«Energiestrategie 2050» – Fass ohne Boden?

Das erklärte Ziel ist der Ausstieg aus der Atomenergie. Der Bundesrat hat dafür einen langfristigen Plan erarbeitet. Doch wurde die Strategie «schöngerechnet»? Die Vermutung liegt nahe, denn nicht alle Kosten sind aufgeführt.

Nicht immer scheint die Sonne, der Wind bläst mal stärker, mal schwächer, mal gar nicht. Klingt banal, ist für die Energiestrategie des Bundesrates aber ein Problem.

Weil erneuerbare Energien unregelmässig anfallen, muss der Strom gespeichert werden können, damit in sonnen- und windarmen Zeiten darauf zurückgegriffen werden kann. Doch die Stromspeicherung kommt die Schweiz teuer zu stehen. Das zeigt eine Studie, die das Bundesamt für Energie beim deutschen Unternehmen Consentec in Auftrag gegeben hat.

Studienautor Karsten Lüdorf sagt: «Wir haben eine Abschätzung der Kosten gemacht. Sie basiert auf den Durchschnittspreisen von 2010 und 2011, die an den Märkten für die Reserve erzielt wurden.» Nach dieser Berechnung liegen die anfallenden Kosten in einem Bereich von knapp 400 Millionen bis zu 700 Millionen Franken pro Jahr.

Konkret fallen gemäss diesen Annahmen um das Jahr 2035 für die Speicherung von Strom jährliche Kosten von 390 Millionen Franken an. 2050 sind es laut Studie gar 610 Millionen pro Jahr. Insgesamt macht das bis zu 15 Milliarden Franken in der Zeitspanne zwischen 2020 und 2050.

Nicht ausgewiesene Kosten: Nicht nur ein Schweizer Problem

Erwähnt wird dies in der Vorlage für die «Energiestrategie 2050» des Bundesrates vom letzten Herbst mit keinem Wort. Und das, obschon der Bund die Zahlen seit Februar des letzten Jahres kennt.

Studienautor Lüdorf überrascht das nicht. In Deutschland laufe es ähnlich. «Dass bei einer Umwälzung des Kraftwerkssystems deutlich mehr Reserven bereitgehalten werden müssen, wird in der Tat oft vergessen.»

Vorlagen sollen neu angepasst werden

Beim zuständigen Bundesamt für Energie sagt man, die Kostenschätzungen der Studie seien «nachvollziehbar». Es treffe zu, dass sie in der «Energiestrategie» nicht enthalten seien.

Bei den Modellen über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen seien die Überlegungen aber eingeflossen, erklärt Christian Schaffner, Leiter der Sektion Energieversorgung: «Allerdings nicht in expliziter Form, sondern wirklich implizit im System drin – bei der Berechnung der Strompreise.»

Auf die Frage, ob man die hohen Kosten für die Speicherung nicht transparent hätte ausweisen müssen, antwortet Schaffner: «Die Frage ist immer, was man alles auflisten will. Es gibt natürlich eine Vielzahl von Kostentreibern. Man hat versucht, das möglichst transparent zu machen.»

Allerdings müsse man jetzt erkennen, dass Klärungsbedarf vorliege. Deshalb würden die Vorlagen nochmals angepasst.

Stromspeicherung auch als Einkommensquelle

«Ich bin sehr überrascht, dass man einerseits den Aufbau erneuerbarer Energien zwar fordert, aber die Speicherung konsequent vergisst», findet FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, ein Kritiker der bundesrätlichen Energiestrategie. Die Korrektur beziehungsweise Anpassung sei deshalb dringend nötig.

Eric Nussbaumer von der SP hingegen, Befürworter der Energiestrategie, gibt zu bedenken, dass das Speichern von Energie nicht nur zusätzliche Kosten bedeuten müsse. Im Gegenteil, mit der Speicherung könnten Stromunternehmen auch Geld verdienen.

Allerdings findet auch Eric Nussbaumer: «Transparenz ist sehr wichtig. Und die Energiewende kann nur gelingen, wenn man alles auf den Tisch legt.»