Die Westschweiz schäumt nach Blochers Urteil

Der Aufruf des Bundespräsidenten zu Einigkeit im Land nach dem letzten Urnengang verhallt in der Westschweiz ungehört. Zu gross ist dort der Ärger über Blochers Bild vom angeblich schwächeren nationalen Bewusstsein der Welschen. «Widerlich» – so tönt es von oberster Stelle aus Genf und Waadt.

François Longchamp steht vor einer Flagge des Kantons Genf.

Bildlegende: Der Genfer Staatsrats-Präsident François Longchamp spricht den Romands aus der Seele. Keystone

Die Aussage von SVP-Chefstratege Blocher in der «Basler Zeitung», wonach die Welschen seit jeher ein schwächeres Bewusstsein für die Schweiz hätten, wirkte wie ein Brandsatz. Sie hat jetzt einen Flächenbrand ausgelöst.

«Für die Romands war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte», schreibt die Zeitung «Le Temps». Der freisinnige Genfer Regierungspräsident François Longchamp findet solche Äusserungen widerlich: «Da wird die eine Hälfte der Schweiz gegen die andere ausgespielt. Die Romands brauchen keine Lektionen von Herrn Blocher.» Gerade die Westschweiz trage zum Wohlstand des Landes bei.

Zuerst «Griechen der Schweiz» – und jetzt Blocher

Nachdem am Montag bei vielen Romands noch das Unverständnis über das Abstimmungsresultat vorherrschte, kochen die Gefühle jetzt über: Plötzlich sind die alten Ressentiments wieder da. Auch der schon fast vergessene «Weltwoche»-Artikel, der die Welschen als die «Griechen der Schweiz» betitelte, wird wieder zitiert.

Genf und Waadt zahlten in den Ausgleichstopf der Kantone ein, von dem Uri oder Obwalden zehrten, betont etwa der Waadtländer Finanzdirektor Pascal Broulis (FDP). Sie seien es, die die Solidarität unter den Kantonen gewährleisteten. Die Politiker reagieren trotzig: Kantone, welche die Initiative akzeptierten, dürften ruhig auf Ausländer verzichten, die Westschweiz aber brauche die Fachkräfte.

Perrin: «anderes Bewusstsein»

Der Neuenburger SVP-Regierungsrat Yvan Perrin versucht die Aussage von Christoph Blocher zu relativieren: Nicht ein «schwächeres, sondern ein anderes Bewusstsein der Schweiz» hätten die Romands. Das Verlangen nach Eigenständigkeit sei in der Romandie ebenso gross wie in der Deutschschweiz. Nur sehe man diese im Westen weniger durch die Ausländer bedroht.

Schadensbegrenzung, mehr ist das nicht. Denn das Geschirr ist zerschlagen. Mit demonstrativem Stolz unterstreicht François Longchamp, was die Westschweizer zum nationalen Erbe beigetragen haben: Die Kartographie, das Schweizer Wappen als patriotisches Symbol schlechthin. Aber auch internationale Aussstrahlung und das Rote Kreuz.

Burkhalter – Bundespräsident und Neuenburger

Bundespräsident Burkhalter reagiert erstmals gereizt. Der Neuenburger lässt erkennen, dass er nicht nur Bundespräsident, sondern auch Romand ist: Romands oder Deutschschweizer zu erniedrigen, gehöre nicht zu den Aufgaben eines Politikers. Das ist Balsam für die wunde Seele der Westschweiz.

Auf Facebook und Twitter ist das Thema in der Romandie allgegenwärtig. Blocher hat wohl einige Jahre Aufbauarbeit der SVP in der Westschweiz auf einen Schlag vernichtet.

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