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Schweiz Das Geschäft mit den Dementen

Dort, wo andere Ferien machen, sollen bald Schweizer Demenz-Patienten leben und betreut werden. Ein ehemaliger Heilpädagoge und Reiseleiter wittert das grosse Geschäft. Im März 2014 soll das Heim in Thailand seine ersten pflegebedürftigen Gäste aufnehmen. Ein Bericht von «10vor10».

Legende: Video Heim für Demenzpatienten in Thailand abspielen. Laufzeit 5:15 Minuten.
Aus 10vor10 vom 08.05.2013.

In der Schweiz leben über Hunderttausend Menschen mit Demenz. Experten schätzen, dass sich diese Zahl bis 2050 verdreifacht. Demgegenüber steht ein Betreuungsnetz an den Grenzen seiner Kapazität.

Bernhard Rutz, ehemaliger Heilpädagoge und Reiseleiter, will diesem Problem mit einem neuen Konzept begegnen. Thailand sei dafür der ideale Standort: «Ich freue mich sehr, dass wir unseren Gästen eine Pflege bieten können, die eine Verehrung des Alters beinhaltet, unabhängig vom Handicap. Das hat hier in Thailand Tradition.»

Restaurant «Rössli» mit Stammtisch

Das Heim in Chiang Mai werde eine 24-Stunden-Betreuung ermöglichen, die in der Schweiz nicht finanzierbar sei, sagt Rutz. Ausserdem will er seinen Patienten Gewohntes bieten. So soll auf dem Areal zum Beispiel ein Minigolfplatz oder ein Restaurant «Rössli» mit Stammtisch und Schweizer Speisekarte entstehen, wo die Bewohner mit Schweizer Franken bezahlen können. Das Gelände wird durch einen Zaun begrenzt.

Kritik am Grossprojekt

Genau darin sieht Martin Woodtli ein Problem. Der Schweizer betreut in der Nähe des geplanten Resorts bereits seit mehreren Jahren zehn Alzheimerpatienten. Diese leben in Häusern mitten in einem öffentlichen Quartier und werden ebenfalls 24 Stunden betreut.

«Dieses riesengrosse Resort ist eine Kopie des gescheiterten Schweizer Systems. Es ist zwar luxuriöser und hat mehr Personal, aber es ist abgeschlossen von der Umwelt, das finde ich schade», sagt Woodtli im Interview. Er distanziert sich vom Grossprojekt und will es nicht als Konkurrenz betrachten. Seine «Gäste» suchten das familiäre System, das er biete.

Bernhard Rutz betont, das Areal sei unterteilt in kleinere Wohneinheiten, der Lebensmittelpunkt klar definiert. Die Betreuung sei in einem grossen Resort nicht weniger persönlich.

«Das ist erst der Anfang»

Vermögensverwalter Roger Holzer finanziert das Grossprojekt. Gegenüber «10vor10» sagt er: «Wir sind bereits daran, weiteres Land zu kaufen. Diese Anlage wird nicht die einzige bleiben, wir wollen weitere solche Resorts bauen. Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen ist unerschöpflich – nicht nur in der Schweiz.» Holzer rechnet mit einer einstelligen Rendite im Bereich von fünf Prozent. Das Investment sei nachhaltig und trotzdem ein gutes Geschäft.

Angebot für Paare

Das geplante Heim soll Platz für 72 Demente bieten. Das Angebot richtet sich an Ehepaare, von denen ein Partner dement ist. Der Daueraufenthalt werde pro Paar im Monat ca. 6000 Franken kosten, so Projektleiter Bernhard Rutz. Gemäss Alzheimervereinigung kostet die durchschnittliche Betreuung eines Alzheimerpatienten in der Schweiz rund 5700 Franken.

25 Kommentare

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  • Kommentar von Verena Eberhard, 5722 Gränichen
    Übrigens meine Mutter musste leider noch drei Wochen in ein Pflegeheim bevor sie starb und das war der absolute Horror. Übrigens wenn ich gewusst hätte, dass meine Mutter innerhalb von drei Wochen sterben würde, hätte ich Urlaub genommen und sie zu Hause gepflegt.
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  • Kommentar von Beat Minder, Bern
    Sobald die Kranken von dem eigenen Haus in ein Heim verschoben werden, sind sie abgeschoben. Lieber werde ich dann von einer netten Thailänderin in Thailand statt einer groben Bulgarin, Rumänin oder Deutschen in der Schweiz gewaschen und gepflegt. In der Globalisierung werden eben auch Dienstleistungen globalisiert. Wir sind alles Erdenbürger. Hat jemand etwas gegen Thailand?
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  • Kommentar von Jürg Räz, Herzogenbuchsee
    Leider ist mit Vorerkrankung keine Krankenversicherung in Thailand möglich. Braucht also weiterhin in der CH die Grundversicherung. Ebefalls auch Wohnsitz und Steuerpflicht. Mit den Lebenskosten in Thailand kommen da gut und gerne 10-12 000.-- Franken pro Monat zusammen. Wer sich das leisten kann, findet wohl auch in der Schweiz eine Lösung. Der überlebende Partner will ja wohl nicht in diesem teuren Resort mit all den Kranken weiterleben. Hat aber in der CH sein soziales Umfeld aufgegeben.
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    1. Antwort von K. Fischer, Winterthur
      Dem ist eben nicht so. Von den zehn Gästen bei Woodtli hat niemand Kosten in dieser Grössenordnung. Ich habe mich erkundigt. Die Kosten des Wohnsitzes und Steuerpflicht hat der Kranke auch wenn er in der Schweiz bleibt. Diese kann man also dem thailändischen Modell nicht anlasten. Zudem sollten wir nicht nur über die Kosten diskutieren, sondern vorallem den Nutzen für den Kranken im Auge behalten.
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