Der Botschafter bei der EU: Ein Mann mit Actionheld-Qualitäten

Einer ist bei Staatsbesuchen, wie dem aktuellen von Bundesrat Berset in Brüssel, mit gefordert: Roberto Balzaretti, Schweizer Botschafter bei der Europäischen Union. Er besetzt den zur Zeit wohl wichtigsten Aussenposten der Schweizer Diplomatie. Doch wer ist der Mann?

Video «Balzaretti und seine schwierige Mission» abspielen

Balzaretti und seine schwierige Mission

4:55 min, aus 10vor10 vom 1.6.2015

Zum ersten Mal, seit die neue EU-Kommission im Amt ist, hat Gesundheitsminister Alain Berset Brüssel besucht. Und wie er sich da in internationaler Mission über das politische Parkett bewegte, mit insgesamt vier EU-Kommissaren Gespräche führte, ist ein Mann nicht von seiner Seite gewichen: Roberto Balzaretti, Schweizer Botschafter bei der EU.

Der gebürtige Tessiner besetzt den wohl wichtigsten, aber auch schwierigsten Aussenposten der EU. Immer wieder neu muss er zur Schweizer Demokratie Red und Antwort stehen und insbesondere das Ja zur Masseineinwanderungsinitiative erklären – eine Situation, die ihm fast schon Action-Held-Qualitäten abverlangt. Ob er die hat oder nicht, lässt sich am besten mit Blick auf seinen Alltag erwägen.

«Robert de Niro ist ein bisschen kleiner»

Wenn in Brüssel noch vieles im Dunkeln liegt, beginnt der Tag für Roberto Balzaretti. Beim Morgenspaziergang mit seinen Hunden findet der fünffache Familienvater Zeit, um abzuschalten. Oder um über jenes Porträt nachzudenken, in dem er mit Robert de Niro verglichen worden ist.

Zu Unrecht, findet Balzaretti: «Er ist ein bisschen kleiner, hat dunkle Augen, ist dunkelhaarig. Er sieht also nicht ganz so aus wie ich.» Schon eher sei er typenähnlich mit Bruce Willis, meint er mit einem Augenzwinkern. Mit seinen 1 Meter 89 ist Balzaretti noch etwas grösser als Bruce Willis. Aber ist der gebürtige Tessiner aus Mendrisio auch unerschrocken wie ein Actionheld?

Mission impossible

Balzaretti hat einen Job fast so schwierig wie der von Bruce Willis in seinen Filmen: Er muss die EU davon überzeugen, das Freizügigkeitsabkommen mit der Schweiz neu auszuhandeln.

Ist das eine Aufgabe, die Spass macht? «Intellektuell gesehen ist es spannend, aber die Situation ist eine angespannte. Also ob das Spass macht, das können Sie selber entscheiden.»

Halb acht Uhr. Der erste Schweizer in Brüssel ist meistens auch der erste im Büro. Genauer: in der Schweizer Mission bei der Europäischen Union. Hier ist Balzaretti Chef von 50 Angestellten. Und hier begann vor 23 Jahren die steile Karriere des heute 50-Jährigen.

Anno 1992 – jüngster Diplomat in Sachen EG

1992 reichte die Schweiz bei der EU-Vorgänger-Organisation, der EG, ein Beitrittsgesuch ein. Balzaretti war damals 27 und auf seinem ersten Auslandsposten in Brüssel. Als jüngster Diplomat in der Mission war er auserkoren worden, die Aktentasche mit dem Beitrittsgesuch in die EG-Zentrale zu tragen.

Heute ist es Balzaretti, der den Bundesräten in Brüssel den Weg weist. Er kennt sich aus in den Gängen der EU-Zentrale, er bewegt sich routiniert auf dem Parkett der EU-Politiker. Und er macht keinen Hehl daraus: Er hat im vergangenen Jahr gegen die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt.

Hand aufs Herz, Herr Botschafter: Sie können die Interessen der Schweiz doch gar nicht glaubwürdig vertreten. «Wir wissen, dass in unserem Land ein Volksentscheid nicht nur zu respektieren, sondern auch zu verinnerlichen ist. So funktioniert die Schweiz.»

Auf der Anklagebank vor EU-Parlamentarier

EU-Parlament, 11 Uhr. Balzaretti ist vor den Binnenmarkt-Ausschuss geladen. Die Parlamentarier sehen in der Masseneinwanderungsinitiative ein Problem. Sie stellen den Schweizer Botschafter zur Rede. Balzaretti verteidigt sich vor den Parlamentariern: «Ein Volksentscheid ist nie ein Problem, er ist der demokratische Ausdruck des Willens des Volkes. Man muss hören, was die Menschen sagen. Und man muss versuchen, ihre Erwartungen zu erfüllen.»

Eine Abgeordnete aus Rumänien redet sich in Rage: «Als Unternehmer haben wir Tausende von Euro investiert, um in der Schweiz Technologie zu kaufen! Da brauchte ich ein Visum für die Schweiz! Aber der Schweizer, der kam ganz leicht in mein Land, nach Rumänien! Man kann doch nicht sagen: Den Schweizer Käse behalten wir für uns, und der Rest geht uns nichts an!»

Balzaretti bleibt ruhig: «Madame, Sie haben von Visa gesprochen, das hat mich ein bisschen überrascht, es gibt überhaupt keine Visapflicht mehr für EU-Bürger in der Schweiz. Aber wirklich keine.»

Nach dem Schlagabtausch die Charmeoffensive. Der Botschafter sucht das persönliche Gespräch.

Gute Noten vom Rivalen

Andreas Schwab, EU-Abgeordneter aus Deutschland, schätzt den Schweizer Botschafter: «Er hat einen italienischen Namen, und vielleicht hat er auch etwas italienisches Blut mit dem schweizerischen gemischt.» Balzaretti sei ein sehr höflicher, lustiger, aber manchmal auch impulsiver Partner.

«Ich glaube, dass die Schweiz ihre Interessen nicht besser aufgehoben fühlen könnte als bei ihm.» Schwab vertritt die Interessen der EU: «Insofern haben wir gelegentlich auch Streit.»

Nach Feierabend wird gekämpft

Auf Streit macht sich Balzaretti auch nach Feierabend gefasst, beim Training im koreanischen Kampfsport Taekwon-Do. Heute gilt es eine Prüfung zu bestehen, Balzaretti will vom grünen zum blauen Gürtel aufsteigen.

Der Unterschied zwischen Taekwon-Do und Diplomatie? «Keinen, auch hier geht es um Disziplin, um Durchhaltefähigkeit, um Teamarbeit, um Training.» Und ab und zu müsse man auch ein bisschen Humor haben, es gelinge nicht immer alles.

Mit dem blauen Gürtel wird Balzaretti beweisen müssen, dass er Höheres anstreben und auch erreichen kann. So besagt es die Lehre von Taekwon-Do.