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Schweiz «Der Migrationsdruck auf Europa wird anhalten»

Im Juli schnellten die Asylgesuche in der Schweiz um 30 Prozent in die Höhe. Dafür seien die vielen Krisenherde rund um Europa verantwortlich, sagt Mario Gattiker, Direktor des Bundesamts für Migration. In der Folge kämen mehr traumatisierte Flüchtlinge in die Schweiz.

Flüchtlinge in einer Schlange vor einem italienischen Militärschiff
Legende: Italien ist mit dem Ansturm der Flüchtlinge überfordert und hat den europäischen Grenzschutz Frontex um Hilfe gebeten. Keystone

SRF: Mario Gattiker, wie erklären Sie sich die massive Zunahme von Asylgesuchen im Juli?

Mario Gattiker: In diesen Zahlen spiegeln sich die vielen Krisen an den Rändern Europas, etwa in Syrien, dem Irak, im Mittleren und Nahen Osten, aber auch in Libyen. Zusammen mit der hohen Zahl an Anlandungen in Italien führt dies zu einem Migrationsdruck, der sich in hohen Gesuchszahlen niederschlägt.

Es wurden vor allem Asylgesuche aus Syrien erwartet, diese gehen aber zurück. Dafür nehmen Gesuche von Eritreern massiv zu. Wie kommt das?

Das hat ebenfalls mit den Anlandungen in Italien zu tun, wo ein Drittel der Flüchtlinge aus Eritrea kommt. Wir haben eine Weiterwanderung in die Schweiz, weil hier schon eine Diaspora von rund 20'000 eritreischen Flüchtlingen besteht.

Kann man diese hohe Zahl an Flüchtlingen in den Empfangszentren des Bundes bewältigen?

Wir sind sicher stark herausgefordert, aber noch nicht in einer ausserordentlichen Situation. Wir sind in der Lage, die Registrierung und Unterbringung sicherzustellen. Es ist aber klar, dass wir unsere Kapazitäten auch erweitern mussten und sind mit den Kantonen in Kontakt, um weitere Unterbringungskapazitäten bereitzustellen.

In welchem Umfang braucht es zusätzliche Kapazitäten?

Unsere Prognose beläuft sich auf rund 24'000 Asylgesuche in diesem Jahr, mit einem Spielraum von 2'000 zusätzlichen Gesuchen. Mit der momentanen Entwicklung dürfte dieser Spielraum bis Ende Jahr nach oben ausgeschöpft sein. Daher müssen sich Bund und Kantone auf Eventualplanungen vorbereiten.

Es sind viele verletzliche Personen, viele Familien, die Asylgesuche stellen. Verändert das die Situation?

Die überwiegende Mehrheit der neuen Asylsuchenden stammt aus Krisengebieten, aus Kriegen. Da ist die Zahl der verletzlichen und traumatisierten Personen naturgemäss viel höher. Das stellt höhere Anforderungen an die Betreuung und medizinische Unterstützung dieser Menschen.

Im Juli wurden 2000 Gesuche für die Rückführung von Flüchtlingen in Dublin-Staaten gestellt. Tatsächlich durchgeführt wurden 192 Rückführungen. Wie kommt es zu diesem krassen Missverhältnis?

Die Zahl der Überstellungen bewegt sich im normalen Bereich. Wir werden alles daran setzen, dass gerade in Zeiten zunehmender Asylgesuche das Dublin-Abkommen gut funktioniert.

Es heisst, Italien registriere ihre Flüchtlinge zunehmend nicht mehr. Stimmt das?

Wegen der logistischen Probleme, die die grosse Zahl an Anlandungen verursachen, kann Italien nicht mehr alle Flüchtlinge registrieren. Das merken wir auch in der Schweiz:

Der Abklärungsaufwand, um festzustellen, woher eine Person eingereist ist – und das ist die Grundlage für eine Rückführung eines Flüchtlings in einen Dublin-Staat – wird ungleich grösser, wenn diese Person nicht bereits in einer Fingerabdruck-Datenbank registriert ist.

Wie sind Ihre Prognosen für die Zukunft?

Die Krisen und Konflikte an den Rändern Europas sind zahlreich. Deshalb wird der Migrationsdruck auf Europa in nächster Zeit anhalten. Die Situation in Italien ist aber sehr stark abhängig von der Situation in Libyen, hier kann sich die Lage schlagartig ändern. Deshalb ist es sehr schwierig, Prognosen zu stellen.

Das Interview führte Philipp Burkhardt

Mario Gattiker

Porträt Mario Gattiker
Legende: Keystone

Der vierfache Familienvater ist 1956 in Zürich geboren und studierte Rechtswissenschaften. 2001 übernahm er die Leitung des Sekretariats der Eidg. Ausländer­kommission und wurde Chef der neuen Sektion Integration im Bundesamt für Ausländerfragen. Seit Anfang 2015 ist Gattiker Staatssekretär des neuen Staatssekretariats für Migration (SEM).

26 Kommentare

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  • Kommentar von B. Kerzenmacher, Frauenfeld
    Die CH wird noch über viele Jahre Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen müssen. Denn es wird viel Zeit in Anspruch nehmen, bis in afrikanischen Ländern und Ländern des Nahen Ostens demokratische Regierungen die Ruder übernommen haben. Und die Politik Europas, mit subventionierten Gütern die Wirtschaft in diesen Ländern unten zu halten, trägt den Rest zu den Migrantenströmen bei. Und die ganz grossen Migrationsströme kommen erst noch! (Die Welt - muss-Afrika-zwei-Milliarden-ernaehren)
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  • Kommentar von W.Ineichen, Luzern
    In früheren Jahrhunderten gingen Staaten mit Soldaten auf Eroberungszüge. Eroberer sind heute viel schlauer. Sie schicken ihre Einwohner als Flüchtlinge auf Eroberungszüge. Diese werden anders als Soldaten nicht bekämpft, sondern freundlich aufgenommen und barmherzig betreut. Der Eroberungszug hat nichts gekostet, im Gegenteil. Die Eroberer leben auf Kosten der Eroberten und werden ihnen ihre Auffassung von Rechtsordnung und Religion aufzwingen. So läuft der moderne Kolonialismus.
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  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    Wenn ich so etwas lese, kommt mir das kalte Kotzen! Nicht nur, dass die CH mit bald 25% eh schon den grössten Ausländeranteil Europas hat und man sich an gewissen Orten wie im Balkan vorkommt - jetzt fluten jedes Jahr 10000e, grösstenteils aus dem islamischen Kulturkreis, in dieses Land, die man nie und nimmer wieder los wird, selbst wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird. Will Bundesbern durch diese rapide Umvolkung eigentlich einen Bürgerkrieg provozieren? Sind wir die designierten neuen Indianer?
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