Erdrutsch: Hausbesitzern bleibt das Hoffen

Starkregen hat in jüngster Zeit wieder vermehrt für fatale Hangrutsche gesorgt. Wie sicher ist mein Grundstück, mag sich so manch ein Hausbesitzer fragen. Geologische Abklärungen in Eigenregie sind teuer. Und die Unberechenbarkeit des Wetters verdünnt Fachurteile zu blossen Prognosen.

Ein Bauernhaus in Schüpfen im Kanton Luzern ist von einem Murgang zusammen gedrückt worden.

Bildlegende: Die Minimierung dieses Risikos kostet Geld. Für einen privaten Hausbesitzer kaum erschwinglich. Keystone / archiv

Spätestens seit dem Unglück von Davesco-Soragno sind Schweizer Hausbesitzer wieder dünnhäutiger geworden. Der Hangrutsch vom Wochenende im Tessin hat zwei Frauen das Leben gekostet. Vorhersehbar ist die Tragödie laut Experten nicht gewesen.

«  Für Laien ist eine zuverlässige Beurteilung einer Parzelle kaum machbar. »

Swisstopo
Geologische Fachstelle des Bundes

Die Natur-Gefahrenkarte des Kantons hat entsprechend kein akutes Risiko verzeichnet. Überhaupt: die Gefahrenkarten haben Lücken, sie werden nach und nach erstellt. Hinzu kommt, dass sich die Stabilität einer Hanglage quasi von Meter zu Meter verändern kann. Ist für Hausbesitzer darum Beten und Hoffen angezeigt? Nicht ganz, aber weitgehend.

Wie können 1000 Tonnen Erde ins Rutschen kommen?

Zunächst muss man wissen, wie Dutzende Kubikmeter fester Untergrund plötzlich in Fluss geraten können, als wären sie so etwas wie Vanillecrème. Auskunft erteilt hier das Bundesamt für Landestopografie Swisstopo.

Für Rutschungen und Hangmuren müssen nämlich gewisse Grundvoraussetzungen gegeben sein, welche die Stabilität eines Hanges beeinträchtigen, schreibt Swisstopo auf Anfrage von SRF News Online. Und es braucht einen oder mehrere auslösende Mechanismen, wie Starkniederschlag und/oder Schneeschmelze.

Entscheidende Faktoren sind:

  • Das Material des Hangs und der Zusammenhalt des Gesteins
  • Eine Hangneigung zwischen 10 und 40 Grad
  • Hangwasserverhältnisse des Geländes
  • Die Vegetation des Geländes. Wurzeln bieten zusätzlichen Zusammenhalt
  • Menschliche Eingriffe wie Waldrodung, Veränderung der Abflüsse, Bewässerung oder Bau von neuer Infrastruktur

Nur was für Profis

Für Laien ist eine zuverlässige Beurteilung einer Parzelle oder eines Einfamilienhauses kaum machbar. «Eine solche Beurteilung erfordert nebst geologischem Fachwissen auch Erfahrung sowie Kenntnisse des lokalen Untergrundes sowie der Hangwasserverhältnisse», schreibt Swisstopo. Natürlich kann ein ausgebildeter, erfahrener Geologe eine individuelle Beurteilung vornehmen, aber die hat ihren Preis.

Dem Hang mit Hightech zu Leibe rücken

Die Kosten für eine solche professionelle Analyse einer Bauparzelle richtet sich nach dem gewählten Untersuchungsprogramm.

Entscheidend sind hier die Kundenwünsche und die Situation vor Ort. Was möchte der Auftraggeber wissen und wie sind die geologischen und topographischen Verhältnisse auf seinem Grundstück?

Die Abklärungen reichen dann von einer Beurteilung im Gelände bis hin zu Sondierungen und Installationen von Messgeräten zur Langzeitüberwachung. Notabene je nach Gelände und Bedürfnis ergibt das eine Preisspanne zwischen ein paar Hundert und ein paar hunderttausend Franken. Und dafür gibt es nicht mal absolute Sicherheit.

Absolute Sicherheit ist eine Illusion – eine teure obendrein

Denn ein Spielverderber mischt immer mit: das Wetter. Extreme Wetterverhältnisse wie derzeit im Tessin sind fast so schwer vorhersehbar wie die Lottozahlen. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob und wann an einem Tag so viel Regen fällt, wie sonst den ganzen Monat?

Zudem kann es immer zu einer Verkettung von Faktoren kommen, die wiederum sehr schwer vorherzusehen sind. In Davesco-Soragno beispielsweise ist es eine Mauer oberhalb des abgerutschten Geländes gewesen. Erst nachdem diese Mauer eingestürzt war, kam der darunter liegende Hang mit dem Wohnhaus in Bewegung.

Will man alle möglichen und noch so unwahrscheinlichen Szenarien berücksichtigen, kann das im Einzelfall zu unverhältnismässigen Massnahmen führen. Unverhältnismässig aufwändig und unverhältnismässig teuer.

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Murgang.

Die Gefahrenkarten der Kantone zeigen, wo eine Katastrophe eintreten könnte. Noch ist das Werk nicht fertiggestellt. Mehr...

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Gefahrenkarten im Kampf gegen Naturgefahren

    Aus Tagesschau vom 16.11.2014

    Ein Mittel gegen die Angst vor Naturgefahren sind sogenannte Gefahrenkarten. Alle Kantone müssen gefährdete Zonen ausfindig machen und auf einer solchen Karte verzeichnen. Nach dem Erdrutsch-Unglück im Tessin stellt sich die Frage nach der Verlässlichkeit dieser Karten.