Der Hausarzt von morgen will kein Einzelkämpfer mehr sein

Immer weniger Patienten suchen ihren Hausarzt in dessen eigener kleiner Praxis auf. Dafür haben Gruppenpraxen immer mehr Zulauf, wie die neusten Zahlen zeigen. Ihre Anzahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht.

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Rezepte gegen Hausärztemangel

2:26 min, aus Tagesschau vom 31.3.2016

Der typische Hausarzt von gestern war männlich, arbeitete in seiner eigenen Praxis, und das quasi rund um die Uhr. Dieses Berufsbild hat ausgedient:
Die jungen Hausärztinnen und Hausärzte von morgen wollen keine Einzelkämpfer mehr sein.

Die meisten wollen in Gruppenpraxen arbeiten, wie neun von zehn künftigen Hausärzten dies in einer Umfrage ihres Berufsverbandes angaben.

Grafik mit zwei Kurven.

Bildlegende: Medizinsche Grundversorgung in der Schweiz Die beiden Szenarien zeigen die zukünftige Versorgung mit Hausärzten in der Schweiz. hausaerzteschweiz

Immer mehr Gruppenpraxen

Eine neue Studie der Haus- und Kinderärzte Schweiz zeigt nun, dass dieser Strukturwandel tatsächlich auch stattfindet: In den letzten zehn Jahren ging die Zahl der Einzelpraxen um ein Drittel zurück, gleichzeitig verdreifachten sich die Gruppenpraxen schweizweit. «Der Strukturwandel hat sich in den vergangenen Jahren sehr beschleunigt», sagt Marc Müller, Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz. Er sei zuversichtlich, dass diese Botschaft nun überall angekommen sei.

Nachfolge regeln

Damit spricht Müller vor allem auch die älteren Hausärzte an, denn der Hausarztmangel in der Schweiz hat auch mit den verkrusteten Strukturen zu tun,
die sich nur langsam aufweichen. So lassen sich denn auch für die vierzig Prozent Einzelpraxen, die es heute noch gibt, nur schlecht Nachfolger finden.
Die mehrheitlich älteren Einzelkämpfer müssten «notgedrungen überlegen, wie sie ihre Nachfolge regeln können», sagt Müller. Dazu gehöre, dass die Nachfolger «attraktive Strukturen» vorfänden.

Junge Ärzte haben andere Bedürfnisse

So kann eine Nachfolge etwa als Gruppenpraxis organisiert werden. Dies ermöglicht es auch, auf den Wunsch junger Ärtzinnen und Ärzte einzugehen, im Schnitt bloss zu einem Pensum von 70 Prozent zu arbeiten. Insofern hat es die Ärzteschaft auch selber in der Hand, für attraktivere Berufsbedingungen zu sorgen – und so dem Hausarztmangel entgegenzuwirken.

Riesenlücke bei den Hausärzten

Der Hausarztmangel wird sich in den kommenden Jahren weiter zuspitzen. Auf diesen Umstand macht der Verband Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe) aufmerksam. Zwar habe das Volk vor zwei Jahren die Volksinitiative zur medizinischen Grundversorgung durch Hausärzte deutlich angenommen, trotzdem drohe eine Versorgungslücke. Konkret: Bereits heute fehlen über 2000 Vollzeit-Hausärzte, um die von der OECD empfohlene Versorgung von einem Hausarzt für 1000 Einwohner zu erreichen; und diese Lücke werde sich rasch vervielfachen. Mehr als 60 Prozent der heute tätigen Hausärzte würden in den nächsten zehn Jahren ihre Praxistätigkeit altershalber einstellen. Deshalb müssten dringend sowohl kurz- als auch langfristige Massnahmen im Bereich der Aus- und Weiterbildung ergriffen werden.