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Schweiz Die Monate vor dem Tod sind teuer – darf man da sparen?

Die Prämien steigen Jahr für Jahr: 2015 sind es im Schnitt 4,5 Prozent. Ein grosser Teil des Geldes im Gesundheitswesen wird für Menschen in den letzten Lebensmonaten ausgegeben. Ein Gespräch mit dem Chefarzt in der Akutgeriatrie vom Stadtspital Waid in Zürich, Daniel Grob.

SRF News Online: Was kostet in der Geriatrie viel und bringt im Vergleich zu den Kosten wenig Nutzen?

Daniel Grob: Es ist teuer, Patienten vor einer Einweisung ins Pflegeheim oder vor einer grossen medizinischen Intervention nicht genügend abzuklären. Allenfalls lohnt sich zum Beispiel ein Rehabilitationsversuch vor einer Pflegeheimeinweisung. Ebenfalls teuer ist, wenn Ärzte hochbetagte Menschen nach Richtlinien behandeln, die für Jüngere gemacht sind. Allgemein kann man sagen, Ärzte müssen viel über den Patienten wissen und brauchen Erfahrung, um dann wenige, dafür die richtigen Massnahmen einzuleiten.

Zur Person

Zur Person

Daniel Grob ist Facharzt für Geriatrie und seit 2001 Chefarzt der Klinik für Akutgeriatrie am Stadtspital Waid. Daneben ist er Mitglied der zentralen Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften, Mitglied des Gesundheitsrates des Kantons Appenzell Ausserrhoden und Lehrbeauftragter für Geriatrie der Uni Zürich.

Vor dem Tod wird es teuer

Die Durchschnittskosten steigen in den letzten 24 Monaten vor dem Tod stark an. Der Mittelwert erhöht sich in den letzten zwei Jahren von 892 auf 2744 Franken pro Monat. Grundlage ist eine Analyse von 14‘944 Todesfällen der CSS Versicherung aus dem Jahr 2000.

Ein Beispiel: Ein 90-Jähriger hat eine schwere Abnützung eines Hüftgelenks. Soll er noch operiert werden?

Bei diesem Mann klären wir zuerst ab: Wie ist sein Gesundheitszustand? Wie hoch ist seine Restlebenserwartung? Sind konservative medizinische Alternativen ausgeschöpft? Wie hoch ist sein Risiko, dass er Komplikationen hat? Wie sieht seine Wohnsituation aus? Erst dann entscheiden wir im Interesse des Patienten und im Interesse der Gesamtwirtschaft, ob eine Operation Sinn macht.

Wie gut werden solche Abklärungen in der Schweiz gemacht?

Da haben wir klar noch Nachholbedarf. In anderen Ländern gibt es spezifische Programme. Da arbeitet der geriatrische Organspezialist mit dem hauptverantwortlichen Geriater Hand in Hand. Weil Geriatrie in der Schweiz ein junges medizinisches Fachgebiet ist, fehlen uns die Fachleute. Und damit auch die entsprechenden Programme.

Gibt es Bestrebungen, dem entgegen zu wirken?

Ja, zum Beispiel im Stadtspital Waid mit dem Zentrum für Gerontotraumatologie. Oder auch die Zusammenarbeit bei der geriatrischen Urologie zwischen Triemli- und Waidspital in Zürich. Es sind aber vorerst Einzelprojekte. Das neu geschaffene «Geriatrienetz Zürich» – eine Kooperation (im Bereich Forschung und Ausbildung, Anm. der Red.) von Stadt Zürich, Universität und Universitätsspital Zürich dürfte solche Projekte erleichtern.

Nehmen wir an, bei einem 85-jährigen Patienten kann das Leben mit Interventionen für 100‘000 Franken um fünf Monate verlängert werden. Für weitere 200‘000 Franken gibt es nochmals einen Monat dazu. Ist es richtig, dass sich der Patient für die Maximalvariante mit lebensverlängernden Massnahmen entscheiden darf, selbst wenn alles mit öffentlichen Geldern finanziert wird?

Bevor ich zum Kern Ihrer Frage komme, etwas vorweg: Häufig wissen wir im Voraus nicht, wann die letzten Jahre oder Monate beginnen. Nur manchmal ist dies abschätzbar: Bei Krebserkrankungen, bei schweren Herz- oder Lungenerkrankungen etwa. Das ist ein Grund, weshalb ich nicht sehe, wie man hier von Staates wegen Grenzen setzen könnte. Ausser, man würde zu einer Altersrationierung greifen: Kein künstliches Gelenk mehr über 80, keine Dialyse mehr über 70. Dann hätten wir eine Zweiklassen-Medizin. Ich denke nicht, dass dies mehrheitsfähig ist. Eine Folge wäre unter anderem, dass sich die Gesellschaft entsolidarisieren würde.

Man könnte einwenden, Solidarität ist keine Einbahnstrasse Richtung Alter. Etwa für Familien mit knappem Budget sind die Prämien eine enorme Belastung. Müssen wir früher oder später nicht solche Rationierungen ins Auge fassen?

Die Gesundheitskosten werden auch in Zukunft steigen. Ich denke, wir müssen das Finanzierungssystem anpassen, damit es verträglicher wird für untere Einkommen. Prämienverbilligungen sind ein Stichwort, aber auch einkommensabhängige Prämien.

Legende: Video Krankenkassenprämien dürften deutlich steigen abspielen. Laufzeit 3:19 Minuten.
Aus Tagesschau vom 05.07.2014.

Als Fazit: Welche Massnahmen würden Sie empfehlen, damit die Kosten, die in der Nähe des Todes entstehen, nicht noch mehr in die Höhe schnellen?

Es braucht gut ausgebildete Ärzte und gut koordinierte Teams, um für Patient und Gesellschaft die bestmögliche Lösung zu finden. Ferner würden aktualisierte und qualitativ hochwertige Patientenverfügungen Angehörigen und Ärzten helfen, die richtige Entscheidung zu treffen. Häufig wollen Hochbetagte gar nicht, dass alles Machbare zu ihrer Lebensverlängerung unternommen wird.

Wie erleben Sie in der Regel Hochbetagte, wenn es um ihr Lebensende geht?

Vielen hochbetagten Menschen ist sehr bewusst, dass ihr Leben gelebt ist. Sie möchten nicht leiden und möglichst nicht pflegebedürftig werden. Es trifft mich, wenn ich von meinen hochbetagten Patienten und Patientinnen höre, sie würden ja nur noch kosten und sie möchten anderen nicht zur Last fallen. Die Frage ist: Gelingt es uns, für pflegebedürftige Alte eine wertschätzende Kultur zu etablieren? Letztlich kann sich eine Gesellschaft daran messen, wie sie mit alten und behinderten Menschen umgeht.

Interview: Christa Gall

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41 Kommentare

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  • Kommentar von Yvonne B., Bern
    Die hundertmal günstigeren Pflege zuhause, die oftmals auch möglich ist, werden die Kosten minimalst (wenn überhaupt) von Krankenkassen übernommen. Unverständlich.
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  • Kommentar von E. Waeden, Kt. Zürich
    Traurig, dass darüber überhaupt diskutiert wird. Aber wenn schon, denn schon, WO man wirklich sparen könnte wäre, wenn man Menschen, welche ihren Tod selber bestimmen wollen, diese "Aufnahmegebühren" von 10'000? Franken zahlen würde. Ist günstiger als sie tot zu pflegen, denn davon profitiert hauptsächlich die Pharmaindustrie, deren Umsätze in Milliardenhöhen angesiedelt sind.
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  • Kommentar von Rudi Rappoldswiller, Zürich
    Der Tod ist die tragischste Situation im Leben des Menschen. Er beendet die Existenz. Wer sich nie in Todesgefahr befunden hat, weiss nicht wovon er schreibt. Der Sterbende sollte mit Trost und Zuwendung umgeben werden. Da ist es eine Schande, ihm auch noch vorzurechnen, was er kostet. Lebensunwertes Leben?. Diese Idee scheint unterschwellig nach 1945 weiter existiert zu haben. Dieser Kommentar fiel der Zensur zum Opfer. Ich formuliere ihn anders. Bedenklich, wenn er nicht erscheint.
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Nicht immer ist der Tod eine tragische Situation im Leben eines Menschen. Wohl eher dann für die Angehörigen, welche zurück bleiben. Oftmals ist der Tod auch Erlösung. Alte Menschen, welche ein langes Leben gelebt sprechen oft davon, dass sie sterben möchten. Sie "schlafen" dann auch ganz friedlich mit einem Lächeln ein. Und wo ein Leben nicht mehr lebenswert ist darf auch gestorben werden, denn der Tod gehört zum Leben dazu. Und für gläubige Menschen beendet es nur die physische Existenz.
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    2. Antwort von Rudi Rappoldswiller, Zürich
      Herr Waeden, sind Sie schon einmal gestorben? Selbstverständlich sollte das Leben nicht gegen den Willen des Sterbenden verlängert werden. Das kann man ja frei bestimmen. Dass aber dem Sterbenden jede Unterstützung zuteil werden muss, die seinen letzten Weg erleichtert, ist eine humane Selbstverständlichkeit. Und ihm vorzurechnen, was er gerade mal wieder kostet, ist eine Schande!!! Wehret den Anfängen. Man bedenke, was in Europa vor 1945 möglich war.
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    3. Antwort von A.Käser, Zürich
      R.R./Bin schon mal"gestorben".Hatte vor Jahrzehnten ein NTE,das ich nicht einordnen konnte.Konventionell erzogen mit,damals schon,zurückhaltender Haltung der Religion(Christl.)gegenüber,diese aber nich ablehnend.Wusste ich während 10 Jahren nicht,dass es sich um eine NTE(Herzstillstand bei OP)handelte und habe das Erlebnis als Halluzination abgebucht.Erst als mir,"beim langsamen Sterben"meiner Mutter,per Zufall ein Buch von R.A.Moody in die Hände kam,konnte ich das"Geschehnis"einreihen.(./.2)
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    4. Antwort von A.Käser, Zürich
      (./.2)R.R./Als ich dem"Licht"zuglitt und mir gleichzeitig mitgeteilt wurde,dass ich mein ganzes Leben nochmals erleben würde(wörtlich;Sekunde um Sekde.,Minute um Minute,Stunde um Std.)dachte ich,:"Dann sollte man ja ganz anderst leben."Peng,schon war der"Film" fertig,und ich"erwachte"auf dem OP-Schragen.10 Jahre später,fing das"Denken"darüber an.Hat nie aufgehört.Das Wesentlichste im Leben,(kann ich,wie viele andere bestätigen)ist die Liebe.Die grösste und"unbekannteste"Energie der Welt.
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    5. Antwort von Rudi Rappoldswiller, Zürich
      Herr Käser, ganz herzlichen Dank für Ihre Beschreibung des NTE. Hat mich sehr beeindruckt und ermutigt. Ich meine ja nur, dass der Weg bis zum Tod ein schwerer ist für die meisten Menschen. Und dass es nichts weiter als menschenwürdig ist, dem Sterbenden in liebevoller Weise bei zu stehen und ihm nicht auch noch vorzurechnen, was er kostet. Das ist einfach schändlich.
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