«Die Schweiz besteht nicht nur aus Schmucktrucklis»

Rheinfelden erhält den diesjährigen Wakkerpreis für das vernetzte und langfristige Denken von Politik und Behörden. Mit der Auswahl habe die Jury die Zeichen der Zeit erkannt, sagt der Architektur-Kritiker Benedikt Loderer.

Loderer trägt eine Brille mit einem leichten Gestellt, seine grauen Locken fallen ihm in die Stirn.

Bildlegende: Loderer ist Architekt und Journalist. Er gründetet die Zeitschrift «Hochparterre» und schreibt gegen die Zersiedelung. Keystone

SRF: Herr Loderer, können Sie sich daran erinnern, wer letztes Jahr den Wakkerpreis erhalten hat?

Benedikt Loderer: West-Lausanne glaube ich – oder so etwas.

Es war das Bergell. Was sagt das über die Bedeutung des Wakkerpreises?

Man muss sich auch fragen: Wem bedeutet der Preis etwas – der Gemeinde oder der Stadt, die den Preis erhält, oder dem Publikum? Die Gemeinden sind sehr stolz und machen damit Reklame; das Publikum nimmt es zur Kenntnis und vergisst es sofort.

Dieses Jahr wird also Rheinfelden ausgezeichnet. Was halten Sie vom Entscheid?

Der Wakkerpreis hat seine eigene Geschichte. Am Anfang wurden nur «Schmucktruckli»-Städte oder Dörfer wie Guarda ausgezeichnet. Die Jury hat aber langsam gemerkt, dass die Schweiz nicht nur aus Schmucktrucklis besteht, sondern eine ziemlich grosse Agglomeration ist. Sie musste sich auch der Stadt annehmen. Daher ist es richtig, dass man auch Städte berücksichtigt, die nicht wie Stein am Rhein wunderschön mittelalterlich aussehen, sondern dass man sich auch ums 20. und 19. Jahrhundert kümmert. Unterdessen ist die Jury soweit, dass sie auch die planerische Leistung und den politischen Willen belohnt.

Was fliesst denn in die täglichen Bau- und Planungsprozesse aufgrund dieses Heimatschutz-Preises?

Aufgrund des Heimatschutz-Preises wahrscheinlich wenig, aber man muss sich klar sein, dass der Heimatschutz ein politisches Gewicht hat, weil er über Veto-Power verfügt. Der Heimatschutz kann ein Projekt bis zur Volksabstimmung bekämpfen, dass heisst, man muss von Anfang an mit dem Heimatschutz rechnen.

Wie wichtig ist das in der heutigen Zeit?

Das ist sehr wichtig. Oft ist es so, dass man Organisationen wie den Heimatschutz oder den VCS [Verkehrs-Club der Schweiz] die Drecksarbeit machen lässt. Die Behörden wissen zwar, dass sie ein Projekt nicht bewilligen können, aber sie sind «gottenfroh», wenn der Heimatschutz eine Beschwerde macht und das Projekt vor Gericht kommt. Dann können die Behörden den Bauherrschaften sagen, sie hätten ja schon gewollt, aber die Gerichte seien dagegen.

Was soll der Wakkerpreis in Zukunft würdigen: Städtebau, Architekturtrends, Heimatschutz?

Der Heimatschutz müsste sich jetzt auch mit dem Thema Verdichtung befassen. Denn das ist das Thema, mit dem wir uns in den nächsten 50 Jahren herumschlagen werden. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg mehr gebaut, als alle Generationen vorher seit den Römern zusammen. Wollen wir jetzt nochmals 70 Jahre so weiterfahren? Deshalb müssen wir das Baugebiet schliessen und mit den Flächen haushalten, die wir schon überbaut haben. Hier sehe ich auch für den Wakkerpreis eine Aufgabe.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

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