Die Lehren aus dem Taxifahrermord von Wetzikon

«Man muss den Strafvollzug verschärfen.» Das verlangen nach dem Mord an einer Therapeutin in Genf Ende letzter Woche Politiker von links bis rechts. Im Zentrum steht die Frage, wie Rückfälle verhindert werden können. Der Kanton Zürich geht da seit einigen Jahren einen neuen Weg.

Gefängnis-Spazierhof mit Pingpongtisch in Zürich

Bildlegende: Pingpong auf dem Gefängnishof oder Freigang? Öffentliche Sicherheit beschäftigt Bevölkerung wie Politik derzeit stark. Keystone

Er hätte gar nicht auf freiem Fuss sein dürfen. Doch im September 2007 ermordete ein notorischer Gewalttäter einen Taxichauffeur in Wetzikon. Dieser Fall bewirkte, dass der Kanton Zürich mehr Anstrengungen unternahm, um Rückfälle von Straftätern zu verhindern.

«ROS» heisst das Modell: Der Name steht für den «risikoorientierten Sanktionenvollzug». Thomas Mannhart, Leiter des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich, erklärt: «Das heisst, dass wir den ganzen Vollzug – insbesondere Vollzugslockerungen, Ausgänge, Freigänge bis hin zur bedingten Entlassung – massgeblich unter dem Gesichtspunkt des Risikos, das damit verbunden sein könnte, beurteilen.»

Bei jedem Sechsten ist das Risiko hoch

Von der flächendeckenden Risikoerfassung erhoffen sich die Behörden, die Gefahr von Rückfällen bei Gewaltverbrechern besser zu erkennen. Immerhin: Bei jedem sechsten Verurteilten gehen sie von einem hohen Rückfallrisiko aus.

Ziel des Zürcher «ROS»-Modells ist es auch, die zahlreichen Schnittstellen zu reduzieren. Das war gerade beim Wetziker Taxifahrermord das Problem. Die Zusammenarbeit zwischen Vollzugsbehörden, Strafanstalten und Therapie-Einrichtungen im Kanton musste also verbessert werden.

Eine komplexe Sache, wie Mannhart zugibt: «Da braucht es selbstverständlich Gutachten, Gefährlichkeitsbeurteilungen, Risikoanalysen, Therapieberichte und so weiter. Es ist eine schwierige Tätigkeit, die hochqualifiziertes Personal benötigt.»

Und natürlich garantiert auch das alles keine absolute Sicherheit. Zwar kamen seit der Einführung des Modells keine schwerwiegenden Rückfälle von Straftätern mehr vor. Doch nach drei Jahren ist es noch zu früh für eine aussagekräftige Zwischenbilanz.

Deutschschweizer Kantone springen auf

Immerhin haben auch die Kantone St. Gallen, Thurgau und Luzern das standardisierte Vorgehen Zürichs bei sich eingeführt. Weitere Kantone sind interessiert. Kaum jedoch solche aus der Westschweiz. Da gebe es faktisch einen Röstigraben, nur schon aufgrund der verschiedenen Sprachen, sagt Mannhart.

Den Ruf der Politik nach härteren Gesetzen mag Mannhart nicht mehr hören. Gerade die Politiker – besonders in der Westschweiz – seien es, die den Strafvollzug finanziell kurzhielten. Zu wenig Infrastruktur, zu wenig Personal.

Mehr Investition in Infrastrukturen nötig

«Hier ist aus meiner Sicht die Politik gefordert», sagt Amtsleiter Mannhart. Es gehe nicht darum, mit einem Gesetz rasch etwas Neues zu bewirken. Er fordert mehr Nachhaltigkeit durch entsprechende Ressourcen und Infrastrukturen. Das ermögliche «einen qualifizierten Justizvollzug auf hohem Niveau».

Auch das Zürcher Kantonsparlament hatte die Gelder für das Projekt «ROS» vor einigen Jahren zunächst verweigert. Doch verglichen mit den Kantonen in der französischsprachigen Schweiz, sagt Mannhart, gehe es dem Kanton Zürich inzwischen richtig gut.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Jacqueline de QQuattro.

    Jacqueline de Quattro zum Strafvollzug in der Westschweiz

    Aus Rendez-vous vom 16.9.2013

    Ein Sexualstraftäter darf vom Gefängnis in die Reittherapie und ermordet unterwegs seine Betreuerin. Was läuft falsch im Strafvollzug? Was läuft falsch in der Romandie? Die Waadtländer Sicherheitsdirektorin Jacqueline de Quattro ist Gast von Dominik Meier.