Kampf am Gotthard Das grosse Buhlen der Tunnelbauer

Mit der zweiten Gotthardröhre wird eines der vorläufig letzten grossen Tunnelprojekte im Alpenraum vergeben. Das Interesse am Projekt, das volle Auftragsbücher und hohes Prestige verspricht, ist gross. Aber auch die Nervosität wegen der starken Konkurrenz.

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Gotthard: Heimlichtuerei um Bau-Aufträge

4:32 min, aus 10vor10 vom 13.4.2017

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine SRF-Umfrage zeigt: Die grossen Baufirmen bringen sich schon jetzt in Stellung für die Vergabe der Grossaufträge am Gotthard.
  • Ausgeschrieben werden der Bau der zweiten Autobahnröhre und die Sanierung des bestehenden Tunnels 2019.
  • Für das Ausbauprojekt am Gotthard wird die Eidgenossenschaft 2,8 Milliarden Franken ausgeben. Dieser Summe hat das Schweizer Stimmvolk im Februar 2016 zugestimmt.

Peter Teuscher ist ein gefragter Mann. Der frühere Chef der Alptransit Lötschberg und ehemalige Verwaltungsrat des Neat-Projektes am Gotthard ist heute freiberuflicher Berater für grosse Tunnelbau-Projekte. Er kennt die europäische Tunnelbau-Branche bestens. Eben ist er aus Rom von einer Sitzung des Brenner-Konsortiums zurückgekehrt. Teuscher berät das italienisch-österreichische Gremium beim Bau des gemeinsamen Basistunnels.

Angesprochen auf den kommenden Ausbau der Autobahn am Gotthard, sagt der Experte gegenüber SRF: «Das will sich keine grosse Baufirma entgehen lassen, und die Konkurrenz ist enorm. Aber Schweizer Tunnelbaufirmen müssen sich keineswegs verstecken. Ihre Kompetenz – gerade durch den Bau der beiden Neat-Grossprojekte – ist erwiesen und gefragt.»

«Wir können das und wollen dabei sein»

Die Redaktion von «10vor10» hat unter den grossen, relevanten Schweizer Tunnelbaufirmen eine Umfrage durchgeführt. Kernfrage: Wer wird sich um die Grossaufträge am Gotthard bewerben, wenn sie 2019 offiziell ausgeschrieben werden?

Resultat: Die meisten der acht angeschriebenen Firmen haben geantwortet – allerdings sehr unterschiedlich. Die Stellungnahmen der Firmen reichen von «Wir können das und wollen dabei sein» über «no comment, wir möchten in diesem Zusammenhang nicht erwähnt werden», bis hin zur Warnung: «Sie stechen hier in ein Wespennest!».

Gotthard als strategisches Ziel

Ausführlich Stellung bezogen gegenüber SRF haben Vertreter der beiden Baufirmen Strabag Schweiz und der Frutiger Gruppe. Peter Murer, Verwaltungsratspräsident von Strabag Schweiz, bestätigt das grosse Interesse seiner Unternehmung an einem Auftrag am Gotthard.

Aber Strabag, das durch sein österreichisches Mutterhaus einen europäischen Bau-Giganten im Rücken hat, will keinen Auftrag um jeden Preis. «Wir werden uns mit Sicherheit bewerben, und der Kampf um die wenigen Aufträge wird sehr, sehr hart werden. Aber wir werden sicher keine Dumping-Offerte eingeben, nur um am Gotthard dabei zu sein», betont Murer.

Und auch Rudolf Lagger, der Infrastruktur-Chef der Thuner Frutiger Gruppe, hat bereits klare Vorstellungen über die Eingabe seines Arbeitgebers: «Für uns wäre der Stollenvortrieb ein wünschenswerter Auftrag. Wir haben bereits bei der Neat im schwierigen Zwischenangriff Sedrun bewiesen, dass wir das können».

Zufriedenheit beim Astra

Jürg Röthlisberger, der Direktor des verantwortlichen Bundesamtes für Strassen Astra, zeigt sich zufrieden über das grosse Interesse der Bauwirtschaft am Gotthard-Ausbau: «Wir freuen uns, dass wir dieses Projekt in Zusammenarbeit mit der Industrie ausführen dürfen.»

Und der Astra-Chef betont, dass es für Schweizer Firmen keinen Heimatschutz geben wird: «Sicherlich wird es politische Stimmen geben, die beispielsweise Tessiner Firmen bevorzugen möchten. Aber unser sehr professionelles Vergabe-Gremium wird nach den klaren Richtlinien gemäss den Gatt- und WTO-Bestimmungen entscheiden.»

Tunnelbau-Experte Peter Teuscher sieht die Schweizer Unternehmen jedoch mit besten Karten im Gotthard-Wettbewerb: «Schweizer Tunnelbau-Qualität und Kompetenz wird am Gotthard zum Tragen kommen, da brauchen sich die Top-Firmen nicht zu verstecken.»

Fakten zum Ausbau am Gotthard

Zuerst soll der zweite Gotthard-Strassentunnel gebaut werden: 60 Meter östlich der alten Röhre und ebenso mit 16‘918 Meter Länge. Nach dem Bau des neuen Tunnels wird der Nord-Süd-Verkehr dorthin verlegt, der alte Tunnel gesperrt und komplett saniert. Gemäss Experten werden die beiden Röhren am Gotthard nicht vor 2030 gemeinsam in Betrieb kommen.