sommerlaune, sie wollen raus – und werden mobiler.
  • Schönes Wetter: Die sommerlichen Temperaturen führen zu mehr Freizeitverkehr im Inland, speziell in den Ballungszentren Zürich, Bern oder Genf-Lausanne – und sie motivieren viele zu einem Kurzurlaub am Meer.
  • Ferienbeginn: Die Schüler in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg haben ab nächsten Dienstag zwei Wochen Pfingstferien. Viele verbringen diese auf einem Campingplatz an der Adria. Dorthin gelangen sie via Nord-Süd-Achse durch die Schweiz. Plus: Kinderlose Urlauber machen sich schon jetzt auf den Weg, um die schlimmsten Blechlawinen in der Hochsaison zu vermeiden.

Theoretisch können im Schnitt 1000 Fahrzeuge pro Stunde den Gotthardtunnel passieren. Diese Anzahl wird in der Praxis aber selten bis nie erreicht. Grund dafür sind gemäss Thomas Rohrbach Lastwagen, die mehr Platz beanspruchen und Lenker, die sich «unvernünftig» verhalten. Würden sich alle an die vorgegebene Geschwindigkeit von 80 km/h halten und die korrekten Abstände beachten, müsste der Tunnel weniger oft vorübergehend geschlossen werden. «Was wir auf jeden Fall verhindern wollen, ist ein Stau im Gotthardtunnel», sagt Rohrbach.

«  Die Autobahn ist so leer, das gefällt mir gar nicht. Wenn das so weitergeht, nehme ich den Schleichweg über Garmisch! »

Ludwig
«Der Superstau», 1991

Das Ausweichen auf Routen, welche über Alpenpässe führen, sei eine Alternative, sagt Thomas Rohrbach. Diese seien aber nicht für jeden Lenker geeignet. Von einem Abenteuer mit Wohnwagen auf der Tremola rät er zum Beispiel ab.

Alte Passstrasse über den Gotthard.

Bildlegende: Tremola: Die alte Gotthard Passstrasse ist abenteuerlich – aber nicht jedermanns Sache. Keystone

Wer von Zürich aus den Weg in den Süden unter die Räder nimmt, findet mit dem Oberalp und dem Lukmanier eine landschaftlich ansprechende Alternative zum gewohnten Göschenen-Airolo. Für Berner gibts Grimsel und Nufenen. Diese Routen würden zwar nicht unbedingt einen Zeitgewinn bringen, sagt Rohrbach, «dafür fährt man». Und das schont die Nerven.

Flucht vor dem Stau ist aber nicht in jedem Fall die beste Lösung. Schon gar nicht, wenn ein Navigationsgerät eine solche empfiehlt. Oder besser: Hunderte Navigationsgeräte gleichzeitig. Dann gehts in der Regel schnell, und die Schleichwege sind ebenso verstopft.

Der grösste Störfaktor im Verkehr ist der Mensch hinter dem Steuerrad: Einer bremst, die anderen machen mit, Fehler addieren sich – Stau. Professor Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen forscht seit über einem Jahrzehnt am Phänomen Stau. Er unterteilt die Autofahrer in vier Gruppen:

  • Die Sensiblen: Meldet das Radio oder das Navi Stau, verlässt dieser Typus von Autofahrer schnurstracks die eigentlich geplante Reiseroute.
  • Die Taktierer: Sie sind grundsätzlich positiv denkende Menschen und rechnen fest damit, dass sich die stehende Kolonne längst verflüssigt hat, wenn sie dort ankommen.
  • Die Konservativen: Sie sitzen aus, was auch immer kommen möge.
  • Die Stoiker: Eine Untergruppe der Konservativen. Sie ignorieren Stauwarnungen nicht nur, sondern halten stets an ihrem ursprünglichen Reiseweg fest.

Am schnellsten am Ziel, das hat Stauforscher Schreckenberg herausgefunden, sind die Stoiker. Die sicherste Stauprävention ist aber das antizyklische Reisen. Wer es sich leisten kann, fährt ein paar Tage früher in die Ferien als der Rest – und kehrt erst dann heim, wenn die anderen schon lange wieder im Büro sitzen.

«  Wo ist denn die Kupplung? »

Alle
«Der Superstau», 1991

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Über 20‘000 Stunden Stau auf Nationalstrassen

    Aus Tagesschau vom 5.5.2014

    Auf den Nationalstrassen standen Autofahrer 2013 länger im Stau als im Vorjahr, nämlich über 20‘000 Stunden. Häufige Ursache für Staus sind Baustellen, mehr Nachtarbeit oder Ersatzfahrbahnen sollen den Verkehrsfluss verbessern.

  • Stau am Gotthard

    Aus Tagesschau vom 17.4.2014

    Wie üblich an Ostern brauchte die Reise gen Süden viel Geduld. Phasenweise stauten sich die Autos bis 13 Kilometer.