Die «Ware Sex» im Geschichtsseminar

Mitnichten muss sich ein Geschichtsstudium nur mit altertümlichen Inhalten befassen. Eine Reportage aus einem Seminar an der Universität Basel zeigt, dass auch ganz tagesaktuelle Themen diskutiert werden können und diese dabei auf grosses Interesse bei den Studierenden stossen.

Der Seminarraum ist rappelvoll. Über sechzig Studierende – mehrheitlich Frauen – suchen nach Sitzgelegenheiten. Caroline Arni, die das Seminar hält, muss sich ihren Weg an ihr Pult richtiggehend bahnen.

Porträt der Geschichtsprofessorin Caroline Arni.

Bildlegende: Caroline Arni, Professorin für Geschichte an der Universität Basel. Universität Basel

Dass so viele Studierende erschienen sind, liegt wohl nicht zuletzt am Thema des Seminars: «Ware Sex? Zur Geschichte der Prostitution», lautet der Titel. Das zieht bei den Studierenden offenbar.
Weil man das Thema einfach immer wieder in den Medien antrifft, argumentiert etwa die eine Studentin. Es ist immer angenehm, wenn man in einem Seminar einen Zugang zu einem Thema hat, das auch heute aktuell eine Rolle spielt, meint etwa eine andere Studentin.

Medialer Diskurs als Studieninhalt

Die Einführung ins Seminar an diesem Morgen beginnt denn auch gleich mit der aktuellen medialen Diskussion über die Prostitution. Caroline Arni will mit den Studierenden die Eröffnung der Sexboxen in Zürich Altstetten und den öffentlichen Diskurs darüber erörtern.

Im Schnellzugtempo skizziert Caroline Arni, welche Fragen sich einer Historikerin stellen: Wann galt Prostitution als Skandal, wann als normal? Wann die Prostituierte als Opfer, wann als selbstbestimmte Sexarbeiterin?

«Früher war es die Verführerin oder das leichte Mädchen. Es ist halt einfacher – so der Diskurs – in der Prostitution Geld zu verdienen, als in irgendeinem harten Fabrikjob.» Caroline Arni redet pointiert und kann sich richtig echauffieren, etwa darüber, dass es zur Figur des Zuhälters fast keine historischen Untersuchungen gebe.

Unterschiedliche Gründe zum Besuch des Seminars

Das Engagement der jungen Professorin gefällt den Studierenden: Es spiele auch eine Rolle, wenn man eine Person kenne und wisse, dass diese gut ist, dass man dann gerne dieses Seminar besuche, meint etwa eine Studentin nach dem Unterricht.

Andere Studierende sind eher aus Pragmatismus hier: «Ich habe zu dieser Zeit keine anderen Pflichtveranstaltungen. Das ist immer so eine Sache, wenn man zwei Fächer studiert, dass dies kompatibel ist.»

Sie alle erwartet einiges an Arbeit bei Caroline Arni: «Bis nächste Woche schreiben Sie eine Zusammenfassung. Die muss bis Sonntag, 8 Uhr bei mir eintreffen, das ist die Deadline.»

Und das ist nur der Anfang. Die Literaturliste mit möglicher Lektüre fürs Semester umfasst immerhin 14 eng beschriebene Seiten.