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Prügelknabe Polizist «Die Schweizer Bevölkerung ist nicht gefährlicher geworden»

Gewalt und Drohungen gegen Beamte haben sich in den letzten 15 Jahren mehr als verdreifacht. Weshalb?

Polizeikontrolle im Kanton Genf (Archivbild).
Legende: Polizeikontrolle im Kanton Genf (Archivbild). Vermehrt kommt es bei solchen Einsätzen auch zu Gewalt und Drohungen. Keystone

Mit Feuerwerk beworfen und verbal attackiert. Bei der Räumung eines besetzten Hauses in Bern ist es in dieser Woche zu Ausschreitungen gekommen. Polizei und Aktivisten lieferten sich ein stundenlanges Katz-und-Maus-Spiel. Kein Einzelfall: Die Anzeigen wegen Gewalt und Drohungen gegen Beamte haben sich in den letzten 15 Jahren mehr als verdreifacht. Was sind die Gründe für diesen frappanten Anstieg?

Gesellschaftliche Spannungen

«Die Schweizer Bevölkerung ist nicht gefährlicher geworden», sagt Dirk Baier, Leiter des Institutes für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er relativiert diese Zahlen. Zum einen habe die Polizei heute einen breiteren Auftrag. Die Beamten werden zum Beispiel auch bei häuslicher Gewalt gerufen und so in ein emotionales Umfeld gebracht, in welchem häufig der Beamte als Blitzableiter missbraucht wird.

Die Schweizer Bevölkerung ist nicht gefährlicher geworden.
Autor: Dirk BaierLeiter Institut Delinquenz & Kriminalprävention

Zum anderen seien auch die Anzahl Vorfälle im Vergleich zur Bevölkerung seit 2009 nicht mehr signifikant gestiegen. Diese neutralen Faktoren dürfe man beim Betrachten der Häufung von Gewalttaten gegen Polizisten nicht vergessen.

Anzahl Gewalt und Drohungen gegen Beamte

Jahr
Anzahl Gewalt und Drohungen gegen Beamte
Anzahl pro 100'000 Bewohner
20092350
30.5
20102258
29.0
20112519
32.0
20122957
37.2
20132776
34.5
2014
2567
31.5
20152808
34.1

Trotzdem sieht auch Baier die gesellschaftlichen Spannungen. Zum Beispiel sei der Linksextremismus ein Problem, das man noch nicht lösen konnte. Er hält aber fest, dass die Wahrnehmung von mehr Gewalt subjektiv und teilweise auf die mediale Ausschlachtung von Einzelfällen zurückzuführen sei.

Gab es früher mehr Anstand?

Der langjährige Polizist F. Gerber hingegen stellt in den letzten Jahren eine grosse Veränderung der Gewaltbereitschaft fest: «Diese aggressiven Pöbel-Gruppen und Kriminaltouristen gab es früher noch nicht.» Vor allem sei der Anstand früher grösser gewesen.

Entscheidend sei aber auch, dass die Täter je nach Gegend nicht einfach in der Anonymität verschwinden können. «Wenn man die Leute kennt, die man auf der Strasse antrifft, ist die Hemmschwelle viel grösser. In der Stadt ist dies natürlich schwieriger», so Gerber. Grundsätzlich herrsche ihm zufolge vielerorts eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber Beamten.

Wenn man die Leute auf der Strasse kennt, ist die Hemmschwelle viel grösser.
Autor: F. GerberLangjähriger Polizist

Der Forscher sieht hier einfach den grundsätzlichen Trend zu anderen Umgangsformen. Die jüngere Generation spreche informeller gegenüber Autoritätspersonen. Ob dies nun Lehrer oder Polizisten sind. Dass es aber auch grobe Beleidigungen und Übergriffe gibt, stellt Baier nicht in Frage.

Wie kommt es zu solchen Übergriffen?

Die Menschen halten sich laut Baier im Gegensatz zu früher häufiger im öffentlichen Raum auf. Dort treffen sie auf andere Gruppen und es kommt zu Konflikten. Schmiermittel für diese Streite sind Alkohol und Drogen: Rund 70 Prozent der Vorfälle geschehen im berauschten Zustand.

Polizist Gerber sieht vor allem die Gruppen-Dynamik als Problem: «Alleine würden sie sich nicht getrauen, in der Gruppe haben sie das Gefühl, sie können sich alles erlauben». Er findet: «Früher hatten wir dies noch nicht, dieser Trend kam von Amerika über Deutschland in die Schweiz.»

Höhere Strafen als Lösung

Am kommenden Montag stimmt der Ständerat über einen Vorstoss ab, der deutlich höhere Strafen bei Gewalt gegen Polizisten verlangt. Ein Streitpunkt. Der Polizeibeamten-Verband begrüsst ein solches Vorgehen. Baier hat auch hier einen anderen Ansatz: Kommunikation.

Denn wenn ein Beamter etwas sagt, gilt dies nicht mehr als unumstösslich. Die involvierten Personen kennen ihre Rechte, fragen nach und wollen antworten. «Darfst du dies überhaupt?» Deshalb sollen die Polizisten laut Baier kommunikativ sowie juristisch stark geschult werden und mit diesen Fähigkeiten deeskalierend auf die Täter einwirken.

Legende: Video Zwischennutzen statt besetzen abspielen. Laufzeit 03:35 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 23.02.2017.

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56 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Wenn die Polizei jeden "Kriminellen" gleich wieder laufen lässt, ergibt sich für die ein besseres Bild der Kriminalität. Noch etwas: die Schweizer sind bestimmt nicht schlimmer geworden, es sind die Ausländer die an jeder Ecke gegen das Gesetz vorgehen, da sie ja wissen, dass es sich für die Polizei nicht lohnt sie festzunehmen. Denn auch für die Polizei ist es frustrierend, wenn sie jemanden festnehmen und dann die Gerichte "Freisprüche" verteilen. Ein Teufelskreis! nicht eine Besserung.
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    1. Antwort von Reto Camenisch (Horatio)
      M.R. Noch schnell einen Seitenhieb auf die Ausländer! 'Die Schweizer Bevölkerung' beinhaltet alle.
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  • Kommentar von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
    Und dann wird wieder mal fleissig gehetzt. Das ist dann wohl unsere Kultur, die es zu verteidigen gilt?
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    1. Antwort von u. Felber (Keule)
      Es wird nicht gehetzt, es wird lediglich ein Missstand angeprangert. DAS sollte doch aber schon noch erlaubt sein, auch wenn es vllt Ihre Klientel trifft?
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    2. Antwort von Rolf Bolliger (robo)
      Herr Steiner, auch ich bin ein überzeugter Verfechter vom Netiquette einhalten! Wer sachlich und anständig reale Fakten erwähnt und dabei niemand persönlich verunglimpft, wird daraus sicher keine "Hetze"! Leute, die einfach jede andere Meinung zu einem Problem, - das eine Mehrheit besorgt macht -, aus ideologischen Gründe als "Hetze" kritisiert, hat keine Ahnung von Meinungsfreiheit und Toleranzbereitschaft in einer direkten Demokratie, in der Anstand, Pflichten und Rechte hoch stehen!
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    3. Antwort von paul waber (sandokan)
      Alles, was Ihnen nicht passt, ist Hetze....
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    4. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      @T. S.: Immerhin sind Sie & ihre Mitstreiter in ihrer Haltung konsequent. Und diese Haltung ist:" Jeder darf eine eigene Meinung haben, solange es die meinige ist." :-)
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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring (Denia)
    1968 haben linke Experten Jeanne Herschs Buch "Nihilismus" als Stumpfsinn deklariert. Aber genau hier liegt das Problem. Die Genfer Philosophin hatte Recht. Kurz gesagt: ohne Gott ist der Mensch machtlos, aber als liebenswerten, ehrlichen und verständnisvollen "Menschen" sollte man Gott sehen. Liebe, Vernunft , Fleiss. Meine selbstgebastelte Ideologie, mit Christlichem Kapitalismus. Denn er ist Mensch geworden und lebt wieder unter uns! ( das macht Angst, aber auch Freude.)
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    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Jeanne Hersch ging immer vom Prinzip aus von der Freiheit und Verantwortung. Sie mischte sich als Philosophin oft in die Tagespolitik ein. Ein bekannter Satz von ihr ist..Der Mensch wenn er geboren wird ist noch gar kein Mensch.Er wird erst ein Mensch wenn er sich bildet, indem er Grenzen erfährt....und Verantwortung übernimmt. Schön, dass Sie sie bei dieser Gelegenheit erwähnen. Eine grosse Schweizer Philosophin. Sie kritisierte bei Unruhen nie die Jugendlichen sondern die Eltern.
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