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Tötungsdelikt Adeline Die lebenslange Verwahrung bleibt eine leere Drohung

Wie das Urteil gegen Fabrice A. zu werten ist. Eine Einschätzung von Westschweiz-Korrespondent Sascha Buchbinder.

Legende: Video Das Gericht folgt den Anträgen der Verteidigung abspielen. Laufzeit 01:35 Minuten.
Aus Tagesschau vom 24.05.2017.

Die Tat an sich war kaum mehr umstritten: Der Angeklagte hatte zugegeben, dass er 2013 bei einem Freigang seine Therapeutin entführt und getötet hatte. Nur bei den Details, beim Grad der Grausamkeit gab es noch Unklarheiten.

Nach der einwöchigen Verhandlung ist für das Gericht aber auch der letzte Zweifel ausgeräumt: Der Angeklagte hat seine Therapeutin ermordet, weil er so ein sexuelles Phantasma ausleben wollte. Die Massnahme dafür lautet lebenslänglich Gefängnis.

Der wichtigste Streitpunkt vor Gericht war die Frage, ob er zusätzlich ordentlich oder lebenslänglich verwahrt wird.

Das Bundesgericht verlangt Gewissheit, bevor jemand unwiderruflich weggesperrt werden darf. Konkret: Zwei psychiatrische Gutachten müssen übereinstimmend jede Behandelbarkeit auf Lebenszeit ausschliessen. Der Psychiatrie aber fehlen dazu meist die Mittel.

Jahrzehntelange Voraussagen unmöglich

Im konkreten Fall haben vier Psychiater vor dem Täter gewarnt und gesagt, dass eine Behandlung kaum möglich sei. Der Täter sei gefährlich, pervers und geistesgestört. Sie sagten aber auch, dass die Wissenschaft zu wenig über solche Täter weiss, um ihre Entwicklung auf Jahrzehnte hinaus vorhersagen zu können.

Generalstaatsanwalt Olivier Jornot wollte von den Gutachten, die er in Auftrag gegeben hatte, nur jene Passagen gelten lassen, die ihm ins Konzept passten. Sein Ziel war die lebenslange Verwahrung, seine Begründung dafür war letztlich nicht juristisch, sondern politisch: Der Paragraf müsse endlich angewandt werden. Das Gericht aber mochte sich nicht auf politisches Terrain begeben und verzichtete auf die Anordnung einer lebenslänglichen Verwahrung.

Stattdessen lautet das Urteil lebenslänglich Gefängnis plus normale Verwahrung. In der Praxis bedeutet das genauso, dass Fabrice A. – nach menschlichem Ermessen – nie wieder freikommt. In der Praxis bedeutet das aber auch, dass die lebenslange Verwahrung, die das Volk in die Verfassung geschrieben hat, eine leere Drohung bleibt.

Bestürzung im Gerichtssaal

Das Publikum im Gerichtssaal nahm das Urteil mit Bestürzung auf. Mehrere Personen weinten, einige verliessen den Saal vorzeitig, jemand schlug gar demonstrativ die Türe hinter sich zu.

Strafrechtlich ist der Fall der ermordeten Genfer Soziotherapeutin mit dem heutigen Urteil weitgehend geklärt. Politisch bleibt der Mord brisant – zumal der parlamentarische Untersuchungsbericht bereits viermal verschoben wurde und noch immer nicht vorliegt.

Sascha Buchbinder

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Sascha Buchbinder

Für Radio SRF ist Sascha Buchbinder Korrespondent für die Westschweiz und das Bundesgericht in Lausanne. Zuvor arbeitete er in der Inlandredaktion in Bern.

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Recht sollte immer vor Geld gehen. Aber beim Sparwahn auf dem Puckel von Grundrechten des Buergers in anderen Bereichen, bleibe doch nicht unerwaehnt, dass jedes Verwahrungsjahr pro Verwahrten weit ueber 100 000 Franken kostet. Heute bleiben gar schon viele Ersttaeter ohne zweite Chance verwahrt, obwohl bei fast allen der lange Strafvollzug zur Spezialpraevention genuegt. Um ein Mordopfer alle paar Jahre zu verhindern versuchen, werden jaehrlich Zigmillionen verbraten statt eingespart....
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  • Kommentar von max baumann (phönix)
    Bei einem Freigang seine Therapeutin entführt und getötet hatte. Diejenigen welche einen Freigang erlaubt hatten, sollten mit Angeklagt werde. Dies sollte auch für alle Psychologen usw. gelten, welche solche Typen als therapierbar hinstellen. Das gleiche sollte auch für Juristen gelten, welche Verbrecher mit Winkelzügen vor einer Verurteilung bewahren.
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    1. Antwort von Michel Koller (Mica)
      Also sollte man Anwälte für Beschuldigte gleich abschaffen? Wozu ein Recht auf ein faires Verfahren oder eine Gerichtsverhandlung, man könnte doch einfach Sie fragen, was zu tun ist. Ich halte dieses Gedankengut für gefährlicher als ein einzelner Mörder, denn es propagiert ein System ohne Rechtsstaatlichkeit und ein solches führt zu viel Leid und Tod.
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    2. Antwort von Alex Bauert (A. Bauert)
      Niemand hatte diesen «Freigang» erlaubt. Gemäss geltenden Regeln hätte die Therapeutin nicht mit dem Eingewiesenen alleine raus dürfen. Tut mir leid, ihr Justiz-Bashing aufgrund alternativer Fakten zu stören mit realen Fakten. Wie sagt man so schön: Das Recht auf Meinung hat jeder und jede, auf eigene Fakten gibt es kein Recht!
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    3. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      In diesem Fall hat sich die Juxtiz mal geweigert, politisch statt juristisch zu urteilen. Alle von Ihnen Verunglimpften haben nur ihre Pflicht erfuellt. Bei dieser Gelegenheit sei wieder mal daran erinnert, dass der Strafanspruch nicht dem Gusto von Opferangehoerigen ausgeliefert werden darf. Konkret noch Geschaedigte duerfen sich zwar in Abweichung von diesem Prinzip, einen Freispruch attackieren. aber bei einem gewuenschten Schuldspruch haben sie sich nicht ins Strafmass einzumengeln....
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  • Kommentar von Ruedi Schwarzenbach (oktagon)
    Ich erwarte von Richtern, dass sie nicht Urteile sprechen, die dem Volk gefallen, sondern dass sie Urteile sprechen, die gerecht sind. Sonst kommt es bei uns bald zu amerikanischen Verhältnissen, wo unschuldige reihenweise zum Tode verurteilt werden, nur damit man einen Schuldigen hat, einen Erfolg ausweisen kann und das Volk Ruhe gibt.
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    1. Antwort von Alex Bauert (A. Bauert)
      «gerechte Urteile» ... ? Sie meinen sicher und hoffentlich rechtskonforme Urteile gemäss den geltenden Gesetzen im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit. Ja, das finde ich auch!
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