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Nach dem Bergsturz im Bergell «Der Mensch glaubt nicht, dass er das Opfer sein kann»

SAC-Experte Hans-Rudolf Keusen erklärt, wie Gemeinden und Berggänger vor Naturgefahren gewarnt werden. Oft würden solche Warnungen ignoriert.

Legende: Video Interview mit Hans-Rudolf Keusen abspielen. Laufzeit 04:02 Minuten.
Aus 10vor10 vom 24.08.2017.

SRF: Wie misst man heutzutage das Risiko in einem Hang?

Hans-Rudolf Keusen: Der Geologe hat verschiedene Elemente. So kann er beispielsweise Feldbeobachtungen durchführen. Zudem stehen ihm mehr und mehr gute Messungen zur Verfügungen. In den letzten Jahren wurde diese perfektioniert, so dass man die Bewegungen am Berg sehr genau verfolgen kann.

Wie macht man das?

Man hat heute Messmethoden, bei denen man nicht in den Felsen muss, sondern die Felswand aus der Distanz mit Radar oder mit Laser beobachten kann. Aufgrund von Distanzmessungen kann man so kleinste Bewegungen im Millimeterbereich messen.

Wie merkt man, wie akut eine Gefahr ist?

Man muss die Veränderungen zu vorhergehenden Messungen anschauen. Gibt es da eine Zunahme? Oder unter Umstände sogar eine Beschleunigung der Bewegungen? Das ist ein erhöhtes Alarmsignal.

Wann muss der Geologe die Behörden informieren und sagen, die Situation ist gefährlich?

Der Geologe muss entscheiden, ob ein Risiko besteht. Wenn er zum Schluss kommt, dass die Gefahr gross ist, dann muss er als erstes die Gemeinde informieren.

Haben Sie solche Situationen auch schon erlebt?

Ja, ich war schon mehrmals in solchen Situationen.

Hören Gemeinden auf diese Warnungen?

Diese Warnungen werden gehört. Manchmal muss man sie vielleicht schriftlich abgeben, damit einem auch wirklich geglaubt wird, dass eine Gefahr besteht. Aber in der Regel wird darauf gehört.

Wie gelangen diese Warnungen zu den Berglern und den Alpinisten?

Die Gemeinde muss danach entscheiden, was sie mit dieser Information macht. Sie muss natürlich in erster Linie die Siedlungen schützen und dann natürlich auch die Wanderwege, welche durch das gefährdete Gebiet führen.

Wie machen die Gemeinden das?

Im Bergell gibt es einen Weg zwischen den beiden SAC-Hütten Sciora und Sasc Furä. Diesen hat man nach dem ersten Bergsturz 2011 sofort gesperrt. Es war verboten, da durchzulaufen. Trotzdem ist bekannt, dass viele Bergsteiger den Weg nach wie vor genutzt haben.

Wir wissen nicht, was im konkreten Fall passiert ist und wo die Menschen sich befinden. Aber zeigt Ihre Erfahrung generell, dass Menschen die Gefahren oft unterschätzen?

Menschen haben das Gefühl, dass es nur andere, nicht aber sie selbst trifft. Das beobachtet man häufig. Der Mensch glaubt nicht, dass er das Opfer sein kann.

Das Interview führte Arthur Honegger.

Hans-Rudolf Keusen

Hans-Rudolf Keusen

Hans-Rudolf Keusen ist Experte für Naturschutz-Gefahren beim Schweizer Alpen Club SAC.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Stefan Keel (S. Keel)
    Ich kann aus den Erfahrungen anderer lernen, um schmerzhafte Fehlentscheide zu vermeiden. Ja, es kann tatsächlich sein, dass ich das Opfer bin, wie Herr Keusen im Beitrag sagt. So ist nicht nur die Wahrscheinlichkeit, sondern auch das Schadenausmass wichtig bei der Bewertung des Risikos. Ist es notwendig, dass ich dieses Risiko mit möglichen Todesfolgen eingehe? Nein, ich möchte mein Leben nicht verlieren und meiner Familie und meinen Freunden, Bekannten und Kollegen nicht grosses Leid bereiten.
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Ja und der "Kitzel" spielt auch eine Rolle...
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Als Bergsteiger frage ich kritisch, warum der SAC Hütten weiter bewirtet, obwohl der Hauptaufstieg(!!) zu den Hütten als grosses Gefahrengebiet ausgewiesen ist. Hier handelte man von Seiten des SAC doch recht inkonsequent, ähnlich jenen, die Gefahren ignorieren. Denn mit Verlaub: Wäre die Bewirtung der Sciora mit der Gefahrenwarnung eingestellt und das so offiziell begründet worden, dann wäre von diesen acht keiner auf der Hütte gewesen. Denn: Hütte offen = Weg zur Hütte offen.
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