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Schweiz «Ein Verbot ist nicht die richtige Lösung»

Die Bedingung für zwei Fremdsprachen in der Primarschule sei bisher nicht gegeben, sagt der oberste Lehrer der Schweiz, Beat Zemp. Doch eine Abschaffung des Frühfranzösisch hält er für unrealistisch. Dies verstosse gegen den Verfassungsauftrag.

Im Kanton Thurgau hat sich das Parlament gegen das Frühfranzösisch in der Primarschule ausgesprochen. Nun kochen die Gemüter. Die Westschweizer fühlen sich angegriffen. Das Frühfranzösisch führe zu mangelnden Deutsch- und Mathematikkenntnissen, sagen die Befürworter der Abschaffung.

Es braucht dringend Verbesserungen wie mehr Lektionen, angepasste Lehrmittel und einen Unterricht in Halbklassen.
Autor: Beat ZempZentralpräsident der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH)
Beat Zemp
Legende: Zemp sieht Optimierungsbedarf im Lehrplan. Keystone

Nun nimmt der Zentralpräsident der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) zum Streit Stellung. «Die Frage der Fremdsprachen auf Primarstufe muss nochmals ernsthaft diskutiert werden», sagt er in einem Gespräch mit der «Basler Zeitung». Denn die Bedingungen für zwei Fremdsprachen in den Primarschulen seien bisher nicht gegeben. «Es braucht dringend Verbesserungen wie mehr Lektionen, angepasste Lehrmittel und einen Unterricht in Halbklassen.»

Der Lehrerverband plädiert für ein Zweisprachen-Angebot an der Primarschule, das von den Kindern je nach Leistungsvermögen genutzt werden könne. Zwar stimme es «teilweise», dass Kinder mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule überfordert seien. «Ein generelles Lernverbot auch für leistungsstarke Schüler ist sicher nicht die richtige Lösung.» Zemp sieht dadurch das Gebot der Chancengleichheit in Gefahr.

Frühfranzösisch abschaffen?

Eine Mehrheit des Thurgauer Kantonsparlaments will keinen Französischunterricht mehr in der Primarschule. Auf dieser Schulstufe soll nur noch Englisch unterrichtet werden. Was meinen Sie? Soll Französisch für Primarschüler abgeschafft werden?
  1. Ja
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  2. Nein
    %
  3. Weiss nicht / Ist mir egal
    %

Vielen Dank für Ihre Teilnahme.

Doch Probleme ortet Zemp auch in anderen Bereichen. Der Parlamentsentscheid im Thurgau verstosse gegen den Verfassungsauftrag und gegen den Entscheid der Erziehungsdirektorenkonferenz. Die Bundesverfassung halte fest, dass die Ziele der Bildungsstufe harmonisiert werden. Mit seinem Parlamentsentscheid würde der Kanton Thurgau diesen Verfassungsauftrag klar nicht erfüllen. Die Erziehungsdirektorenkonferenz müsse sich auf ein gemeinsames Konzept einigen. Ansonsten käme der Bund nicht darum herum, einzugreifen.

Es wäre sehr unangenehm, wenn der Bund intervenieren müsste.
Autor: Christoph EymannPräsident der Erziehungsdirektorenkonferenz EDK

Wenn die Kantone keinen neuen gemeinsamen Nenner finden, kann der Bundesrat gemäss Verfassung eingreifen. Innenminister Alain Berset hatte im März bereits angekündigt, er werde allenfalls von dieser Kompetenz Gebrauch machen.

Christoph Eymann, Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz EDK und baselstädtischer Erziehungsdirektor, sprach sich jedoch gegen eine Intervention des Bundesrates aus. «Jetzt sind wir, die Kantone, gefordert, eine gemeinsame Lösung zu finden», sagte Eymann. «Es wäre sehr unangenehm, wenn wir als Verantwortliche das nicht schaffen würden und der Bund intervenieren müsste.»

43 Kommentare

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  • Kommentar von T. Leu, Adetswil
    Die Reaktion der Westschweizer und Tessiner Mitbürger ist verständlich. Wo leben diese Thurgauer eigentlich? Stellen Sie sich vor die Deutschschweiz wäre die Sprachminorität! Wer die Schweiz liebt, ist für die Mehrsprachigkeit und dafür gibt's einen Preis zu bezahlen. Englisch ist doch kein spezielles Asset; das können und brauchen alle. Aber Englisch und mindestens eine 2. Landessprache... Wow; dafür beneidet man uns im Ausland. Zudem bringt uns die Mehrsprachigkeit wirtschaftliche Vorteile.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      T. Leu, welche wirtschaftlichen Vorteile sollte die Mehrsprachigkeit uns bringen? Für die deutschen sprechen wir eh kein prefektes Deutsch, für die Franzosen kein prefektes Französisch und für die Engländer kein perfektes Englisch. Und wieviel Prozent der Führungskräfte in internationalen Firmen in der Schweiz sind SchweizerInnen? Wir haben einen Ausländeranteil von über 20% ergo müssten es gegen 80% sein!? Sorry, ich sehe da zur Zeit keinen Nutzen sondern leider nur Nachteile.
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  • Kommentar von Resi Weber, Lausanne
    An dieser Stelle möchte ich doch den Herren SRF Kommentatoren gratulieren, dass sie immer öfter Wörter aus dem Englischen weglassen u. mit vocabulaires ersetzten. Einige machen das sehr oft, z.B. Herr Hüppi und Herr Hofmänner. So sagte letzterer heute Abend bei der Siegerehrung von Hussein: "moment magique". Hätte ja auch sagen können "magic moment" or "golden moment". Das passt aber doch nicht so richtig, wenn gerade die Landeshymne ausklingt.
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  • Kommentar von Stefan Hildebrand, Altstätten
    Als Reallehrer unterrichte ich gerne Französisch auf der Oberstufe. Nach drei obligatorischen Schuljahren Französisch im Kt. St. Gallen wird das Fach Ende 7. Klasse zum Freifach und mehr als 80% aller Schüler hören mit Französisch auf. Könnte ich nun diese Schüler am Ende des 9. Schuljahres nochmals auf ihre Französischkenntnisse überprüfen, so wäre das vorhandene Wissen gleich null...Dafür wurden aber 360 Unterrichtslektionen aufgewendet, die wirklich für Besseres eingesetzt werden könnten.
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    1. Antwort von Resi Weber, Lausanne
      Das wundert mich nicht, wie es die Mentalität der meisten Forumer durchsehen lässt. Das Kind braucht eben auch die nötige Motivation u. Unterstützung von zu Hause. Ideal wäre, wenn jeder in der CH in seiner Muttersprache sprechen könnte u. sein Gegenüber ihn versteht. Dafür braucht es nicht perfekte, grammat. Kenntnisse. Durch die Einführung der nat. Sprachen in der Primarschule u. eine positive Einstellung gegenüber den Minderheiten wäre dies nach 1-2 Generationen sicher möglich.
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    2. Antwort von p.keller, kirchberg
      Vielleicht liegt es auch an der Qualität Ihres Französisch-Unterrichts - zudem sprechen wir von Sekundarschülern.
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    3. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Stefan Hildebrand, es wundert mich nicht, wenn die Französischkenntnisse am Ende bei Null sind. Viele Schuler lernen meines Erachtens eine Sprache erst, wenn sie alleine für eine Zeit in dem entsprechenden Landesteil sind, z.B. die RS dort verbringen. Dann ist die Motivation unbeschreiblich gross die Sprache zu lernen.
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