«Die Karten für psychisch kranke Junge sind schlechter geworden»

Mit Coachings, Belastbarkeitstrainings und speziellen Brückenjahren soll die IV gemäss der nächsten Reform jungen Menschen helfen, dass sie nicht zu IV-Rentnern werden. Doch warum nimmt die Anzahl psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen zu? Und was hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt?

SRF NEWS: Wie erklären Sie sich die hohe Zahl an IV-Rentnern unter Jugendlichen?

Niklas Baer: Ein Grund ist sicher, dass die Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft gestiegen sind und damit die Karten für junge psychisch Kranke schlechter geworden sind. Psychische Störungen beginnen sehr früh und führen häufig dazu, dass die Schule oder die Berufsausbildung frühzeitig abgebrochen wird. Dies zeigt auch, dass wir in der Früherfassung und Frühintervention von psychisch erkrankten Schülern oder Lehrlingen eine Lücke haben.

Spielt es also nicht unbedingt eine Rolle, dass aktuell Jugendliche mit IV-Taggeld finanziell oft besser dastehen als gleichaltrige Lehrlinge? Dies will der Bundesrat ja jetzt korrigieren.

Finanzielle Anreize spielen generell eine wichtige Rolle. Arbeit sollte sich lohnen. Es sollte nicht sein, dass es attraktiver ist, über Jahre hinweg berufliche Ausbildungsmassnahmen zu machen, statt zu arbeiten. Das Gleiche gilt auch für die Rente: Wenn man mit 18, 19 Jahren berentet wird und nie gearbeitet hat, dann kommt man im Maximum auf Unterstützungsbeiträge, die man mit einer Arbeit als Ungelernter in diesem Alter gar nie erreichen würde. Die Anreize sind diesbezüglich also zum Teil nicht so gut.

«  Es kann sein, dass nach höchstens zwei Massnahmen jemand mit 23 Jahren schon eine IV-Rente erhält. Das scheint mir nicht sinnvoll zu sein. »

Kennen Sie aus Ihrer täglichen Arbeit auch so genannte «Scheininvalide»?

Nein, es wird niemand in diesem jungen Alter berentet, der nicht eine relevante psychische Erkrankung hat. Häufig sind es eben auch Junge, die verhaltensschwierig sind und wenig Krankheitseinsicht haben. Diese jungen Rentner haben nicht nichts. Trotzdem scheint mir, dass zum Teil zu früh resigniert wird. Häufig wird nur eine IV-Massnahme durchgeführt. Wenn diese keinen Erfolg hat, folgt dann doch die Rentenprüfung. So kann es sein, dass nach höchstens zwei Massnahmen jemand mit 23 Jahren schon eine IV-Rente erhält. Das scheint mir nicht sinnvoll zu sein.

Unabhängig davon, ob Jugendliche IV beziehen: Gibt es heute in der Schweiz mehr psychisch kranke Jugendliche als früher?

Nein, davon kann man nicht ausgehen. Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert – auch nicht bei den Jungen. Verändert hat sich aber das Umfeld: Es gibt heute zum Glück viel mehr professionelle Unterstützungssysteme wie Kinderpsychiater oder Schulpsychologen.

Zugespitzt könnte man sagen: Je mehr Psychologen, umso mehr psychisch Kranke?

Das würde ich so nicht sagen, aber es zeigt schon auf, dass hier auch auf Seite der Psychiatrie noch mehr getan werden muss. Nicht nur in der Behandlung von Symptomen, sondern auch in Bezug auf Interventionen, damit diese jungen Erwachsenen in der Schule und am Arbeitsplatz bleiben. Hier gibt es auch in der Zusammenarbeit von behandelnden Ärzten, Arbeitgebern und IV-Stellen gravierende Lücken.

Wie kann das verbessert werden?

Die IV schlägt Massnahmen vor, dass sie die behandelnden Ärzte proaktiver informieren will – das ist ein guter Schritt. Aber es braucht auch sonst mehr Kontakte, um die gegenseitigen Vorurteile, die sehr hemmend sind, abbauen zu können.

«  Ich weiss nicht, ob Behindertenquoten wirklich das richtige Instrument sind. »

Würde es auch etwas bringen, wenn man den Arbeitnehmern verbindliche Vorgaben machen würde? Dass man beispielsweise mindestens eine Lehrstelle mit einer psychisch kranken Person besetzen müsste?

Ich weiss nicht, ob Behindertenquoten wirklich das richtige Instrument sind. Mir gefällt der Ansatz der aktuellen Revision. Diese geht davon aus, dass die IV die Arbeitgeber vor allem auch bei den bestehenden Mitarbeitern noch besser unterstützen muss. Ich glaube, dass Arbeitgeber, die zunehmend hoffentlich immer mehr die Erfahrung machen, dass sie von der IV bei bestehenden Mitarbeitern sehr gut unterstützt werden, eher dazu bereit sind, Personen mit einer Behinderung anzustellen oder in eine Berufsausbildung zu nehmen. Aber hier muss die IV sicher noch mehr Vorleistungen machen.

Bei den Jungen scheinen mir die Massnahmen, die vorgeschlagen werden, sehr stimmig zu sein. Ich habe aber Zweifel, ob diese Massnahmen wirklich den Durchbruch bringen, solange es nach wie vor möglich ist, ab 18 Jahren eine IV-Rente zu erhalten. Wäre es vielleicht nicht viel besser, wenn man parallel zu all diesen verstärkten Unterstützungsangeboten der IV gleichzeitig das IV-Mindestrentenalter heraufsetzen würde? Es sind kranke Junge, die häufig schwierig sind. Da läuft man immer Gefahr, dass diese Personen zu schnell eine IV-Rente erhalten.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Niklas Baer

Der Psychologe leitet die Fachstelle Psychiatrische Rehabilitation bei der Psychiatrie Baselland. Hier hat er auch Erfahrungen mit jugendlichen IV-Bezügern gesammelt.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die IV soll früher aktiv werden, sie soll Jugendliche mit Depressionen oder Aufmerksamkeits-Defiziten beraten, integrieren, ihnen zusätzliche Schuljahre finanzieren – mit dem Ziel, dass diese den Sprung schaffen von der Schule in eine Ausbildung und ins Erwerbsleben. Das hat Bundesrat Alain Berset an der Medienkonferenz dargelegt.

    Weniger Junge sollen bei der IV landen

    Aus Echo der Zeit vom 7.12.2015

    Weil die Invalidenversicherung strenger geworden ist bei der Vergabe, beziehen heute weniger Leute eine IV-Rente als noch vor zehn Jahren. Nur bei Jugendlichen und psychisch kranken Menschen sinkt die Zahl der IV-Renten nicht. Dagegen will der Bundesrat etwas tun.

    Niklas Baer hat Erfahrung mit jugendlichen IV-Bezügerinnen und -Bezügern; er leitet die Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation bei der Psychiatrie Baselland.

    Dominik Meier und Samuel Wyss