Die Romandie emanzipiert sich gegenüber Frankreich immer mehr

Politisch, wirtschaftlich, kulturell und sportlich wird Frankreich in der Romandie nicht mehr als die Grande Nation wahrgenommen. Im Gegenteil: In der Romandie macht sich das Gefühl breit, man sei auf Augenhöhe mit dem grossen Nachbarn im Westen.

Ein Signalisationsschild mit der Aufschrift Suisse und France

Bildlegende: «Die Schweiz ist auf Augenhöhe mit Frankreich», sagt Bundesrat Didier Burkhalter. Keystone

Nie wird die Volksseele der Romands deutlicher spürbar als am Paléo-Musikfestival. Einmal im Jahr trifft sich die Westschweiz, jung und alt, in Nyon. Dass sie stark lokal verankert ist, hat letztes Jahr der belgische Sänger Stromae erfahren: Zwischen zwei Liedern fragt er, wer im Publikum aus der Westschweiz sei, wer vom Genfersee? «Wir»! tönt es freudig von den 35'000 Zuschauern. Als er dann aber nach den französischen Nachbarn fragt, kippt die Stimmung.

Bewunderung für Frankreich war einmal

Bewundert wird Frankreich in der Romandie heute nicht mehr. Zu hoch ist die Arbeitslosigkeit, zu tief sind die Löhne, als dass ein Romand noch zu Frankreich aufschauen würde. Vielmehr werden die Franzosen als die «Frontarliers», als Grenzgänger wahrgenommen, die ihnen Jobs wegnehmen.

Die Arbeitslosigkeit in der Westschweiz liegt mit etwa fünf Prozent zwar tiefer als in Frankreich, aber höher als in der Deutschschweiz. Wer dafür die Schuld den Grenzgängern in die Schuhe schiebt, kann daraus politisches Kapital schlagen: Die rechtspopulistische Protestpartei «Mouvement Citoyen Genevois» hat sich damit in Genf zur zweitstärksten Partei gemausert.

Eine grosse Nation, die sich Blössen gibt

Regierungspräsident François Longchamp von der FDP nimmt es zur Kenntnis. Er spricht von einer Hassliebe der Romands gegenüber den Franzosen. Frankreich ist nicht mehr was es einmal war. Dennoch, so Longchamp, sei Frankreich kulturell noch immer eine grosse Nation. Eine grosse Nation, die sich aber Blössen gibt. Wie etwa die französische Kulturministerin Fleur Pellerin, die in einem Interview zugab, dass sie im Moment keine Zeit habe, Bücher zu lesen.

Genüsslich wurde dieses Geständnis im Westschweizer Radio seziert: Vorbei offenbar die Zeiten eines Jack Lang, der noch im Amt Bücher schrieb, so der Kommentar. Frankreich spielt nicht mehr unerreichbar in einer andern Liga: Zumal umgekehrt mit Joël Dicker ein Genfer für den französischen Literaturpreis nominiert wurde. Das überwindet den alten Komplex, dass man diesseits der Grenze des Französischen weniger mächtig sei als dort.

Selbstbewusstsein der Romands erwacht

In einem anderen Feld, genauer auf dem Tennisfeld, hat man Frankreich gar im direkten Vergleich geschlagen: Zehntausend Tennisfans feierten nach gewonnenem Davis Cup in Lausanne ihren Helden. Für einmal hiess der nicht Roger Federer, sondern Stan Wawrinka. Ein neues Gefühl: Die Romands können mit Frankreich mithalten.

Ökonomisch hat die Westschweiz einen enormen Aufschwung erlebt. 25 Prozent wuchs die Wirtschaft am Genfersee in den letzten zehn Jahren: mehr als in Zürich, viel mehr als in Frankreich. Zu verdanken hat das die Region den internationalen Firmen, die sich hier angesiedelt haben und der ETH-Lausanne. Deren Ableger zogen 2014 mehr Gelder an als die Start-ups in der Deutschschweiz. Diesen Hort des Erfolgs, die École polytechnique fédérale de Lausanne, will sich François Hollande bei seinem Staatsbesuch in der Schweiz zeigen lassen.

Burkhalter wünscht sich offeneres Frankreich

Der wirtschaftliche Aufschwung sowie die sportlichen und kulturellen Erfolge liessen das Selbstbewusstsein der Romands wachsen, während Frankreich in einer Abwärtsspirale gefangen scheint. Der Kräfteunterschied reduziert sich, heute ist es gar der Schweizer Aussenminister, der Frankreich Lehren erteilt.

Er wünsche sich ein offeneres Frankreich, das mehr Stellen schaffe, als sie zu verhindern, sagte Didier Burkhalter diese Woche im Westschweizer Radio. Die Westschweiz habe sich emanzipiert. Sie begegne Frankreich heute auf Augenhöhe.