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Stets die Frage: woher kommst du? Das Leben einer Doppelbürgerin
Aus Einfach Politik vom 20.11.2020.
abspielen. Laufzeit 26:58 Minuten.
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Einbürgerung Doppelbürger: Vom umstrittenen Politikum zum Normalfall

Wer sich in der Schweiz einbürgern lassen will, muss seinen alten Pass abgeben. Die Regel galt in der Schweiz bis vor 28 Jahren. Innert weniger Monate wendete sich damals das Blatt. Seither ist die Zahl der Einbürgerungen in die Höhe geschnellt. Ein vergessenes Stück Politgeschichte.

1992 kommt in Brunnen, im Kanton Schwyz, Ivona Domazet zur Welt. Sie ist die Tochter kroatischer Gastarbeitenden. Ihre Eltern waren als Saisonniers in die Schweiz gekommen und in der Hotellerie im Schwyzer Tourismusort am Vierwaldstättersee beschäftigt. Ivona fühlte sich immer als «normales» Mädchen aus der Zentralschweiz: «Dass ich den kroatischen – und keinen anderen - Pass hatte, spielte in meiner Kindheit keine Rolle. Ich fühlte mich schon immer als Schweizerin.»

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Ivona Domazet: «Finde nicht, dass ein Pass jemand zur loyaleren Staatsbürgerin macht».
Aus News-Clip vom 20.11.2020.
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Ebenfalls 1992 bekam die Schweiz ein neues Bürgerrechtsgesetz: Eine der Änderungen war die Anerkennung der Doppelbürgerschaft. Ausländerinnen durften ihren bisherigen Pass neu nach der Einbürgerung behalten. Dieser Lockerung war eine politische Kehrtwende vorausgegangen, die im Rückblick überrascht.

Noch im September 1989 hatte es das Parlament abgelehnt, das Doppelbürgerverbot zu kippen. Doch schon ein halbes Jahr später, im März 1990, kamen National- und Ständerat darauf zurück und strichen den Gesetzesartikel. «Es ist niemandem verboten, gescheiter zu werden», kommentierte der CVP-Politiker Beda Humbel im Nationalrat damals den Meinungsumschwung lakonisch.

Europäische Entwicklung zwingt die Schweiz zur Öffnung

Er begründete dieses «Gescheiterwerden» mit den Entwicklungen im zurückliegenden halben Jahr: Die Mauer war gefallen und Europa befand sich im Umbruch. Die EG (heute EU) plante, politisch und wirtschaftlich näher zusammenzurücken.

Vor diesem Hintergrund hatten die Wirtschaftsverbände beim Bundesrat Druck gemacht. Sie befürchteten im Hinblick auf einen gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum Nachteile, sollte die Schweiz die Doppelbürgerschaft weiterhin verbieten. Zudem war die Zahl der Einbürgerungen rückläufig. Der Schweizer Pass schien an Attraktivität zu verlieren, was auch dem Bundesrat nicht behagte.

So fiel das Doppelbürgerverbot, ohne dass ein Referendum ergriffen worden wäre. In der Folge stiegen die Einbürgerungszahlen rasant an. Sie verdoppelten sich innerhalb eines Jahres auf mehr als 10'000 und stiegen auch in den folgenden Jahren weiter – bis heute. So liessen sich in den letzten Jahren stets mehr als 40'000 Menschen in der Schweiz einbürgern.

Die Schweiz gehörte bei der Anerkennung der Doppelbürgerschaft zu den Vorreitern in Europa. Deutschland zum Beispiel duldet die doppelte Staatsbürgerschaft nach Einbürgerungen erst seit 1999 und grundsätzlich nur bei Bürgerinnen und Bürgern anderer EU-Staaten oder der Schweiz. Österreich schliesst Doppelbürgerschaften bis heute - abgesehen von Spezialfällen –aus. Ebenso muss, wer Liechtensteinerin werden will, ihren alten Pass abgeben.

Der lange Weg zur Doppelbürgerin

Ivona Domazet ist gerade volljährig, als sie 2010 eingebürgert und somit kroatisch-schweizerische Doppelbürgerin wird. Der Anstoss für die Einbürgerung ist von Ivonas Eltern gekommen. Sie wollten, dass es Ivona und ihre ältere Schwester in der Schweiz einmal leichter haben, als sie es erlebten. Als Saisonniers hatten sie in der Schweiz viel Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren.

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Ivona Domazet: «Vom Schweizer Pass erhoffte ich mir, im Alltag weniger diskriminiert zu werden.»
Aus News-Clip vom 20.11.2020.
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Den Schweizer Pass bekam sie nach einem zweijährigen Hürdenlauf. «Ich dachte: warum brauchen die so lange, um abzuklären, ob ich den Schweizer Pass verdiene, obwohl ich ja hier geboren bin? Da fühlt man sich fast ein bisschen kriminell», erinnert sich Domazet.

Ich dachte: warum brauchen die so lange, um abzuklären, ob ich den Schweizer Pass verdiene, obwohl ich ja hier geboren bin? Da fühlt man sich fast ein bisschen kriminell.
Autor: Ivona DomazetDoppelbürgerin

Am «absurdesten» fand sie den Einbürgerungstest in der Wohngemeinde Brunnen. Dort wurde sie unter vielem anderen gefragt, ob sie den Haushaltskehricht aus dem Fenster auf die Strasse werfe, im Wald verbrenne oder in Gebührensäcke der Müllabfuhr übergebe. «Nur schon, dass einem diese Frage gestellt wird, zeigt doch, was die Behörden von einem halten.»

Erleichterte Einbürgerung für die zweite Generation gescheitert

Dabei fehlte nicht viel, und Domazet hätte von einem erleichterten Einbürgerungsverfahren profitieren können. Die erleichterte Einbürgerung für Ausländerinnen und Ausländer der zweiten Generation war 16 Jahre zuvor zur Abstimmung gekommen. Trotz Volksmehr war sie aber am Ständemehr gescheitert.

Unterdessen gesteht die Schweiz immerhin Ausländerinnen und Ausländern der dritten Generation die erleichterte Einbürgerung zu. Sie, deren Eltern schon hier geboren wurden, brauchen nur noch das grüne Licht vom Bund und müssen danach nicht auch noch auf Gemeindeebene ein Verfahren durchlaufen.

Doppelbürgerschaft bis heute nicht unumstritten ….

Auch der Doppelbürgerstatus blieb seit 1990 uneingeschränkt möglich, auch wenn es immer wieder Versuche gab, daran zu rütteln – meistens vonseiten der SVP, die seit 1990 ihren Wähleranteil mehr als verdoppelt hat. Aber weder das generelle Doppelbürgerverbot hatte im Parlament eine Chance, noch die Einschränkung ihrer Bürgerrechte – etwa der Ausschluss von politischen Ämtern auf Bundesebene.

In den Fokus gerieten in letzter Zeit vermehrt die Doppelbürgerinnen und -bürger im Ausland. Unter den Auslandsschweizerinnen und Auslandsschweizer haben 75 Prozent neben dem Schweizer Pass noch einen oder mehrere weitere. Für die Auslandsschweizer wurde 2019 in einem Expertenbericht angeregt, dass sie nach einigen Jahren im Ausland die politischen Rechte verlieren sollten.

Ein anderer Vorschlag aus der Politik, der bislang keine Mehrheit fand, ist, dass Schweizerinnen und Schweizer, deren Vorfahren seit mehreren Generationen im Ausland leben, das Schweizer Bürgerrecht nicht mehr an ihre Kinder weitergeben können.

… aber unterdessen ein Stück Schweizer Normalität

In der Schweiz jedenfalls scheinen die Doppelbürgerinnen und Doppelbürger unterdessen ein Stück Normalität zu sein. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass es schwierig ist, genaue Zahlen über sie zu bekommen. So wissen die Parlamentsdienste nicht, wie viele in National- und Ständerat zwei oder mehrere Pässe haben. Auch das Bundesamt für Statistik kann keine gesicherten Angaben über die Gesamtzahl der Menschen in der Schweiz machen, die neben dem roten noch einen anderen Pass haben. Von allen Personen unter 15 Jahren fehlen nämlich die entsprechenden Angaben, ohne sie sind es rund eine Million.

Ein Foto der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft
Legende: Normalität in der Schweiz: Die Fussballnationalmannschaft besteht aus vielen Spielern mit doppelter Staatsbürgerschaft. Keystone

Eine Million Doppelbürger-Lebensgeschichten, eine Million Doppelbürger-Lebensgefühle. Ivona Domazet zum Beispiel reist immer mit dem Schweizer Pass und manchmal denkt sie, Kroatien ist gar kein Teil von mir. «Und dann reise ich nach Kroatien, atme die Luft ein und fühle mich doch daheim irgendwie. Emotional ist etwas da.» Ivona Domazet ist Schweizerin. Aber Kroatin ist sie eben auch.

Radio SRF 3, 16.11 - 20.11.2020; csb

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39 Kommentare

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  • Kommentar von Gianni Romagnoli  (GiRom)
    Ich habe - mit Ausnahme von zwei Jahren als Kleinkind - immer in der Schweiz gelebt. 1995 wurde ich erleichtert eingebürgert. Meine Frau sagt über mich, ich sei der grösste CH-F....-Bürger. Ich verwende auch noch alte Mundartausdrücke, die man nicht mehr oft hört.
    ABER, und jetzt kommts: Wenn wir zusammen in Italien sind, sagt sie: "Jetzt bist du ein richtiger Italiener".
    Genau so ist es. Und es ist gut so!
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  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Doppelbürgerschaft birgt Risiken. Doppelbürger*innen können in mehreren Staaten Pflichten haben – etwa Militärdienst oder die Entrichtung von Steuern. Auslandschweizer*innen können zudem über Gesetze abstimmen, denen sie sich nicht unterwerfen müssen. Laut der Studie müsste diskutiert werden, wie lange Auslandschweizer*innen ihre Staatsbürgerschaft an nachfolgende Generationen weitergeben können und wie sie im Parlament vertreten sein sollen.
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  • Kommentar von Christoph Derendinger  (Christoph in Salvador)
    1. Die Idee, den Doppelbürgern nach gewissen Kriterien das Stimmrecht in der Schweiz abzusprechen, wäre mit unverhältnismässig hohen Umtrieben verbunden. Wenn keine engere Beziehung zur Schweiz mehr besteht, verschwindet auch das Interesse, an Abstimmungen teilzunehmen.
    2. Sehr interessant die Tabelle über zweite Staatsangehörigkeit. Bin überrascht über die Zahl in Brasilien, und die Länder aus Ex-Jugoslawien zusammen kämen an zweiter Stelle nach Italien.
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