Zum Inhalt springen
Inhalt

Wenn Dschihadisten heimkehren Das «Kalifat» zerfällt, die Angst bleibt

Was tun, wenn IS-Kämpfer in ihre Heimat zurückkehren? Gefängnisse allein lösten das Problem nicht, sagt ETH-Experte Fabien Merz.

Legende: Audio Was tun mit Dschihad-Rückkehrern? abspielen. Laufzeit 04:38 Minuten.
04:38 min, aus Heute um Vier vom 04.07.2017.
  • Der Nachrichtendienst des Bundes hat bis Mai 2017 88 dschihadistisch motivierte Reisen registriert. Davon führten 74 nach Syrien und Irak.
  • In den beiden Konfliktgebieten muss der «Islamische Staat» derzeit den Verlust grosser Teile seines Territoriums hinnehmen.
  • Terrorexperten warnen davor, dass dies zu einer Zunahme an Dschihad-Rückkehrern führen konnte.

Spätestens mit den orchestrierten Terroranschlägen von Paris im November 2015 wurde klar: Europa hat ein Problem mit Dschihad-Rückkehrern. Zum «Homegrown Terrorism», dem die verheerenden Anschläge von Madrid (2004) und London (2005) zugerechnet werden, kam eine neue Gefahr: Dschihadisten, die das Kriegshandwerk im selbsternannten Kalifat des Islamischen Staates erlernt haben – und mit ungeklärten Absichten zurückkehren.

Mann legt Blumen nieder zum Jahrestag des Anschlags.
Legende: 191 Menschen starben 2004 in Madrid, als Attentäter im morgendlichen Berufsverkehr mehrere Bomben zündeten. Reuters

Zwar verfügen die meisten europäischen Staaten – so auch die Schweiz – mittlerweile über Gesetze, die die Unterstützung und Mitgliedschaft in terroristischen Gruppen unter Strafe stellen. Repression und Strafverfolgung allein reichen aber nicht aus, um die Gefahr einzudämmen, sagen viele Experten.

Gefängnisse genügen nicht, um Personen von der dschihadistischen Ideologie wegzubringen.
Autor: Fabien MerzCenter for Security Studies ETH Zürich

So ist es nicht nur schwierig, Dschihad-Rückkehrern Straftaten in Konfliktgebieten nachzuweisen; es stellt sich auch grundsätzlich die Frage, ob Repression allein nachhaltig zum Schutz der eigenen Bevölkerung beiträgt. «Strafverfolgung ist im Umgang mit gewissen Dschihad-Rückkehrern unabdingbar», macht Fabien Merz vom Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich klar.

Aber: Es brauche zusätzliche Massnahmen, um die Personen von der dschihadistischen Ideologie wegzubringen. Denn diese lebt auch hinter Gittern weiter – oder kann sich, wie das französische Beispiel zeigt, manchmal erst dort «entfalten».

Zwei der drei Attentäter etwa, die im Januar 2015 die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» massakrierten und ein Blutbad in einem jüdischen Supermarkt anrichteten, wurden erst im Gefängnis radikalisiert.

Die Lehren aus Frankreich

Die CSS-Studie zum Umgang mit Dschihad-Rückkehrern , Link öffnet in einem neuen Fensterzitiert französische Sicherheitsexperten, die Gefängnisse «als Inkubatoren für Terroristen» bezeichnen; im offiziellen Magazin des IS brüstete sich ein Dschihadist damit, Haftstrafen seien eine «einmalige Gelegenheit» zur Rekrutierung. Frankreich habe lange auf Repression gesetzt, ohne über Massnahmen zur Wiedereingliederung und De-Radikalisierung zu verfügen, sagt Merz.

Die Versuchung ist gross, zu reinen Sicherheitsmassnahmen zu greifen.
Autor: Nicoletta della ValleDirektorin des Bundesamtes für Polizei (fedpol)

Der ETH-Sicherheitsexperte kontrastiert das französische mit dem dänischen Modell: «Auch dort werden Dschihad-Rückkehrer strafrechtlich verfolgt. In Dänemark gibt es aber Programme, die helfen sollen, diese Leute wieder in die Gesellschaft einzugliedern.»

Spannend sei, dass diese Programme ursprünglich eingeführt wurden, um Radikalisierten den Ausstieg aus der links- oder rechtsextremen Szene zu ermöglichen: «Nach den Anschlägen in Madrid und London in den 00er-Jahren wurden die Programme dann umgepolt.»

Fedpol-Chefin: «Kein Patentrezept»

Eine solche Umpolung bestehender Strukturen sei auch für die Schweiz angezeigt, findet der Sicherheitsexperte: «Die Behörden sind sich bewusst, dass es zusätzlich zur Strafverfolgung weitere Massnahmen braucht.» Diese würden derzeit durch den Sicherheitsverbund Schweiz unternommen, dem Koordinationsorgan für die sicherheitspolitischen Akteure von Bund, Kantonen und Gemeinden.

Legende: Video Kampf den Dschihadisten abspielen. Laufzeit 02:04 Minuten.
Aus Tagesschau vom 14.03.2017.

«Die Versuchung ist gross, zu reinen Sicherheitsmassnahmen zu greifen», schrieb auch Nicoletta della Valle, Direktorin des Bundesamtes für Polizei (fedpol) im Vorwort zum dritten Bericht der Task Force «Tetra», der im März vorgestellt wurde.

Es gebe aber kein Patentrezept und keine simplen Lösungen für den dschihadistischen Terrorismus. Für Sicherheitsexperte Merz ist aber klar: «Man darf nicht erst aktiv werden, wenn die Situation zu kritisch ist».

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Giovanni Serini (FreivonReligion)
    Steiner: nichts anbieten diesen Monstern, internieren, isolieren, wir aus dem Westen muessen das machen, islamische Länder haben kein Interesse daran...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Edwin Schaltegger (Edwin Schaltegger)
    Im Prinzip wäre das ganz einfach. Alle IS u. Al Kaida Dschihadisten auf einer möglichst unbewohnten Pazifikinsel internieren. Z.B. auf dem Bikini-Atoll. Dafür bräuchte es nur eine internationale Vereinbarung und Finanzierung. Hier könnten sie niemandem mehr schaden und erst noch gratis schuften für ihre Greueltaten. Aber unsere hochgelobten Menschenrechte lassen ja eine solche Lösung nicht zu. Wir lassen lieber unschuldige Zivilisten abschlachten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Steve Rasmussen (rast)
    ??? Wer aus dem Westen kommt und sich dem IS anschliesst, erklärt seinem Heimatland den Krieg. Ende aus. Die einzige Strafe die dem gerecht würde (und wirksam wäre in der Prävention solcher "Abenteuer"!), wäre der Entzug der Staatsbürgerschaft und das permanente Einreiseverbot.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen