Deponie Bonfol: Vom Glücksfall zum Sanierungsfall

Jahrzehntelang ist in der Schweiz sorglos mit giftigen Stoffen hantiert worden. Die Sondermülldeponie Bonfol im Kanton Jura ist nur ein Beispiel davon. Hier lagerten rund 114'000 Tonnen Basler Chemiemüll aus den 1960er- und 70er-Jahren.

Bonfol, das ehemalige Strassenzeilendorf im Kanton Jura, erlangte unrühmliche Bekanntheit durch seine Sondermülldeponie. Hier hat die Basler Chemische Industrie jahrelang hochgiftigen Chemiemüll aus ihren Fabriken deponiert.

Einst als Glücksfall bezeichnet, wurde die Deponie zur Hypothek und zum 380 Millionen teuren Sanierungsfall.

Die Geschichte der Deponie Bonfol im Zeitraffer

    • 1.
      Am Anfang war die Tongrube
      Sicht auf die Zugangsschäechte der Chemiemuelldeponie Bonfol

      Bildlegende: Keystone

      Betrieben wird die Deponie in Bonfol (JU) von 1961 bis 1975. Durch den Erdabbau der Keramikindustrie ist eine wasserundurchlässige Tongrube entstanden. Der hochgiftige Chemiemüll stammt fast ausschliesslich aus Basel, nämlich von den Firmen der Basler Chemischen Industrie (BCI) – unter anderen von den Chemie- und Pharmakonzernen Novartis, Roche, Syngenta, Clariant und BASF (ehemals Ciba).

    • 2.
      114'000 Tonnen Giftmüll
      Fässer mit Chemiemüll

      Bildlegende: SRF

      Während 15 Jahren haben vor allem die Basler Chemische Industrie (BCI), aber auch der Kanton Bern, das regionale Gewerbe sowie die Schweizer Armee in der ehemaligen Tongrube rund 114'000 Tonnen Sonderabfälle deponiert. Es landete fast alles darin, was an giftigen Abfällen anfiel: Destillations- und Filterrückstände, Farbstoffe, Agrochemikalien, chlorierte Lösungsmittel, Galvanikschlamm, radioaktives Tritium der Uhrenindustrie. Die BCI muss Jahre später eingestehen: «Während des Betriebs war es nicht üblich, die Zusammensetzung der Abfälle genau zu bestimmen. Deshalb sind die detaillierte Zusammensetzung und der genaue Ort der Einlagerung nicht bekannt.»

    • 3.
      Deponie wird geschlossen
      Blick auf die bepflanzte Sondermülldeponie

      Bildlegende: Keystone

      1976 ist die Grube voll. Die Deponie wird stillgelegt, mit einem Tondeckel versehen und wieder bepflanzt. Sie umfasst eine Fläche von rund 20'000 Quadratmetern, was vier Fussballfeldern entspricht.

    • 4.
      Wasser läuft in die Grube
      Sicht auf die provisorisch verlegten Entlüeftungsrohre auf der Chemiemuelldeponie Bonfol.

      Bildlegende: Keystone

      1981 wird ein Leck in der Tonabdeckung entdeckt. Wasser läuft in die Grube und es kommt zu Auswaschungen von Schadstoffen. Es folgt eine erste Sanierungsphase zwischen 1986 und 1995: Ein Drainagesystem (Bild) wird angelegt, der Grundwasserspiegel stabilisiert, eine biologische Kläranlage vor Ort gebaut und die Abdichtung der Grube wird verstärkt.

    • 5.
      Greenpeace macht Druck
      Greenpeace-Deponiebesetzer enthüllen ein monumentales Mahnmal in Form eines Totenkopfes.

      Bildlegende: Keystone

      Mit verschiedenen Aktionen und der Besetzung der Deponie macht Greenpeace Schweiz auf die Sondermülldeponie aufmerksam. Im Jahr 2000 – nach jahrelangem Streit und unter grossem öffentlichen Druck – wird eine Einigung erzielt.

    • 6.
      Die Vereinbarung steht
      Franziska Ritter für die Basler Chemische Industrie und Pierre Kohler, Regierungsratspräsident des Kantons Jura, unterzeichnen den Rahmenvertrag zwischen dem Kanton Jura und der BCI zur Sanierung der Sondermülldeponie Bonfol.

      Bildlegende: Keystone

      Die jurassische Regierung und die BCI unterzeichnen am 17. Oktober 2000 eine Vereinbarung, welche die definitive Sanierung der Deponie Bonfol vorsieht. Die BCI übernimmt die operative Verantwortung für die Sanierung. Für die Basler Chemische Industrie unterzeichnet Franziska Ritter, für den Kanton Jura Regierungsratspräsident Pierre Kohler.

    • 7.
      Hürdenlauf für das Sanierungsprojekt
      Bahnschienen zur Deponie Bonfol

      Bildlegende: Keystone

      Bis zum Spatenstich am 3. September 2007, welcher die Sanierung einleiten soll, vergehen mehrere Jahre. Varianten werden erarbeitet und geprüft, Sanierungspartner müssen bestimmt werden, Einsprachen gegen das Projekt laufen, mehrere politische Hürden müssen genommen und Baubewilligungen eingeholt werden. Und für die Sanierung wird das bestehende Schienennetz von «Chemins de fer du Jura» um ca. 700 Meter verlängert.

    • 8.
      Ferngesteuertes Arbeiten unter luftdichter Halle
      Video «Bonfol Zwischenbilanz» abspielen

      Die Vorbereitungsarbeiten laufen

      4:13 min, aus Schweiz aktuell vom 16.4.2009

      Die Vorbereitungen für die endgültige Sanierung beginnen 2007. Über der Deponie wird eine Aushubhalle errichtet: 3000 Tonnen schwer, 150 Meter lang, 122 Meter breit, 40 Meter hoch. Sie deckt die Hälfte der Deponiefläche ab. Ist der Aushub darunter beendet, soll die Halle auf die andere Deponiehälfte verschoben werden. Die Halle wird luftdicht abgeschlossen, den Aushub besorgt ein ferngesteuertes Kran-System.

    • 9.
      Der Sonderabfall rollt nach Deutschland
      Abbau der letzten Schicht in der Deponie Bonfol (2010)

      Bildlegende: Keystone

      Der Aushub wird in Spezialcontainern per Bahn zu den Sonderabfall-Verbrennungsanlagen der HIM GmbH im deutschen Biebesheim und weiteren Entsorgungsbetrieben transportiert. In Drehrohröfen wird der Abfall bei Temperaturen von über 1200°C verbrannt und in chemisch stabile Schlacke umgewandelt.

    • 10.
      Achtung, giftige Atmosphäre!
      Video «114'000Tonnen gfährlicher Abfall» abspielen

      Die Aushubarbeiten beginnen

      3:33 min, aus Schweiz aktuell vom 31.3.2010

      Im März 2010 beginnen die Arbeiten im Innern des Sarkophags. Bis zu zwölf Meter tief wird gegraben, ferngesteuert wird täglich bis zu 160 Tonnen verseuchte Erde abgeführt. Die Luft in der «Zone noire» des Sarkophags ist während der Sanierung so giftig, dass sie gefiltert und verbrannt werden muss.

    • 11.
      Explosion legt Arbeiten lahm
      Video «Neue Bilder» abspielen

      Bilder der Überwachungskamera aufgetaucht

      4:13 min, aus Schweiz aktuell vom 9.6.2011

      Im Juli 2010 kommt es in der Aushubhalle zu einer Explosion. Eine Baggerschaufel trifft am Rand der Grube auf ein explosives Gemisch: Die Verbindung von schlagempfindlichem Chlorat und einer unbekannten, brennbaren organischen Substanz geht in die Luft. Trotzdem geht der Unfall glimpflich aus. Der Maschinist erleidet lediglich leichte Schnittwunden. Aber die Arbeiten müssen für mehrere Monate unterbrochen werden.

    • 12.
      Nach dem letzten Kubikmeter folgt die Aufforstung
      Audio «Zurück zur Idylle» abspielen

      Zurück zur Idylle

      5:44 min, aus Echo der Zeit vom 02.07.2016

      2016 sind die letzten Kubikmeter der verseuchten Erde ausgebaggert und abtransportiert. Die Kosten belaufen sich auf 380 Millionen Franken – dafür kommt das Dörfchen Bonfol nach 55 Jahren wieder zur Ruhe.

      Das Gelände soll nun wieder aufgeforstet werden. Bis sich jedoch der Wasserhaushalt im Gebiet wieder stabilisiert hat, werden noch weitere drei bis vier Jahre vergehen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Bonfol ist wieder sauber

    Aus Schweiz aktuell vom 2.9.2016

    Nach 6 Jahren Arbeit ist der Aushub von rund 200'000 Tonnen chemischen Abfällen im jurassischen Bonfol abgeschlossen. Die Kosten von 380 Millionen Franken übernimmt die Basler Chemie AG. Die Sanierung ist auch ein Erfolg für die jurassische Regierung, die sich stets dafür eingesetzt hatte, dass die giftigen Substanzen wieder aus dem Boden entfernt werden.