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Schweiz Die Video-Falle der Versicherer

Die Observation von mutmasslichen IV-Betrügern nimmt deutlich zu. Damit sparen die Sozialversicherungen über zwanzig Millionen Franken im Jahr. Weil aber die Versicherungen immer häufiger Video-Überwachungen einsetzen, geraten auch Unschuldige in Verdacht.

Sie hatte schamlos simuliert, und die Ärzte haben ihr geglaubt. Mirjana C. stürzte mit ihrem Velo und behauptete danach, unter einem Schleudertrauma zu leiden. Die Frau ging nicht mehr zur Arbeit und kassierte Geld von der Invalidenversicherung (IV).

Frau in rotem Trainingsanzug und mit mehreren grossen Taschen steigt in einen Reisebus.
Legende: Die Überwacher filmen Frau C. mit Taschen beim Einsteigen in einen Reisebus. SRF

In einem Protokoll notierten die Ärzte über Frau C.: Die Einkäufe würden vom Vater erledigt, während die Tochter den Haushalt verrichte. Ihre ganze Welt seien das Bett, ein feuchtes Tuch über dem Kopf und die Medikamente.

Doch bald darauf werden die Versicherer misstrauisch und lassen Frau C. heimlich per Video überwachen. Und tatsächlich: Die Bilder, die der «Rundschau» vorliegen, zeigen Frau C. mit drei vollgepackten Taschen.

Sie steigt in einen Reisebus ein, der in ihre serbische Heimat fährt. Die Detektive folgen ihrer Spur. Dort verrichtet Frau C. schwere Gartenarbeit, auf dem Balkon steigt sie auf einen Stuhl und schmückt ihren Weihnachtsbaum.

Verurteilung ohne Bewährung

Für die Versicherer reicht das als Beweis, dass Frau C. simuliert. Das Kriminalgericht in Luzern verurteilt sie zu vier Jahren Gefängnis – ohne Bewährung. Das Geld, das Frau C. kassiert hat, muss die Versicherung abschreiben.

Der Luzerner IV-Stellen-Leiter Donald Locher sagt gegenüber der «Rundschau»: «Wenn jemand über ein so grosses schauspielerisches Talent verfügt wie Frau C., dann braucht es Zeit, um den Betrug nachzuweisen.»

Videoüberwachungen im Auftrag von Versicherungen sind erst seit acht Jahren erlaubt. Seitdem nehmen sie stetig zu. Ende 2009 gab es 60 Observationen, in den Jahren darauf 190, 230 und 370. Die damit verbundenen Einsparungen stiegen von 12 auf 24 Millionen Franken.

Ein Überwacher hält eine Digitalkamera in der Hand. Auf dem Monitor ist die überwachte Person sichtbar.
Legende: Die Fahnder der IV überwachen ihre Klienten mit Videokameras. SRF

Video-Beweis allein genügt nicht

Doch die Überwachungs-Euphorie der Versicherer fordert auch ihre mutmasslichen Opfer. Igor B. leidet ebenfalls unter einem Schleudertrauma. Die IV hat zunächst gezahlt, strich aber später die Leistungen. Grund: Auf einem Detektiv-Video hievt der angeblich kranke Mann eine Tischplatte in einen Kofferraum.

«Ich bin wirklich krank», sagt Igor B. gegenüber der «Rundschau». «Die Tischplatte war leicht, ausserdem hatte ich später davon Schmerzen.» Igor B. hat sich einen Anwalt geholt und kämpft seitdem für seine IV-Rente.

Vor dem Bundesgericht landete er einen ersten Erfolg. Eine Video-Überwachung alleine reiche nicht aus, um die IV-Gelder zu streichen, heisst es da. Es müssten weitere ärztliche Abklärungen erfolgen, um sicher zu sein, dass der Betroffene simuliert.

Legende: Video Donald Locher an der «Rundschau»-Theke abspielen. Laufzeit 8:52 Minuten.
Aus Rundschau vom 09.04.2014.

An der «Rundschau»-Theke verteidigte Donald Locher die Praxis. Nur bei dringendem Verdacht würden solche Abklärungen durchgeführt. Bis es allerdings soweit komme, würden zuerst die Akten des Versicherten eingehend geprüft. Die Missbrauchsquote liege zwar bei rund einem Prozent, dennoch sei die IV verpflichtet diese Fälle aufzudecken.

8 Kommentare

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  • Kommentar von P.Meier, Zürich
    Der finanzielle Schaden von den 1% Misbrauchsfällen bei den IV-Renten (die Renten sind bei der IV noch das günstigste, die ganzen Wiedereingliederungen, Geschützte Werkstätten und der administrative Aufwand/Sozialarbeiter macht die IV erst so teuer...) sind harmlos im Vergleich zu den Missbrauschsfällen in anderen Bereichen wie z.b. Steuerbetrug und Steuerhinterzieheung, Finanzbranche im allgemeinen und das Bankenwesen im besonderen, u.s.w.
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  • Kommentar von Tom Duran, Basel
    Ja wir Schweizer sind Verbrecher, wir müssen dauernd überwacht werden! Komisch, bevor der ganze Europa-Wahn da war, funktionierte alles: Krankenkasse 70.-, AHV/IV gesichert, SBB bezahlbar, usw. Dann kamen die "modernen" Schweizer und meinten, wir müssen alles mitmachen, et voila: nichts geht mehr richtig! Auch so kann man ein Land kaputt machen. Eigentlich sollte man die Politiker und Behörden beobachten, denn die richten deutlich mehr Schaden an als wir Bürger es tun!
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    1. Antwort von Daniel Schwarz, Chur
      Was das mit Europa zu tun haben soll, verstehe ich nicht... Für mich ist der Hintergrund der angesprochenen Themen klar, das Streben nach Macht und Geld. So verschwindet auch die Solidarität. Früher waren Firmen bereit auch einen Anteil an leistungsschwächeren Mitarbeitern zu beschäftigen und bezahlen. Heute kein Platz mehr, zuerst ab in die ALV, dann zur IV, jetzt Sozialbezüger. Manchmal ist weniger MEHR! Wieviel kostet eigentlich der "Detektivaufwand" für die 1% Missbrauchsfälle?
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  • Kommentar von Guido Frisur, Schaffhausen
    Zur Klärung: Scheinsteuerzahler sind Menschen die bar, eben halt mit Scheinen, ihre Steuern zahlen.
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