Joints aus dem Supermarkt «Endlich kommt eine Diskussion über Cannabis in Gang»

Die Gesellschaft müsse sich über die Regeln im Umgang mit Cannabis klar werden. Das sagt der Genfer Psychiater und Drogenexperte Daniele Zullino.

Gesicht eines Mannes mit Bart.

Bildlegende: Daniele Zullino ist Chefarzt der Kliniken für Suchtpsychiatrie am Genfer Universitätsspital. zvg

SRF News: Bald verkauft Coop Cannabis-Zigaretten. Ist Marihuana in der Schweiz definitiv salonfähig geworden?

Daniele Zullino: Salonfähig wohl noch nicht gerade, aber zumindest können wir nun über Cannabis diskutieren. Das ist eine gute Nachricht.

Die CBD-Zigaretten von Coop enthalten zwar Cannabis, aber praktisch kein psychoaktives THC. Ist Cannabis als Substanz akzeptiert, nicht aber der Cannabis-Rausch?

Das stimmt so – an und für sich. Allerdings haben auch die CBD-Zigaretten eine psychoaktive Wirkung. Der natürliche Wirkstoff Cannabidiol (CBD) kann beruhigen, Schlaf-anstossend oder schmerzlindernd wirken.

Wäre der Verkauf von Cannabis-Zigaretten in einem Supermarkt auch vor 10 oder 15 Jahren vorstellbar gewesen?

Nein, wohl nicht. Inzwischen haben wir allerdings eine grössere Entwicklung durchlaufen. Nicht nur in der Schweiz. So ist Marihuana, auch solches mit hohem THC-Gehalt, inzwischen in Uruguay und in zahlreichen US-Bundesstaaten legal zu kaufen. Die Welt ändert sich.

«  Der Umgang mit Cannabis ist schon fast die Regel geworden.  »

Ist man demnach auch in der Schweiz gegenüber Cannabis toleranter geworden?

Man ist in gewisser Weise gezwungen dazu, toleranter zu sein. Rund ein Drittel der jungen Männer in der Schweiz hat in ihrem Leben mindestens ein Mal Marihuana konsumiert. Der Umgang mit Cannabis ist schon fast die Regel geworden. Allein dadurch hat sich die Haltung gegenüber Cannabis etwas normalisiert. Die nun in Gang kommende Diskussion ist sicher willkommen, denn noch ist nicht geklärt, unter welchen Umständen es sozial akzeptabel ist, Cannabis zu konsumieren.

«  Allein die Konsumenten und die Dealer entscheiden über die Umstände des Cannabis-Konsums. »
Cannabis-Pflanze mit Blüte.

Bildlegende: Verarbeitet und Konsumiert werden vor allem die getrockneten Blüten der weiblichen Cannabis-Pflanze. Keystone

Müssen diese Regeln also von uns als Gesellschaft ausgehandelt werden – so wie das beim Alkohol und beim Tabak der Fall war und ist?

Genau. Bis anhin entschieden einzig die Konsumenten und die Dealer über die Umstände des Cannabis-Konsums. Es geht dabei um die Qualität der Drogensubstanz, den Zeitpunkt, die Art des Konsums sowie darum, unter welchen Bedingungen und in welchen Situationen Cannabis konsumiert wird. Der Staat hatte bis jetzt dazu überhaupt nichts zu sagen, ausser dass es verboten ist. Bei Alkohol und Zigaretten bestimmt der Staat, welche Qualität diese Drogen haben müssen, wann, wo und an wen Alkohol und Zigaretten verkauft werden dürfen. Das haben wir bislang bei den illegalen Drogen nicht.

Ist eine breite Diskussion über Cannabis also eigentlich längst fällig?

Absolut. Ich hoffe, es kommt nun eine solche Diskussion in Gange, wir hätten sie schon lange gebraucht.

Das Gespräch führte Markus Föhn.

Cannabis, Marihuana, THC, CBD. Was ist was?

Die Pflanze: Cannabis ist eine Sorte der Hanfgewächse. Die Cannabis-Pflanze enthält traditionell ein Gemisch von Dutzenden teils psychoaktiven Stoffen. Darunter sind das als berauschender Wirkstoff bekannte THC (Tetrahydrocannabiol) sowie das beruhigend wirkende CBD (Cannabidiol). Vor allem weibliche Cannabis-Pflanzen enthalten diese Wirkstoffe in ihren Blüten. Der Gehalt an THC und CBD ist je nach Züchtung sehr unterschiedlich. Als Droge konsumiert werden getrocknete Cannabis-Blüten (Marihuana), gepresster Blüten-Harz (Haschisch) oder Haschischöl.
Das Gesetz: Von Bedeutung ist in der Schweiz der THC-Wert: Cannabis-Anbau und Verkauf sind legal, sofern die Pflanze oder das Marihuana weniger als 1 Prozent THC enthält – und damit als nicht berauschend gilt. Während in den letzten Jahrzehnten die Züchter von berauschendem Cannabis vor allem auf einen möglichst hohen THC-Gehalt hinarbeiteten – ihre Gewächse enthalten bis zu 15 Prozent THC – ist jüngst ein Trend in Gang gekommen, Cannabis-Pflanzen mit möglichst tiefem THC- aber hohem CBD-Gehalt zu züchten. Solche Cannabisprodukte dürfen legal verkauft werden.
Aber Achtung: Im Strassenverkehr gilt in der Schweiz punkto THC Nulltoleranz. Da die angewandten Tests auch sehr kleine Mengen THC nachweisen und der Stoff sehr lange im Körper verbleibt, muss damit gerechnet werden, dass ein solcher Test auch Tage nach dem Konsum von Cannabis – auch von CBD-Zigaretten – positiv ausfällt. Wegen der Nulltoleranz spielt die Menge des nachgewiesenen THC keine Rolle, der Fahrausweis wird dem Sündigen von der Polizei auf der Stelle entzogen.

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  • Cannabis-Boom: Behörden reagieren

    Aus Schweiz aktuell vom 14.2.2017

    Eine Vielzahl von Shops verkaufen Cannabisprodukte mit dem Wirkstoff CBD ohne Zulassung. Der Berner Kantonsapotheker kritisiert den Verkauf dieser Produkte scharf. Jetzt reagiert der Bund. Otmar Seiler meldet sich live von einem grossen Cannabis-Produzent.