«Dieses Gefühl, dass sich plötzlich etwas verändert»

André Beherzig war neun Jahre alt, als die Mauer fiel. Er wuchs im abgeschotteten Grenzgebiet auf. «Aus dem Schulbus konnte ich morgens hinter den Grenzanlagen die Lichter der Autos im Westen sehen. Nicht, dass ich da hinwollte», erinnert er sich. «Aber ich habe mich gefragt, wie das da drüben ist.»

«Ich war neun Jahre alt, als 1989 die Mauer fiel – alt genug also, um zu verstehen, dass da etwas Aussergewöhnliches geschah. Die Tragweite der Ereignisse war mir dann aber doch nicht bewusst – das ist ja klar.

Ich bin in einem kleinen Dorf im nördlichsten Zipfel des heutigen Thüringen aufgewachsen. Wenige Kilometer entfernt war Niedersachsen, der Westen. Wir lebten also mitten im Grenzgebiet. Uns konnte man damals nicht einfach mal so besuchen. Wer zu uns kommen wollte, brauchte einen Passierschein.

«Für uns war das normal»

Weil wir so nah an der Grenze wohnten, gab es überall Schlagbäume, Polizei und Grenzschutz. Heute klingt das absurd, aber für uns war das normal. Und in einem gewissen Sinne hatte es sogar etwas Gutes: Wir haben nie die Türen abgeschlossen. Passierte ja nichts.

Meine Eltern waren bereits in jungen Jahren zuerst als Gastwirte unternehmerisch tätig. Wir hatten ein Haus und mein Bruder und ich wuchsen sehr behütet auf – an meine Kindheit habe ich nur schöne Erinnerungen.

Politisch waren meine Eltern nicht. Sie hatten sehr grosse Sorge um uns Kinder und beteiligten sich deshalb nicht an den Montagsdemonstrationen. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass mein Grossvater in den stalinistisch geprägten fünfziger Jahren mehrere Wochen in U-Haft genommen wurde und niemand wusste was mit Ihm passiert war. Zu keiner Zeit wurde darüber geredet.

Trotzdem habe ich natürlich auch als Kind mitbekommen, dass gewisse Dinge seltsam waren. Unser Nachbar aus dem Dorf zum Beispiel, der arbeitete bei der Grenzpolizei. Der stand also am Schlagbaum und liess uns meistens einfach durch – klar, denn er kannte uns ja. Wenn aber sein Vorgesetzter dabei war, mussten wir uns ausweisen. Unserem Nachbarn! Kaum vorstellbar in der heutigen Zeit.

Der Blick nach drüben

Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich morgens im Schulbus immer in den Westen schauen konnte. Die Strasse führte direkt am ersten Grenzzaun entlang, dem auf der DDR-Seite. Dazwischen war das berühmte Niemandsland und ungefähr 300 Meter dahinter kam dann die eigentliche Grenze und der Zaun zum Westen. Und aus dem Bus konnte man bis rüber in den Westen gucken. Da war auch eine Strasse. Und vor allem morgens, wenn es noch dunkel war, sah man dort die Lichter der Autos und die Orte auf der anderen Seite. Es war nicht so, dass ich da als Kind unbedingt hinwollte. Aber gewundert hat es mich schon, wie es dort aussieht und was das für Menschen sind.

An die Wochen vor dem Mauerfall habe ich keine konkreten Erinnerungen – dafür war ich zu klein. Ich weiss aber noch, dass ich auch als Kind gemerkt habe, dass sich plötzlich etwas veränderte. Ich erinnere mich noch, dass im Fernsehen andere Dinge kamen. Und wir Kinder haben auch gemerkt, dass die Erwachsenen jetzt anders redeten – sie diskutierten offener.

Karte

Bildlegende: André Beherzig: Aufgewachsen in Thüringen, lebt heute in Zug. SRF

Die Nachricht vom Mauerfall haben wir am Abend des 9. November in den Nachrichten gehört. Meine Mutter lief zu einem Nachbarn, der das einzige Telefon im Dorf hatte. Sie rief meine Tante an, die im Nachbardorf Ellrich wohnte, wo schon kurze Zeit später der erste Grenzübergang in der Gegend geöffnet wurde.

Wir waren am Morgen des 11. November das erste Mal im Westen – bei der ersten Grenzöffnung in der Region waren wir unter den ersten, die passieren durften. Im Haus meiner Tante in Ellrich hatte sich die komplette Familie versammelt. Tanten, Onkel, wir Kinder. Den einen Kilometer von Ellrich nach Zorge auf der anderen Seite gingen wir zu Fuss, weil alles verstopft war von den vielen Autos.

Auf der anderen Seite wurde dann gefeiert. Da waren wirklich unglaublich viele Menschen, die freuten sich und klatschten. Sogar eine Blaskapelle war da. Später waren wir dann noch bei unseren Verwandten in Walkenried, ein Dorf weiter. Die hatten ja die ganze Zeit nur ein paar Kilometer von uns entfernt im Westen gewohnt, wir hatten uns aber nie sehen können. Für uns waren das Fremde und ausser, dass sie uns ab und zu mal ein Wespaket schickten, wussten wir gar nichts von ihnen. Die freuten sich aber ehrlich, uns zu sehen.

Woran ich mich auch noch erinnere, ist das Begrüssungsgeld (100 Mark, die sich jeder DDR-Bürger nach dem Mauerfall abholen konnte – Anm. der Redaktion). Ich habe damals gar nicht verstanden, warum wir Geld geschenkt bekamen. Wir bekamen an diesem Tag ohnehin so viel: In Walkenried gab es einen spontanen Basar, wo die Leute ihre Sachen hinbrachten – viel Spielzeug war da dabei. Ich bekam ein Matchbox-Auto und habe mich sehr darüber gefreut. Es war ein schöner Tag.

In der Zeit danach hatten die Erwachsenen viel mit sich zu tun. Meine Eltern hatten ihre Gaststätte und mit der Öffnung der Grenzen war bei uns die Hölle los. Manchmal hatte ich das Gefühl, der ganze Westen isst und trinkt bei uns. „Klar, das war ja auch unglaublich günstig und alles neu für die. Die Westdeutschen haben in dieser Zeit bei uns alles gekauft, was man irgendwie brauchen konnte. Viele suchten damals nach Häusern, Grundstücken oder Antiquitäten.

In dem Sinne haben wir sehr profitiert von der Grenzöffnung. Aber das war alles schlagartig vorbei mit der Währungsunion am 1. Juli 1990. Meine Eltern waren damals so alt wie ich heute bin – Mitte 30. Für sie war das alles machbar, aber es war schon auch extrem anstrengend, sich in einem komplett anderen System zurecht zu finden. Ich kann das heute, als Deutscher in der Schweiz, sehr gut nachvollziehen. Für uns ist hier ja auch vieles neu gewesen.

Ich habe vor sechs Jahren ein Unternehmen in der Schweiz gegründet und lebe nun seit zweieinhalb Jahren zusammen mit meiner Lebensgefährtin in Zug. Das war damals eine ganz bewusste Entscheidung. Wir waren an einem Punkt, an dem wir entscheiden mussten, wo wir eine Perspektive für uns sehen. Und aus unserer Sicht damals gab die Schweiz die beste Perspektive ab. Wir fühlen uns beide sehr wohl hier. Viele Dinge haben sich genau so entwickelt, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir sind sehr gut aufgenommen worden, wir haben ein tolles Umfeld und spannende Arbeit.

«Ich halte das für Verklärung»

Dass ich aus Ostdeutschland komme, spielt keine so grosse Rolle. Wenn ich gefragt werde, erkläre ich, dass ich aus diesem anderen Teil Deutschlands komme. Viele finden das sehr spannend, andere können damit wenig anfangen. Dass es einen «Ossi-Bonus» gibt, glaube ich nicht. Ich treffe schon hin und wieder mal Leute, die vielleicht ostdeutsche Handwerker hatten und total begeistert waren. Aber das sind wohl eher subjektive Erfahrungen.

Fühle ich mich noch ostdeutsch? Schwer zu sagen. Ich kann meine Herkunft nicht verleugnen, obschon ich über die Jahre zum Beispiel meinen alten Dialekt abgelegt habe. Mit bestimmten angeblich ostdeutschen Charaktereigenschaften – diesem vermeintlichen Zusammengehörigkeitsgefühl und der grossen Solidarität untereinander – kann ich nichts anfangen. Ich halte das für Verklärung. Mir kann niemand erzählen, dass früher alles besser gewesen sein soll, wenn Menschen für Ihren Freiheitsdrang unterdrückt wurden und im Gefängniss gelandet sind.»

André Beherzig

André Beherzig

Geboren 1980 in Nordhausen im nördlichsten Teil des heutigen Thüringen. Aufgewachsen in einem Dorf im Grenzgebiet zur Bundesrepublik, das für Auswärtige nur mit Passierschein zu betreten war. Beherzig studierte Sozialwissenschaften und lebt seit 2010 in der Zug. Er ist Unternehmer und Inhaber der mprofi AG.

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