Enkeltrick-Betrüger machen Kasse wie nie zuvor

Die Zahl der Enkeltrick-Versuche hat einen neuen Höchststand erreicht: 2013 wurden mehr als doppelt so viele Fälle registriert als noch ein Jahr zuvor. Und die Versuche trugen Früchte: Insgesamt ergaunerten die Betrüger knapp vier Millionen Franken – fast eine Million mehr als letztes Jahr.

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Enkeltrick-Betrugswelle trifft die Schweiz

5:05 min, aus 10vor10 vom 17.12.2013

74 Personen liessen sich im laufenden Jahr bereits von Enkeltrick-Betrügern übertölpeln. In weiteren 763 Fällen waren die Betrüger erfolglos. Allerdings dürfte es tausende weitere Fälle geben, die der Polizei nicht gemeldet wurden.

Im Schnitt fast 53'000 Franken pro Fall

Die neusten Zahlen der Bundeskriminalpolizei, die «10vor10» vorliegen, zeigen einen rasanten Anstieg der gemeldeten Fälle. Waren es im letzten Jahr schweizweit noch total 369, sind es im laufenden Jahr bereits 837. Am stärksten betroffen ist mit 236 Fällen der Kanton Zürich – alleine hier verloren 18 Personen grosse Geldbeträge. Im Kanton Bern wiederum fielen bei 211 Versuchs-Fällen 4 Personen auf die Masche rein. In den Kantonen Basel Stadt und Basel Land gingen den Betrügern in den total 75 gemeldeten Fällen 11 Personen auf den Leim.

Im Durchschnitt übergaben die Opfer den Laufboten der Betrüger 52‘782 Franken. Die Schadensumme beläuft sich fürs laufende Jahr bereits auf 3‘905‘873 Franken – im Jahr 2012 waren es «bloss» 3‘033‘000 Franken.

Silhouette einer älteren Frau, die den Telefonhörer abhebt

Bildlegende: Die Opfer finden die Betrüger im Telefonbuch: Angerufen werden oft Menschen mit älter klingenden Vornamen. Colourbox

Immer dieselbe Masche

Die Masche der Betrüger ist in Etwa immer dieselbe: Die perfekt deutsch sprechenden Betrüger suchen im Telefonbuch nach älteren Vornamen und rufen an einem Tag hunderte Nummern an. Am Telefon geben sie sich als Verwandte oder alte Bekannte aus und versuchen, Namen und Lebensumstände des Gesprächspartners herauszufinden. Etwa mit Fragen wie «Rate mal, wer am Telefon ist» oder «Kennst du mich noch?» In fast allen Fällen sitzen die Anrufer im Ausland – laut der Bundeskriminalpolizei hauptsächlich in Polen. In der Schweiz vor Ort sind ihre Komplizen, die als Geldkuriere agieren.

Der Anrufer macht weis, dass er dringend Geld brauche. Nach anfänglich herzlichem Gespräch wechselt der Umgangston rasch in Bedrohungen – das Opfer wird im Minutentakt mit neuen Anrufen unter Druck gesetzt. Ist ein Opfer bereit zu zahlen, tischt der Täter eine Geschichte auf, weshalb er nicht selber zum Treffpunkt kommen kann. Er schickt statt dessen seinen «Anwalt» oder einen «Freund».

Sobald der Geldkurier Bargeld oder auch Schmuck abgeholt hat, lassen die Betrüger nie mehr etwas von sich hören. Da sie meist anonyme Prepaid-Handys verwenden und aus dem Ausland agieren, ist es für die Polizei schwierig, ihnen auf die Schliche zu kommen.

Dahinter steckt ein polnischer Roma-Clan

Den Ermittlern in Deutschland, Österreich und der Schweiz allerdings ist mittlerweile klar: Hinter den allermeisten Enkeltrick-Anrufen im deutschsprachigen Raum steckt ein und die selbe Tätergruppe. Eine weit verzweigte, polnisch-deutsche Roma-Familie, die früher wertlose Teppiche als teure Orientteppiche zu verkaufen versuchte und deshalb im Visier der Ermittler stand. Im Jahr 1999 erfand sie wahrscheinlich die Enkeltrick-Masche in Polen, die sie bis heute erfolgreich perfektioniert.

Die mehreren hundert Mitglieder der Sippe sind laut Polizei professionell organisiert: Sie betreiben regelrechte Callcenter und verdienen derart gut mit dem Trick, dass sie sich einen ausschweifenden Lebensstil mit teuren Sportwagen und ausschweifenden Familienfeiern leisten können.