Ein Politikum: Obligatorischer oder freiwilliger Mittagstisch

Wenn die Eltern arbeiten, essen die Kinder mittags in der Schule. Dieses Angebot gibt es in verschiedenen Schweizer Gemeinden. Mitmachen ist freiwillig. Die Stadt Zürich will aber einen Schritt weitergehen: Sie möchte obligatorische Tagesschulen einführen.

Zwei Kinder sitzen an einem Tisch und essen Pasteli.

Bildlegende: Essen in der Tagesschule: Mittagsbetreuung entlastet die Eltern. Keystone/Archiv

Kinder gehen morgens in die Schule, essen am Mittag dort und erledigen am Nachmittag die Hausaufgaben. In der Stadt Zürich besucht bereits fast jedes zweite Kind dieses Angebot. Tendenz stark steigend, schätzt das Schulamt. Das Stadtparlament fordert deshalb zusätzliche Tagesschulen. Schulvorsteher Gerold Lauber sagt: «Wir versuchen nun, die Prozesse so zu gestalten, dass wir der gesellschaftlichen Entwicklung nachkommen können.»

In den letzten Jahren sei in der Stadt Zürich die Nachfrage nach Betreuung über den Mittag stark angestiegen, sagt Lauber. Und nicht nur in Zürich: Dies sei in der ganzen Schweiz so.

Da ein Obligatorium für die Tagesschule aber mit dem aktuellen Volksschulgesetz in Konflikt stünde, denkt Lauber vorerst an einen Versuch in einigen Schulhäusern. Später könnte man das Gesetz dann immer noch anpassen. Unter den Eltern sind die Meinungen gespalten.

Eltern sollen entscheiden können

Jolanda Trausch ist im Vorstand der Dachorganisation der Zürcher Elternräte. Das Hauptargument gegen ein Obligatorium ist der Schutz der Privatsphäre der Familien: «Es ist ein Eingriff in die Privatsphäre der Familien. Der Staat bestimmt, wie die Betreuung der Kinder sein soll.»

Der Staat will vorschreiben, wie die Kinder ihren Tag zu verbringen haben. Dies passt auch Christian Wasserfallen nicht. Der freisinnige Politiker ist Präsident der Bildungskommission des Nationalrates. «Ich bin immer noch der Meinung, dass eine Tagesschule nicht obligatorisch sein sollte. Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder gerne zu Hause haben.» Entscheiden sollen die Eltern, so Wasserfallen.

Grosser Erfolg im Kanton Bern

Das zieht auch Bernhard Pulver vor: Der Bildungsdirektor des Kantons Bern ist zwar überzeugter Verfechter von Tagesschulen. Das Obligatorium besteht im Kanton Bern aber nur für die Gemeinden. «Die Gemeinden müssen Tagesschulen anbieten. Der Besuch ist aber freiwillig. Es wäre falsch, die Eltern zu etwas zu zwingen.» Im Kanton Bern hätten die Tagesschulen grossen Erfolg. Wohl nicht zuletzt, weil ihr Besuch freiwillig ist, glaubt Pulver.

Und vielleicht bleibt es auch in Zürich beim freiwilligen Mittagessen in der Schule. Denn der Zürcher Schulvorsteher Gerold Lauber relativiert: «Was das Ergebnis sein wird, im Jahre 2025 oder 2030, wissen wir nicht. Es ist doch noch eine lange Zeit, die vor uns liegt.»

Es gehe ihnen in einem ersten Schritt vor allem darum, Erfahrungen zu sammeln. Die Diskussion ist lanciert. Die Meinungen gehen auseinander.