Entlasten neue Forschungen die Schweiz im Zweiten Weltkrieg?

Die Bergier-Kommission sprach bislang von 24‘500 jüdischen Flüchtlingen, die während des Zweiten Weltkrieges an der Grenze zur Schweiz abgewiesen worden seien. Laut «Der Sonntag» sollen es 3000 gewesen sein. Diese Schätzung ist in Historikerkreisen jedoch umstritten.

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Französischer Historiker fordert Korrektur zugunsten der Schweiz

2:25 min, aus Tagesschau vom 10.2.2013

3000 und nicht 24'500 jüdische Flüchtlinge sollen im Zweiten Weltkrieg an der Grenze zur Schweiz abgewiesen worden sein. Zu diesen Ergebnissen kommt der Nazi-Jäger Serge Klarsfeld. In den nächsten Wochen wollen der jüdische Forscher und die Genfer Historikerin Ruth Fivaz-Silbermann die neuen Forschungsergebnisse in Genf präsentieren. Dies schreibt die Zeitung «Der Sonntag».

Seine Zahl leitet Klarsfeld aus neuen Erkenntnissen vor allem aus Italien, aber auch aus Deutschland ab. Die meisten jüdischen Flüchtlinge hätten via Frankreich in die Schweiz einzureisen versucht. «Maximal 1500 Juden wurden nach Frankreich zurückgewiesen», sagt Klarsfeld. An der Tessiner Grenze beispielsweise seien 300 Juden abgewiesen worden.

Dies habe er in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum für jüdische Zeitgeschichte in Mailand eruiert. Serge Klarsfeld übt scharfe Kritik an der Bergier-Kommission, die von 24‘500 abgewiesenen Flüchtlingen schreibt. «Sie untersuchte diese Frage nicht einmal, sondern übernahm einfach die bestehenden Zahlen aus dem Bundesarchiv», sagt er. Er verlangt nun eine neue Kommission.

Eine andere Ausgangslage

Historiker Gregor Spuhler, der damals für die Bergier-Kommission den Bereich Flüchtlinge geleitet hat, erstaunen Klarsfeld Zahlen. Er stellt jedoch klar, dass der Nazi-Jäger nur von jüdischen Flüchtlingen spricht und die Kommission auch von zivilen Flüchtlingen ausgehe. Das heisst, darunter sind laut Spuhler auch politisch Verfolgte. Spuhler schätzt die Zahl der abgewiesenen Juden auf etwa 4000 bis 10'000.

«Es ist problematisch, methodisch Rückschlüsse über die genaue Anzahl Flüchtlinge zu ziehen», sagt auch Historiker Jacques Picard. Eine genaue Schätzung sei nur sehr schwierig zu eruieren.

Die Statistik spricht von 24'500 zurückgewiesenen Flüchtlingen. Man wisse aber nicht: «Handelt es sich um Einzelpersonen oder Familien? Haben die Flüchtlinge zweimal versucht, über die Grenze zu kommen?» Die Fälle seien zudem anonymisiert.

Geschichte korrigieren?

Muss vielleicht ein Teil der Geschichte korrigiert werden? Jacques Picard: «Nein, nicht in den Grundzügen.» Was hier offen sei, sei die nicht-nachweisbare Anzahl abgewiesener Flüchtlinge. Dem gegenüber stünden aber rund 60'000 nachweisbare aufgenommene zivile Flüchtlinge. Sie reisten in die Schweiz ein und überlebten.