Der Spagat zwischen Nähe und Distanz

Was vor zwei Wochen in einem Zürcher Gefängnis geschah, klingt wie aus einem Hollywood-Film: Eine Aufseherin verhilft einem Vergewaltiger zur Flucht. Dieser Extremfall ist die Ausnahme. Dennoch entsteht immer eine Beziehung zwischen Aufsehern und Insassen. Sie gut zu gestalten, ist nicht einfach.

Aufseher in einem Gefängnis schliesst eine Gittertür ab

Bildlegende: Betreuer und Sicherheitspersonal zugleich: Die Doppelrolle der Gefängnisaufseher hat es in sich. Keystone

Seit dreieinhalb Jahren arbeitet Christa Grossenbacher als Aufseherin in einem Berner Regionalgefängnis und besucht die Grundausbildung am Schweizerischen Ausbildungszentrum für das Strafpersonal in Freiburg. Für Grossenbacher ist klar: Eingesperrt zu sein, ist eine Extremsituation. Der Kontakt zu den Insassen sei für sie deshalb eine tägliche Herausforderung.

Oft gebe es Situationen, in denen ihr Insassen zu nahe kämen, sie fragen, ob sie verheiratet sei oder Kinder habe: «Da muss man sich klar abgrenzen und sagen: Das geht Sie nichts an, das ist mein Privatleben.» Als Frau brauche es besonders viel Selbstvertrauen, um in dieser Männerwelt bestehen zu können, sagt die 28-Jährige. Distanz zu wahren, sei wichtig, um die Autorität nicht zu verlieren, auch wenn ihr jemand sympathisch sei: «Sonst hat man verloren und sie fressen einen auf.»

Doppelrolle macht es schwierig

Gleichzeitig müsse man aber auch Mitgefühl zeigen können, egal welches Delikt der Insasse begangen habe, sagt Grossenbacher. Denn in schwierigen Situationen sei sie oft die einzige Ansprechperson. Zum Beispiel, wenn ein Insasse nach der Urteilseröffnung am Boden zerstört zurück ins Gefängnis komme und weine: «Da kann ich ihm anbieten, dass ich mich einfach zu ihm setze.» So habe er die Möglichkeit, mit ihr zu sprechen. «In diesen Situationen gebe ich schon auch Nähe.»

Genau wie Grossenbacher ist auch Ralph Werthmüller, der seit sechs Jahren in einem anderen Berner Regionalgefängnis als Aufseher arbeitet, Sicherheitsperson und Betreuer zugleich. Die Doppelrolle ist für den 44-Jährigen nicht immer einfach. Es komme vor, dass er einem ausländischen Insassen bei der Übersetzung eines wichtigen Dokumentes helfe.

Tags darauf sei der gleiche Insasse in eine Schlägerei verwickelt: «Da muss ich, der zuvor noch Betreuer war, plötzlich als Sicherheitspersonal eingreifen, jemanden vielleicht zu Boden bringen, ihn sanktionieren und mit ihm in die Arrestzelle gehen.» Das gehe nicht immer sanft vonstatten. Drei bis fünf Tage später komme der Betroffene wieder zurück auf die gleiche Abteilung. «Da ist es als Betreuer nicht einfach, wieder den Anschluss zu ihm zu finden, nachdem man grob war.»

Fallbeispiele sollten mit Aussenstehenden besprochen werden

Grundsätzlich müsse jeder Aufseher selber wissen, wie viel Nähe er zulasse, sagt Werthmüller. Habe man jedoch das Gefühl, jemand gehe zu weit, werde dies an einer Teamsitzung thematisiert und niemand fühle sich dabei angegriffen: «Jeder ist froh, wenn man ihn darauf anspricht, ob er vielleicht etwas die Distanz verloren habe», erklärt Werthmüller.

Fallbeispiele aus dem Alltag der Aufseher werden auch im Unterricht am Schweizerischen Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal besprochen, wie Eliane Zimmermann, die Leiterin Weiterbildung, erklärt. Es sei eine grosse Herausforderung, hinter einem Schwerverbrecher den Menschen zu sehen und Nähe zuzulassen.

Grundsätzlich dürfe aber Nähe und Distanz nicht bloss Ermessenssache eines einzelnen Aufsehers oder einer einzelnen Aufseherin sein: «Es gehört zur Philosophie und Kultur eines Betriebes, Richtlinien festzulegen.» Zudem sei es ideal, wenn es Gefässe gebe, in denen Fallbeispiele mit Aussenstehenden besprochen werden könnten, wie Supervisionen.

Im Alltag müssen die Aufseher und Aufseherinnen die Nähe und Distanz zu den Insassen immer wieder neu regulieren. Christa Grossenbacher ist sich dessen bewusst: «Es gelingt mir nicht immer, wenn ich ehrlich bin.» Den Spagat zu schaffen, sei immer wieder eine Herausforderung. Doch genau das liebe sie an ihrem Beruf.