Ein Preisschild für jede psychische Krankheit

Wie viel eine Meniskus- oder eine Blinddarmoperation kostet, sollte dank den sogenannten Fallpauschalen miteinander vergleichbar werden. Was in den Spitälern schon seit zwei Jahren gilt, ist neu auch für psychiatrische Kliniken geplant.

Ein weisser Raum mit Holzboden und einem Fenster, in der Ecke ein Behandlungstisch.

Bildlegende: Neues Tarifsystem Tarpsy: Jede psychische Krankheit soll ihren Preis bekommen. Keystone/Archiv

Im Sanatorium Kilchberg über dem Zürichsee wird das geplante Tarifsystem Tarpsy derzeit getestet. Dank Tarpsy soll klar werden, wieviel beispielsweise ein Burnout oder eine Psychose wie Schizophrenie oder Manie kostet und wie lange die Therapie dauert. Damit sollen die Kosten in der Psychiatrie bekannt gemacht und gesteuert werden können. Insgesamt 28 Tests zum neuen System laufen zurzeit.

«Ausser Spesen nichts gewesen», sagt Direktor Peter Hösly kurz und knapp. Vor ihm auf dem Sitzungstisch liegen die ersten Ergebnisse zur Testphase, in der er zu jedem Patienten zusätzliche Erhebungen machen liess: Diagnose, Nebendiagnosen, Schweregrad.

Die Auswertungen zeigen, dass Tarpsy sich nicht lohnt, wie Hösly erklärt: «Grundsätzlich ist gegen ein System, das es uns erlaubt ökonomischer zu arbeiten, nichts einzuwenden. Das Problem bei Tarpsy ist aber, dass es für uns keine wesentlichen Verbesserungen bringt.» Tarpsy ist also nicht genauer als das heutige System: Es gibt keine durchschnittliche Psychose und somit auch keine durchschnittlichen Kosten.

Je nach Person unterschiedlicher Krankheitsverlauf

Das überrascht den ärztlichen Direktor René Bridler nicht. «Wir wissen seit vielen Jahren aus allen Ländern in der gesamten Psychiatrie, dass die Diagnosen zur Aufklärung der entstehenden Kosten praktisch nichts beitragen», sagt er und liefert auch gleich die Erklärung dazu: «Die Aufenthaltsdauer in der psychiatrischen Klinik wird viel stärker als anderswo von psychosozialen Aspekten und weiteren externen Faktoren mitunter völlig dominiert.»

Der Krankheitsverlauf ist also bei allen Patienten verschieden und hängt auch davon ab, ob sie eine Behandlung überhaupt wollen. Im Kanton Zürich kommt etwa ein Viertel der Eingewiesenen nicht freiwillig in eine psychiatrische Klinik.

Die Schweiz wäre das erste Land mit diagnosebezogenen Tarifen in der stationären Psychiatrie. Ein Wechsel brächte neben mehr Bürokratie für die Psychiater auch Nachteile für die Patienten, ist Bridler überzeugt. Denn es setze Anreize, weg von schlechteren zu besseren Risiken, zu Diagnosen also, für die mehr Geld zu erhalten ist. Bridler befürchtet eine «Favorisierung rascher Lösungen»: Psychopharmaka statt Therapien und Diagnosen nur wenn sie sich rechnen.

Einführung offiziell in vier Jahren geplant

Für die Bedenken bezüglich der Diagnosen hat man bei SwissDRG in Bern ein gewisses Verständnis. Die Organisation soll Tarpsy einführen. Geschäftsführer Simon Hölzer räumt ein: «Diese Möglichkeit gibt es in der Theorie. Es gibt aber auch praktische Erfahrungen, die zeigen, dass man den Ermessensspielraum ausnutzt», sagt er. Tarpsy grundsätzlich in Frage zu stellen, sei verfrüht.

Hölzer, selber Gesundheitsökonom und Arzt, ist überzeugt vom geplanten Tarifsystem. Er glaubt, dass sich damit künftig besser vorhersagen lässt, wie lange jemand psychisch krank ist, wie lange er oder sie in der Klinik bleibt und wieviel das kostet.

Hier die Zuversicht, dort die Ängste: Vereinzelt sind Rufe zu hören, die Tarpsy stoppen wollen. Laut offiziellem Fahrplan ist für im Herbst die Auswertung und für in vier Jahren die Einführung des neuen Tarifmodells geplant.