Zum Inhalt springen

Schweiz «Der Zersiedelung wird noch nicht Einhalt geboten»

Was ist zu tun, um die Zersiedelung zu stoppen und wertvolles Kulturland nicht zu verbauen? Diese Frage stellt sich in der ganzen Schweiz. Raumplanungsexperte Alain Griffel nimmt die politischen Akteure auf allen Ebenen in die Pflicht.

Baugespanne für eine Wohnüberbauung auf einer Wiese.
Legende: Unsere eigenen Ansprüche an Wohnfläche sind in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen. Keystone

SRF News: Wie schätzen Sie die Situation ein?

Alain Griffel: Die Zersiedelung nimmt täglich zu. Einhalt wurde dem noch nicht geboten. Positiv ist, dass die Stimmberechtigten 2013 einer grösseren Revision des Raumplanungsgesetzes zugestimmt haben, welche punktuelle Verbesserungen bringt. Der Fokus dieser Gesetzesrevision, die jetzt in den Kantonen umgesetzt werden muss, lag auf der Siedlungsentwicklung nach innen und wollte die weitere Ausdehnung der Siedlungen in die Breite stoppen und mehr innere Verdichtung anstreben. Das ist allerdings ein sehr anspruchsvolles Vorhaben. Das geht nicht von heute auf morgen und auch nicht überall, weil man auf gewachsene Siedlungsstrukturen oder Ortskerne Rücksicht nehmen muss. Es ist aber sicher der richtige Ansatz.

Es hapert in erster Linie daran, dass sehr handfeste finanzielle Interessen an jedem Quadratmeter Boden festgemacht sind.

Man hat das Gefühl, dass sich politisch etwas tut. Trotzdem zeichnen Sie ein düsteres Bild. Wo hapert es denn?

Es hapert in erster Linie daran, dass sehr handfeste finanzielle Interessen an jedem Quadratmeter Boden festgemacht sind. Das heisst, es gibt Interessen, Land weiter einzuzonen, zu überbauen und zu vermieten. Diese handfesten Interessen sind in der Politik auf allen Ebenen sehr stark vertreten. Vor allem in den Gemeinden, die weiter wachsen wollen, aber auch in den Kantonen, die einerseits sich vom Bund in der Raumplanung nicht zu sehr dreinreden lassen wollen, andererseits den Gemeinden nicht zu viel dreinreden wollen. Auch auf Bundesebene gibt es immer wieder – nebst der positiven Gesetzesrevision – auch schlechte Beispiele, insbesondere betreffend dem Bauen ausserhalb der Bauzonen.

In den Städten gibt es so viele Single-Haushalte wie nie zuvor.

Mit Bauland lässt sich gutes Geld verdienen. Zudem geht man davon aus, dass die Bevölkerung weiter wächst. Wo sollen all diese Menschen leben?

Das Bevölkerungswachstum ist eher ein untergeordneter Treiber für die Zersiedelung. Jedoch sind unsere eigenen Ansprüche an Wohnfläche in den letzten Jahrzehnten gewaltig gewachsen. Hinzu kommt, dass es in den Städten so viele Single-Haushalte wie nie zuvor gibt. Jede Scheidung oder Trennung führt tendenziell zu einer Verdoppelung der notwendigen Anzahl Haushalte. Natürlich spielt das Bevölkerungswachstum auch eine Rolle, nicht aber eine vorrangige.

Wer ist in Zukunft am meisten gefordert? Jeder Einzelne, die Kantone, die Gemeinden oder der Bund?

Am meisten gefordert ist sicher die Politik. Auf allen Ebenen muss den Anliegen des Raumplanungsgesetzes nachgekommen werden. Es ist schon seit Jahrzehnten zu beobachten, dass von Seiten der Politik sofort Widerstände kommen. Beispielsweise sieht die Gesetzesrevision vor, dass zu grosse Bauzonen verkleinert werden müssten. Ich zweifle aber daran, ob in den nächsten Jahren auch nur ein einziger Quadratmeter zurückgezont wird. Es ist in erster Linie eine Frage des politischen Willens, mit diesen Anliegen wirklich ernst zu machen.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

23 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Leider ist es so. Ich bin fast täglich entsetzt, dass immer mehr grosse Bauwerke in Angriff genommen werden. Bei den Spatenstichen stehen dann immer ein Grüpplein Männer, lachend und anscheinend glücklich. Ich wundere mich, dass die sich überhaupt noch trauen, abgebildet zu werden. Im Moment wird Frevel getrieben; es braucht einen totalen Baustopp. Auch verdichtetes Bauen ist keine Lösung. Für weniger Probleme brauchen wir weniger Einwohner. Zurück auf 6 Mio. wäre angemessen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    PFZ und Migrantismus fordern ihren Preis... die Menschen muessen ja irgendwo wohnen... also nicht jammern.. Das CH Volk hat es in der Hand.. mit dem momentanen Status weiterfahren.. oder dagegen ankaempfen.. natuerlich mit den rechtlichen Mittel die uns zur Verfuegung stehen.. den Abstimmungen... !
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ursula Schüpbach (Artio)
    New York hat ähnlich viele Einwohner wie die Schweiz. Aber die New Yorker müssen sich auch irgendwie arrangieren. Nichts ist perfekt. Leute, die schon in New York waren, finden, dass es mitunter auch viele kleine Parks gebe zwischen den Hochhäusern. Und Wasser haben die dort ja auch noch dazwischen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Fairerweise müssten sie erwähnen, dass New York ein Hinterland hat, die Schweiz jedoch ringsum von bösen EU - Staaten belagert ist!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Egal wo, U.Schüpbach, kein Staat sollte mehr Bürger zulassen als er selber ernähren+versorgen kann. Wer das nicht mehr imstande ist, wie die CH zB, macht sich nicht nur abhängig, sondern auch in hohem Masse schuldig am Ruin der Bauern in Entwicklungsländern, Zerstörung der Urwälder etc. Übrigens sollten auch Menschen artgerecht gehalten werden. Wir sind doch keine Hühner, welche Grosso modo immer dieselben Ansprüche haben. Die haben zwar nicht viele, aber sie brauchen sie um glücklich zu sein!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen