Der heisse März vor 20 Jahren: Eine Frau in den Bundesrat!

Anfang März 1993: Die SP will eine Bundesrätin – Christiane Brunner, als Ersatz für den abtretenden René Felber. Die bürgerliche Mehrheit wählt aber Nationalrat Francis Matthey. Tausende Schweizer Frauen fordern: «Machen Sie Platz, Monsieur!» Am 10. März wird Ruth Dreifuss zur Bundesrätin gewählt.

Auf Ende März 1993 reicht ein SP-Bundesrat seinen Rücktritt ein – René Felber. Für die SP ist klar: Es ist Zeit für eine sozialdemokratische Bundesrätin. Sie schicken die Gewerkschafterin und SP-Nationalrätin Christiane Brunner ins Rennen.

Am 3. März 1993 wählt die bürgerliche Mehrheit im Parlament SP-Nationalrat Francis Matthey in den Bundesrat – anstatt der offiziellen SP-Kandidatin Brunner. Ein Coup.

Tränengas vor dem Bundeshaus

Schock bei den Linken im und vor dem Bundeshaus. Der gewählte Bundesrat Matthey und die SP bitten um Bedenkzeit. Die Sitzung wird um eine Woche vertagt.

Vor dem Bundeshaus greift die Polizei ein – mit Tränengas. Die weibliche Volksseele kocht. Am 8. März entscheidet die SP-Fraktion, bei der zweiten Runde der Bundesratswahl erneut mit Christiane Brunner anzutreten. Als zweite Kandidatin stellt sie Ruth Dreifuss auf.

Zwei Tage später stehen schon frühmorgens Tausende vor dem Bundeshaus – vor allem Frauen. Francis Matthey verzichtet auf das Amt, der Druck ist offenbar zu gross. Im dritten Wahlgang wird Ruth Dreifuss zur Bundesrätin gewählt. Dieser «Brunner-Effekt» gibt der Schweizer Frauenbewegung der frühen 90er-Jahre neuen Auftrieb.