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Schweiz Das Geheimnis des Jungfraujochs

Der Schweizer Tourismus ächzt. Alle mögen jedoch nicht ins grosse Jammern einstimmen. Etwa die Verantwortlichen fürs Jungfraujoch – die Gipfelbahn verzeichnet Besucherrekorde. Zum Erfolgsrezept gehört mehr als ein imposanter Berg.

Legende: Video Hotels profitieren nicht von Jungfraubahnen abspielen. Laufzeit 7:50 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 17.04.2013.

Die Reise-Branche klagt: Der starke Franken, das Hochpreis-Image der Schweiz, ja gar das schlechte Wetter soll schuld am Besucherloch sein.

Urs Kessler, Chef der Jungfraubahnen, jammert nicht. Die Gruppe verdiente im vergangenen Jahr 26 Millionen Franken, das sind 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Ein Rekordergebnis. Der Grund scheint einfach: Das Jungfraujoch zieht die Massen an, Japaner, Chinesen oder Inder. Letztes Jahr kamen so viele wie noch nie: 833‘000 Attraktionshungrige fuhren hinauf in die dünne Luft, dort, wo nur noch die Bergdohlen sich wirklich wohl fühlen.

Mehr als ein Berg

Schnee und hohe Berge, das haben auch noch andere Destinationen in der Schweiz. Was also unterscheidet das Jungfraujoch von den andern Gipfeln? Warum besuchen die Asiaten bei ihrer 6tägigen Europareise Venedig, den Eifelturm und eben – das Jungfraujoch? Die schiere Höhe allein ist es nicht.

Um diese Frage zu beantworten, muss die Geschichte 25 Jahre zurückgespult werden. Urs Kessler hatte einen Auftrag: Er musste die Jungfraubahnen fördern, weltweit. Er reiste nach Japan. Von dort kamen viele in die Jungfrau-Region. Denn viele Japaner reisten ihrem Landsmann Maki Yuko hinterher, der 1924 erstmals zusammen mit drei weiteren Bergsteigern den Mittellegigrat, ein Teil des Eigers, erklommen hatte.

«Wir wollten den japanischen Markt noch mehr ankurbeln und verstehen, wie wir die übrigen Asiaten locken konnten», sagt Urs Kessler heute. Denn schon damals zeichnete sich ab: Der asiatische Markt hat Potential, der Mittelstand begann zu wachsen, die Menschen waren hungrig auf die grosse Welt.

Legende:
Besucher auf der Jungfraubahn Jungfraubahn-Gruppe

Der gute Brand

In Japan begriff er schnell, dass die Asiaten zwei Dinge besonders schätzen: Beständigkeit und grosse Namen. Ab den 90er Jahren warben die Jungfraubahnen mit «Top of Europe» in unzähligen asiatischen Ländern, waren überall mit Vertretern vor Ort präsent, nicht punktuell, sondern ständig. Früh buhlten sie zudem um die Gunst von Landoperateuren. Das sind jene Leute, welche Gruppenreisen wie «Best of Europe» für alle Herren Länder organisieren.

Das Jungfraujoch stieg weltweit zur Top-Marke auf, trotz stolzen Preisen. Die meisten asiatischen Reisebüros haben «Top of Europe» als Standard im Angebot für Europareisen. Und die Verantwortlichen der Jungfraubahnen tun viel dafür, dass dies so bleibt. «Das gute Marketing ist das eine, das tatsächliche Angebot das andere», sagt Urs Kessler.

Heimisches Curry und Spezialeffekte

Heute können Inderinnen in Stöckelschuhen das Gipfel-Erlebnis haben. Nachdem sie den ersten Schneeball ihres Lebens in die Weite der weissbedeckten Gipfel-Landschaft geworfen haben, geniessen sie das Curry, gekocht von einem Landsmann. Von der verglasten Sphinx-Halle aus werfen Besucher einen Blick in die Bergwelt, ohne Schneegestöber, ohne Wind, ohne Minustemperaturen. Ein Stollen, 250 Meter lang, Rollbahnen, Klänge und Lichteffekte inbegriffen, führt zum Eispalast mitten im Firn. Dort, 20 Meter unter dem Aussichtsplateau, ruht bläulich das Eis.

Es gibt Menschen, die werfen Urs Kessler und seiner Mannschaft vor, er würde ein alpines Disneyland schaffen. Kessler nimmts gelassen: «Für uns steht nach wie vor die einmalige Berg- und Gletscherwelt im Vordergrund.» Und so wird die Jungfraubahn weiter jeden Tag im Schnitt 2282 Touristen zum  «Top of Europe» hinaufbringen. «Und es werden mehr werden», sagt Kessler voraus. (fasc)

Die Zahlen der Gruppe

Der operative Gewinn der Jungfraubahn-Gruppe vor Zinsen und Steuern stieg um 10 Prozent auf 34,1 Mio. Franken. Während das Jungfraujoch gut besucht wurde, litt das Wintersportgeschäft mit den Gebieten Kleine Scheidegg-Männlichen, Grindelwald-First und Mürren-Schilthorn.

Ein Pionierwerk

1893 bewarb sich der Industrielle Adolf Guyer-Zeller um eine Konzession für eine Zahnradbahn, die von der Kleinen Scheidegg durch den Eiger und Mönch bis zur Jungfrau führen sollte. 1896 erfolgte der Spatenstich. Immer wieder gab es Sprengunglücke, Streiks und finanzielle Probleme. 1912 wurde die Strecke fertig - 9 Jahre später als geplant.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Rainer Fauser, Augsburg
    Geld, Geld und noch mehr. Mir jedenfalls ist die Ausbeutung der Berge für ökonomische Zwecke zuwider. Bitte schön, wer ins Eis und auf die Gipfel will, sollte dies aus eigener Kraft erreichen. Der Gipfel der Dekadenz ist dann schon die Metapher der Stöckelschuhe auf einem Gletscherjoch. Wie blöd nur Geld und technische Machbarkeit den Homo sapiens erscheinen lassen! Und wie egal dabei die Natur zum Zweck wird!
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    1. Antwort von M.Schmid, Bern
      Ich frage mich ja, wie Sie dann so einen Post auf dem Internet rechtfertigen können? Die Infrastruktur und technischen Vereinfachungen, welche für so etwas benötigt werden, sind noch weitaus "dekadenter", als die der Jungfrau. Das so als Kritik von jemandem, welcher es toll findet, dass auch Schwache einen Gletscher aus relativer Nähe sehen können, und welcher weiss, dass er ohne moderne Technik (Medizin usw.) wohl nicht mehr oder nur sehr schlecht leben würde und fast nirgends hin könnte.
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    2. Antwort von Rainer Fauser, Augsburg
      @M.Schmid Ich hatte nicht gegen "moderne" Technik angeschrieben, sondern mich für den Erhalt der Wildheit und Schönheit unberührter Natur eingesetzt. Klar, für einen eingefleischten Linken wie Sie starke Post. Ihr wollt ja alles reguliert sehen, selbstredend auch die Natur. Auch mich werden eines Tages Krankheiten dahinraffen, wobei ich nicht mehr fähig sein werde, Gletscher aus eigener Kraft zu sichten. Dann eben nicht mehr. Da hilft mir auch keine Zahnradbahn mehr. O.k.?
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    3. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Herr Rainer Fauser aus Augsburg, besuchen Sie mal die Jungfrau, es würde Ihnen gut tun. - Uebrigens, anhand der Jungfraubahn und deren Erfolg, zeigt sich zwingend, dass wir uns sicherlich auf Märkte ausserhalb Europas besser einstellen und ausrichten müssen. Ebenso zu erwähnen wäre, dass diese Bahn sowie die Eigernordwand eine bisher nach wie vor eine unübertroffene Einzigartigkeit in vielen Belangen hat.
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    4. Antwort von Rainer Fauser, Augsburg
      Lieber Herr Haller, ich gebe Ihnen zwar Recht, was wirtschaftlichen Erfolg der Jungfraubahnen-Gruppe betrifft. Und mehrfach Recht in der Hinsicht, sich auf Märkte diesseits der EU zu konzentrieren, aus politischem Kalkül, versteht sich. Trotzdem beklettere ich lieber per pedes die Alpen. In Grindelwald, an der Scheidegg und im untersten Teil der Nordwand war ich ebenfalls. Imposant, aber gerade darum kein Grund, diese wilde Schönheit der Natur Erwerbszwecken zu opfern.
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