«Der Klimawandel langweilt uns»

Wir wollen die Energiewende. Aber: Ist das Ziel realistisch? Ein Experte meint: Der Wille für eine solche Wende sei zu schwach ausgeprägt. Die Gesellschaft wolle so weiterfahren wie bisher. Die Wirtschaft sowieso. Der Spezialist äussert Vorwürfe – gegenüber manchen Medien.

Bis 2050 will die Schweiz die Energiewende geschafft haben. Was müsste dafür geschehen? Der Energieverbrauch muss sinken, zum Beispiel. Doch ist eine Senkung des Verbrauchs überhaupt möglich? Die Geschichte spricht dagegen. Seit der industriellen Revolution vor rund 160 Jahren ist der Energieverbrauch weltweit gestiegen. Auch in der Schweiz.

«Es fehlt der Beweis»

Gewachsen ist zugleich der Verbrauch von nicht erneuerbaren Energieträgern – Kohle, Öl und Gas. Diese fossilen Energieträger machen je nach Quelle zwischen 80 und 87 Prozent des Gesamtverbrauchs aus. Ihre Reserven seien «bald» erschöpft, heisst es. Und: Es drohe ein Klimawandel. Wie ernst nimmt die Gesellschaft das Thema?

«Das Problem des Klimawandels ist, dass er langweilig ist. Er lässt die Menschen ratlos zurück.» Das sagt Marcel Hänggi, ein Journalist mit dem Spezialgebiet Klima- und Energiepolitik. Er kritisiert die Medien: Bei akuten Vorfällen, etwa Dürre und Überschwemmung in Australien, gebe es keine Berichte zu den grösseren Zusammenhängen. Ein Grund für die Zurückhaltung: «Es fehlt nun mal der Beweis für den Klimawandel als Ursache.»

Der Klimawandel werde «medial unterschätzt», glaubt Hänggi. Manche Medien würden den Menschen nicht zwingend als Verursacher des Wandels ansehen, sie würden ihn gar leugnen.

Kartell der Opec

Die Energiestrukturen sind über Generationen gewachsen. Die ersten Unternehmen im Energiebereich waren die US-Riesen Standard Oil von John D. Rockefeller, die Werke von Autobauer Henry Ford und die Firmen des Eisenbahnmoguls Cornelius Vanderbilt. Energie und Mobilität waren die ersten Bedürfnisse der modernen Menschheit, und sie sind es geblieben. Hänggi: «Auch wenn von Bildung oder anderen Dingen geredet wird: Energie ist die zentrale Ressource.»

Die Gesellschaft wolle so weiterfahren wie bisher, glaubt der Journalist. Und wirtschaftliche Interessen zielten in dieselbe Richtung. Von den zehn grössten börsenkotierten Unternehmen der Welt waren im vergangenen Jahr acht im Energiegeschäft. Wie will man diese Konzerne stoppen? Und wie soll man die Opec bremsen, die Organisation der Erdöl exportierenden Länder? Sie ist ein Kartell von Staaten, nicht von Unternehmen. Hänggi, resignierend: «So etwas lässt sich nicht zerschlagen.»

Zur Person Marcel Hänggi

Marcel Hänggi ist Wissenschaftsjournalist und Autor zweier Bücher zum Thema Klima. Der freischaffende Publizist ist zudem Dozent am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Er hatte Geschichte und Germanistik studiert.

Joules mit 20 Nullen

1992 betrug der weltweite Energieverbrauch 3,5 x 1020 Joules. Die Schweiz verbrauchte 1018 Joules. Zum Vergleich: Ein Liter Erdöl enthält 3,8 x 107 Joules, die beim Verbrennen zu Wärme umgewandelt werden.