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Schweiz Der Mann, den niemand will

In einem Kinderheim in Güttigen (TG) tötete ein Knabe seine Mitbewohnerin mit 23 Messerstichen. Er war damals 13, sie 15. Seit der Bluttat sind acht Jahre vergangen. Der Knabe ist heute ein junger Mann – und macht den Schweizer Justizbehörden immer noch Kopfzerbrechen.

Legende: Video «Wie weiter mit Fabian, einem psychisch kranken Schwerverbrecher?» abspielen. Laufzeit 8:48 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 27.12.2013.

«Klein, dick und dumm», hat sie ihn genannt, einen «Fettsack». Zwei Jahre lang. Täglich. Gepiesackt, gestichelt, geärgert. In einem Heim in Güttingen am Bodensee, einem alten Riegelbau, da haben der Knabe und das Mädchen gelebt, zusammen mit anderen Kindern und Jugendlichen, die auffällig sind oder in einem schwierigen elterlichen Umfeld aufwachsen.

Klein, dick und dumm. Solche Sprüche habe er als Knabe schon sein ganzes Leben lang gehört, sagt seine Mutter. Es ist ein schöner Maientag 2005, da hört er das Mädchen duschen. Schnappt sich ein Küchenmesser. Stösst die Tür zur Dusche auf. Sie schreit. Sie kratzt. Sie reisst ihn an den Haaren. Er ist stärker. Dreiundzwanzigmal Mal rammt er das Messer bis zum Anschlag in ihren Körper. Rücken, Bauch und Hals. Er schleppt die Leiche die Holztreppe runter. Versucht sie in den Container zu stopfen vor dem Haus. Zu schwer. Er lässt sie auf dem Trottoir liegen.

«Schlimmster Fall»

Die Bluttat von Güttingen schockierte vor acht Jahren die Schweiz. Der Knabe ist heute ein junger Mann – und beschäftigt das Schweizer Justizsystem noch immer. «Das ist ein Fall, wie es ihn in der Schweiz höchstens eine Handvoll gibt», sagt Marcel Ruf, Direktor der Strafanstalt Lenzburg.

Das Jugendgericht Entlebuch sprach ihn im Mai 2006 der vorsätzlichen Tötung schuldig und wies ihn in ein Erziehungsheim ein. Den grössten Teil seiner Jugend verbrachte er im Jugendheim Aarburg. Der Therapie-Erfolg war gering, der Aufwand enorm. Leute, die ihn in Aarburg kennengelernt hatten, beschreiben ihn als aggressiv und schnell reizbar. Erfahrene Jugendarbeiter sprechen vom «schlimmsten Fall, den wir je hatten». Er wurde mehrmals in verschiedene Bezirksgefängnisse verlegt, war dort aber nach wenigen Wochen jeweils nicht mehr tragbar.

Heute ist er 22 Jahre alt. Die vom Jugendgericht angeordneten Massnahmen gelten nicht mehr. Doch weil er zu gefährlich ist für die Freiheit, steckt er immer noch im Gefängnis. Er ist im Sicherheitstrakt der Justizvollzugs-Anstalt Lenzburg untergebracht. Dies im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung, angeordnet von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Entlebuch. Eine solche zivilrechtliche Massnahme darf bei Personen angewendet werden, «die an einer psychischen Störung oder an geistiger Behinderung leiden», wie die zuständige Behörde schreibt.

Eine lange Liste von Störungen

Die Psychiater sprechen von einer langen Liste an Persönlichkeitsstörungen, an denen der junge Mann leidet: Gewaltbereitschaft, Hyperaktivität, Dominanzstreben, Realitätsverlust. Aufgrund dieses Krankheitsbildes müsste er in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik untergebracht werden; diese wollen ihn aber nicht, weil er zu gefährlich ist. «Eigentlich müsste man für solche Leute eine gesicherte Abteilung mit psychiatrischer Betreuung haben. Aber das ist bei einer solch kleinen Anzahl an Tätern nicht finanzierbar», sagt Gefängnisdirektor Marcel Ruf.

Roger Burges war Anwalt der Mutter des Opfers und ist gleichzeitig Fachexperte für Fragen der Fürsorgerischen Unterbringung. Auch er sieht momentan keine andere Möglichkeit, schwer kranke und gefährliche Menschen unterzubringen, die strafrechtlich gar nicht verurteilt sind. «Es ist eine denkbar schlechte Massnahme, aber eine bessere kennt man nicht. In einer psychiatrischen Klinik könnten sich automatisch wieder Konfliktsituationen mit anderen Patienten ergeben, die wieder in einer Katastrophe enden.»

Aus dem Kind, das tötete, ist ein Mann ohne Zukunft geworden. Psychiater erstellen alle sechs Monate ein Gutachten. Solange sich sein Zustand nicht verbessert, bleibt er eingeschlossen. Er hat mit 13 Jahren, schon als Kind, die Essenz des Lebens, seine Freiheit, verloren. Vielleicht für immer.

Jasmin, sein Opfer, hat mit 15 alles verloren. Sie wurde auf einem Friedhof in der Ostschweiz begraben. Ihr Berufswunsch war Floristin zu werden.

(rism)

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Mehr dazu sehen Sie in der Sendung «Schweiz aktuell» um 19.00 Uhr auf SRF 1.

22 Kommentare

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  • Kommentar von Tom Duran, Basel
    Bildung würde helfen! Ich weiss ja nicht, aus welchem Umfeld dieser Junge kommt. Aber die Sendung über ihn und seine Angehörigen lassen auf ein eher tiefes Niveau schliessen. Dazu kann ich meine Erfahrungen kund tun: als Mitarbeiter im IV Bereich sehe ich leider, dass viele psychisch Kranke durch eine falsche Erziehung mit unterbelichteten Eltern herrührt! Das ist hart und will niemand wahrhaben. Ist aber leider so! So entstehen Abhängigkeiten, die dem Kind sicher nicht förderlich sind!
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    1. Antwort von M. Keller, Thurgau
      Ein Mobbingopfer muss sehr viel erleiden. Oft sind die dann psychisch so fertig, das die IV sich mit jenen abgeben "muss"... Bis ein Mobbingopfer durchdreht, ist sehr viel vorgefallen, das passiert nicht grundlos! Meist begünstigt durch fehlende Aufsicht im Umfeld (Lehrer, Eltern, Erwachsene, Amtsstellen die nicht einschritten). Jene werden auch im Nachhinein kaum für ihre Taten verantwortlich gemacht. MobbingOPFER sind IMMER verantwortlich für ihre Taten...
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    2. Antwort von M. Keller, Thurgau
      Ergänzung: meist ist es dann so, das alles, was vor dem "Durchdrehen" des Mobbingopfers war, ausgeblendet wird. Als sei es eine spontane Aktion gewesen. Auf dieser Basis wird dann therapiert, und man wundert sich, warum die Therapie nicht hilft... Wetten, das in diesem Fall das vorgehende Mobbing ebenfalls ausgeblendet wurde, und der heute 22jährige deswegen "untherapierbar" sei? (Realitätsfremd: bsp. er behaupte da sei Mobbing gewesen, Arzt sagt nein) Es wäre bei weitem nicht das erste mal...
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  • Kommentar von Rolf Hermann, Zuerich
    Wenn Mann/Frau andere Menschen fertig macht, sollte Frau/Mann wissen wann genug ist. Sie hat nicht gewusst, dass die stillen, die sich nie wehren, alles schlucken, dann irgendwann explodieren koennen. Dann sehen wir eine Ueberreaktion in so tragischem Ausmass. Wo waren denn die Paedagogen in dem Heim. Die haben wider nix mitgekriegt in den zwei Jahren?!?!?!? Was laeuft falsch bei der Ausbildung? Zuviel theoretische Erziehungskonzepte. Zuwenig common sense.
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    1. Antwort von Beppie Hermann, Bundey
      Seit jeher neigen Menschen zu unmenschl.Taten.Schlimm,viele davon tun es unbewusst.Eltern,Pädagogen,Mitschüler+Betroffene tun unhinterfragt das,was ihnen widerfahren,die Momentsituation aufdrängt.So divers Menschen,Umfeld,Vererbung usw sind,so unendlich die Reaktionen.Junior,in jungen Jahren als gestörter Autist gestempelt+geplagt,mit angeboren viel zu gr.Innenohrfenstern,musste erst lernen,mit seinem Hundegehör umzugehen.Wir Eltern,die Versager!Neueste Technik klärte dies nach erst über 30J.
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  • Kommentar von Urs Rösli, Zürich
    Traurig!! Mich erstaunt: Man macht mit ihm Therapien mit Psychiatern, er ist eingesperrt. Und er sagt in einem Satz: "Ich kann besser umgehen mit einem Hund als mit einem Menschen. Ein Hund beruhigt mich mehr als ein Mensch. Tiere haben seit meiner Kindheit zu mir gehört." Sollte man denn nicht einfach auf dieser Basis arbeiten anstatt immer noch mehr Therapeuten etc. zu involvieren. Wenn ich höre, was dieser Täter alles ist, frage ich mich, WILL man überhaupt etwas Positives erkennen....
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