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Schweiz Dicke Luft um das Tabakwerbeverbot

Der Bundesrat will eigentlich ein weitreichendes Werbeverbot für Tabakwaren in der Schweiz. Die zuständige Ständeratskommission will das nicht. Ihre Begründung hält der Realität aber nicht stand, berichtet «10vor10».

Legende: Video «Ständeratskommission bremst Verbot für Tabakwerbung» abspielen. Laufzeit 3:58 Minuten.
Aus 10vor10 vom 22.04.2016.

Der Bundesrat wollte Tabakwerbung aus den Kinosälen, von den Plakatwänden und aus den Medien verbannen. Denn Rauchen tötet und kostet. «Es sind Tausende von Toten jedes Jahr. Und es sind mehr als eine Milliarde Gesundheitskosten in der Schweiz. Das ist eine Frage, die wir wirklich angehen müssen», erklärt Gesundheistminister Alain Berset bei «10vor10». Die zuständige Ständeratskommission sieht das anders.

Ständeratskommission: Werbeverbot bringt nichts

Der Vizepräsident der Ständeratskommission verkündet ein Nein zum geplanten Tabakwerbeverbot. «Wir sind der Auffassung, dass eine generelle Einschränkung nichts bringt und der Staat nicht der Ordnungshüter für Erwachsene sein soll», sagt Joachim Eder (FDP), der stellvertretende Präsident der Gesundheitskommission des Ständerates.

Es sei nicht erwiesen, dass generelle Werbeverbote einen Rückgang des Rauchens bewirkten.
Autor: MedienmitteilungGesundheitskommission des Ständerates

Die Argumentation der Kommissionsmehrheit in der Medienmitteilung ist so formuliert: «Es sei nicht erwiesen, dass generelle Werbeverbote einen Rückgang des Rauchens bewirkten.»

Das ist eine Behauptung, die schlichtweg falsch ist. Das Gegenteil trifft zu.
Autor: Matthias GehrigBereichsleiter Büro Bass

Ökonom Matthias Gehrig, Bereichsleiter Büro Bass, der für den Bund eine Studie zum Thema mitverfasst hat, erstaunt diese Begründung. «Das ist eine Behauptung, die schlichtweg falsch ist. Das Gegenteil trifft zu. Es ist erwiesen. Wir selber haben nachgewiesen, dass das Werbeverbot, dass einige Kantone in den letzten 15 Jahren eingeführt haben, dazu geführt hat, dass in den Kantonen weniger Leute rauchen», erklärt Gehrig.

Weniger Raucher in Kantonen mit Werbeverbot

Wieviel Tabakwerbung und -sponsoring zugelassen ist, ist von Kanton zu Kanton nämlich verschieden. Letztes Jahr sah es so aus: 11 Kantone kannten keinerlei Marketingeinschränkungen. 13 haben ein Verbot von Tabakwerbung im Kino und oder auf Plakaten. Solothurn und Wallis haben zusätzlich die Sponsoringmöglichkeiten eingeschränkt, insbesondere an Open-Airs.

Die Verbote in mehreren Kantonen haben also zu weniger Rauchenden geführt. Für die nationale Raucherquote hiess das laut Ökonom Gehrig: «Im Jahr 2012 haben 31 Prozent der Schweizer Bevölkerung geraucht. Und ohne Werbeverbot der Kantone wären es gemäss unserer Berechnungen 36 Prozent gewesen. Das zeigt, das das Werbeverbot einen sehr starken Einfluss hat.»

Druck der Tabaklobby?

«10vor10» hat Joachim Eder mit diesen Fakten konfrontiert und auf die gegenteilige Aussage in der Kommissionsmedienmitteilung angesprochen. «Das ist möglicherweise falsch. Das kann sein.» so Eder. «Wir haben entsprechend der Mehrheitsmeinung die Sachen so zum Ausdruck gebracht.

Und auf die Frage, ob der Ständerat damit der Tabaklobby nachgegeben habe, sagt das Kommissionsmitglied: «Von Nachgeben gegenüber der Tabaklobby kann keine Rede sein. Die Tabakindustrie und Wirtschaftsverbände haben eigentlich gar keine Einschränkungen haben wollen. Und die Kommission hat beschlossen, dass man den Bundesrat beauftragt, Werbung, die ausdrücklich an Minderjährige gerichtet ist, zu verbieten.»

Minderjährige will die bürgerliche Kommissionsmehrheit also schützen. Auch mit einem Verbot, ihnen Tabakwaren zu verkaufen. Aber: «Man muss sehen, dass 50 Prozent der täglich Rauchenden angefangen haben zu rauchen, als sie älter als 18 Jahre gewesen sind. Darum sollte die Tabakpolitik nicht nur auf die Minderjährigen abzielen», mahnt Gehrig an.

Als nächstes muss der Ständerat über das Werbeverbot für Tabakwaren entscheiden.

18 Kommentare

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  • Kommentar von Bernd Kulawik (Bernd K.)
    Die können ruhig weiter Werbung machen, nur: Rauchen sollte nur noch in speziellen Kabinen erlaubt sein, die ungefähr die Grösse einer früheren Telefonzelle haben. Ohne Ab- und Zuluft. Die könnten überall aufgestellt werden. Und wer sie benutzt hat, muss sich hinterher einer vollkommenen (Geruchs-) Desinfektion unterziehen, weil nicht nur der Rauch sondern auch der Gestank, den ein Raucher so mit sich herumträgt, eklig und gesundheitsschädlich sind. Dann wäre das Problem bald erledigt.
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Ein Rauchverbot im oeffentlichen Raum, aber auch in Gegenwart Abhaengiger (Kinder, Partner etc) sollte generell geschaffen werden... das wird die Krankenkosten massiv reduzieren... man vergesse nicht, der Schaden durch Raucher geht in die Milliarden.. und wir bezahlen mit Steuergeldern sowie Praemien (KKzB). So ist auch Werbung fuer toedliche Substanzen als Genussmttel ethisch eh nicht vertretbar... aber da sind wohl persoenliche und andere Interessen der Politiker mehr MASSGEBEND!
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  • Kommentar von Hans Fürer (Hans F.)
    Unser neues Parlament berücksichtigt fast nur noch die Interessen der eigenen Parteien und diejenigen ihrer Lobby, jedoch kaum noch die Interessen des grossen Volkes, das sie gewählt hat, und dem zuvor alles erdenklich Gute versprochen wurde. Leider haben wir - ausser mit Volksinitiativen - erst wieder in 4 Jahren Gelegenheit, Gegensteuer zu geben.
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