Die Deutschen kommen nicht mehr in Scharen

Eine vergleichsweise gute wirtschaftliche Lage und das Beschäftigungswachstum machte die Schweiz auch 2014 zu einem attraktiven Einwanderungsland für ausländische Arbeitnehmer. Die Zahl der Deutschen in der Schweiz wächst dennoch so langsam wie zuletzt vor Einführung der Personenfreizügigkeit.

310'700 Deutsche lebten Ende vergangenen Jahres in der Schweiz. Das entspricht laut einem Bericht des Bundes zur Personenfreizügigkeit im Vergleich zum Vorjahr lediglich noch einer Zunahme um 6800 Personen. Auf dem Höhepunkt der deutschen Zuwanderung 2008 war die deutsche Bevölkerung in der Schweiz innert Jahresfrist noch um 29'000 gewachsen.

Wirtschaftskraft stärkte deutschen Arbeitsmarkt

Dass die Zuwanderung aus dem nördlichen Nachbarland seither kontinuierlich abnimmt und mittlerweile tiefer liegt als bei der Einführung der Personenfreizügigkeit 2002, erklärt sich das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit der Erholung der deutschen Wirtschaft.

«  Günstige ökonomische Rahmenbedingungen in Deutschland reduzieren die Ausreisewilligkeit. »

Otto Lampe
Deutscher Botschafter in der Schweiz

Video «Botschafter Otto Lampe zum Rückgang» abspielen

Botschafter Otto Lampe zum Rückgang

0:53 min, vom 23.6.2015

Insbesondere gelte dies für die grenznahe süddeutsche Region, sagt der deutsche Botschafter in der Schweiz, Otto Lampe, gegenüber «10vor10»: «Dort haben wir praktisch Vollbeschäftigung. Das ist für viele Arbeitnehmer Anlass, in der Heimat zu bleiben.»

Allfällige Ressentiments gegen deutsche Zuwanderer dagegen seien bestimmt kein Grund für den Rückgang der Nettozuwanderung. Im Allgemeinen würden die Deutschen in der Schweiz sehr herzlich aufgenommen.

«Die MEI hat deutsche Zuwanderer verunsichert»

Auch Fritz Burkhalter, der sich als Vorsitzender des Swiss-German-Clubs für beiderseitige wirtschaftspolitische Interessen engagiert, begründet das Nachlassen des Zustroms aus Deutschland mit der erstarkten Wirtschaft.

Allerdings komme für 2014 noch die Verunsicherung durch die Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative (MEI) hinzu «Das ist auch ein Verständigungsproblem. Viele Deutsche waren der Meinung, in der Schweiz zu arbeiten sei ab sofort nicht mehr möglich. Darauf wurde ich verschiedentlich angesprochen.»

Für das laufende Jahr befürchtet Burkhalter eine Fortsetzung des Trends. Der hiesige Bedarf an Fachkräften werde aufgrund der Frankenstärke stark nachlassen und damit auch die Zuwanderung aus Deutschland.

Zweitgrösste Ausländergruppe

Insgesamt lebten Ende 2014 laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft Seco 310'700 Deutsche in der Schweiz. Diese sind damit trotz der Abschwächung der Nettozuwanderung immer noch die zweitgrösste Ausländergruppe, knapp hinter den Italienern.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Immer mehr Zuwanderer aus dem südlichen Europa

    Aus Tagesschau vom 23.6.2015

    Letztes Jahr sind 73'000 Ausländerinnen und Ausländer in die Schweiz eingewandert. Die Zuwanderung hatte aber kaum negative Auswirkungen auf Löhne, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, wie das SECO heute bekannt gab.

  • Schweizer Unternehmen rekrutierten weniger Personal in EU-Ländern als im Vorjahr; aus Südeuropa kamen und kommen aber immer noch viele. Portugiesischer Arbeiter in einem Steinbruch im Kanton Obwalden.

    Schweizer Arbeitsmarkt bleibt attraktiv

    Aus Echo der Zeit vom 23.6.2015

    Im letzten Jahr sind über 70'000 Personen mehr in die Schweiz eingewandert als ausgewandert. Zugenommen gegenüber den Vorjahren hat die Zuwanderung aus Portugal, Spanien und Italien; deutlich weniger Personen sind hingegen aus Deutschland eingewandert. Das zeigt der neue Seco-Bericht.

    Barbara Widmer