Neue SBB-Züge «Das Projekt war viel zu ehrgeizig»

Menschen warten auf den Zug.

Bildlegende: Der neue Bombardier wird mit beträchtlicher Verspätung in Schweizer Bahnhöfen einfahren. Keystone

  • Es ist die teuerste Zugbestellung in der Geschichte der SBB: 1,9 Milliarden kosten die 62 Doppelstock-Züge des kanadischen Herstellers Bombardier.
  • Die neuen Züge liessen allerdings auf sich warten – drei Jahre schon.
  • Jetzt gibt Bombardier Entwarnung: Die ersten Züge werden im Sommer an die SBB geliefert.
  • Bahnexperte Walter von Andrian sagt: Die SBB trägt Mitschuld an der enormen Verspätung.

«Termingerecht ist längst vorbei», sagt Bahnexperte Walter von Andrian zur Beschaffungs-Odyssee bei den neuen SBB-Doppelstöckern: «Wenn die Züge bestenfalls im Dezember mit einigen Exemplaren fahren, wird das vier Jahre zu spät sein.»

Innovationen bergen immer Risiken, macht der Bahnexperte klar: «Das ist in jedem Bereich der Technik so. Es wird etwas geplant, was dann herauskommt, ist immer mit Überraschungen verbunden.» Zudem sei es gefährlich, bei derart komplexen Projekten von Schuld zu sprechen, so der Herausgeber und Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue». Aber:

«  Die SBB hat mit der Ausschreibung einen riskanten Rahmen gesetzt. »

Walter von Andrian

Der SBB kreidet er drei Planungs-Pannen bei der Beschaffung an:

1. Überbordernder Ehrgeiz

«Das ganze Unterfangen war viel zu ehrgeizig aufgezogen. Die Ausschreibung der SBB hat eine riesige Menge von Forderungen beinhaltet, die etwas unrealistisch waren und wahrscheinlich jedem Anbieter Mühe bereitet hätten. Aber es ist heute so geregelt, dass Bahnen Ausschreibungen machen – also Forderungen stellen – und die Hersteller Angebote unterbreiten müssen. Und da haben sie gefälligst alle Forderungen zu erfüllen. Ob sie es dann können oder nicht, zeigt sich meistens erst später.»

2. Zu hohe Ansprüche

«Die Ausschreibung barg extrem komplexe, teils widersprüchliche Forderungen. Der Zug musste völlig neu entwickelt werden und war extrem komplex konzipiert: Die Fahrzeuge mussten eine Wank-Kompensation aufweisen, das brachte Gewichtsbeschränkungen. Dazu mussten sie Deutschland-tauglich sein, das brachte Grössenbeschränkungen. Schliesslich mussten die Züge auch noch doppelstöckig sein. Es gab unzählige gegensätzliche Forderungen – das Projekt war extrem komplex.»

3. Bewerber versprechen immer alles

«Komplizierte Bestellungen und Aufträge werden die Regel bleiben, wenn die Bahnen weiter fast beliebige Forderungen in den Ausschreibungen stellen können. Das Geld lockt die Hersteller, die alle ums wirtschaftliche Überleben kämpfen müssen. Sie müssen behaupten, dass sie alles stemmen können – und das zum billigsten Preis. Denn sonst bekommt der Konkurrent den Auftrag. Wenn es am Schluss nicht klappt, sind die Bahnen und die Bahnkunden die Leidtragenden.»

Walter von Andrian

Walter von Andrian

srf

Der Bahnfachmann und Diplomingenieur ist seit 1978 Herausgeber und Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue». Zuvor studierte er an der ETH Zürich Elektrotechnik.