Zum Inhalt springen
Inhalt

Mindestlohn in Neuenburg Erhält der Traum der Gewerkschaften frischen Auftrieb?

Künftig verdient jeder Arbeitnehmer im Kanton Neuenburg mindestens 20 Franken pro Stunde. Kommt jetzt das nationale Revival des Mindestlohns?

Legende: Video Neuer Impuls für eine alte Idee? abspielen. Laufzeit 03:34 Minuten.
Aus 10vor10 vom 04.08.2017.

Nun ist es Tatsache: Das Bundesgericht hält die gesetzliche Festlegung eines Mindestlohns von 20 Franken im Kanton Neuenburg für zulässig. Die Lausanner Richter haben die Beschwerden gegen die 2011 angenommene Gesetzesänderung abgewiesen.

Der Neuenburger Taxichauffeur Matheus Lolala freut sich über das Urteil: «Das ist ideal für alle. Darauf haben wir lange gewartet. Ich hoffe, dass das jetzt wirklich gilt.» Für ihn sei der Mindestlohn ein gesegnetes Brot.

Der Traum der Gewerkschafter vom Mindestlohn

Demonstranten mit Banner vor dem Bundesplatz.
Legende: 2014 war die Initiative für einen nationalen Mindestlohn grandios gescheitert. Keystone/Archiv

Nicht nur Taxichauffeur Lolala freut sich über den Mindestlohn. Im Kanton Neuenburg ist heute das Realität geworden, wovon Gewerkschafter in der ganzen Schweiz seit Langem träumen. «Wir hoffen, dass der Entscheid in allen anderen Kantonen erneut einen Impuls gibt, denn in allen Kantonen gibt es Arme», sagt Marianne Ebel von der Bewegung SolidaritéS, welche den Vorstoss einst initiiert hatte.

Doch hat ein Mindestlohn auf nationaler Ebene überhaupt Chancen? Erst 2014 schmetterte das Schweizer Stimmvolk die Initiative für einen nationalen Mindestlohn von 4000 Franken haushoch ab.

Weiterhin geringe Chancen auf nationaler Ebene

Politologe Claude Longchamp sieht deshalb wenig Chancen für ein nationales Revival des Mindestlohnes. Neuenburg sei ein Spezialfall: «Es ist ein Gebiet mit schwacher Wirtschaft, drohender Armut und einem politischen Konsens, der sich darüber einig ist, dass es protektionistische Massnahmen braucht.»

Claude Longchamp.
Legende: Politologe Claude Longchamp glaubt nicht an ein nationales Revival des Mindestlohns. SRF

Das Thema Mindestlohn ist denn auch lediglich noch in zwei Kantonen auf dem Tisch: Im Jura und im Tessin wurden per Abstimmung ebenfalls Mindestlöhne beschlossen, die Umsetzung ist allerdings noch hängig.

Wo es dank GAV Mindestlöhne gibt und wo nicht

Dazu kommt: Obwohl es in der Schweiz keinen national verbindlichen Mindestlohn gibt, gelten dennoch für viele Beschäftigte de facto Mindestlöhne – nämlich dann, wenn sie in Gesamtarbeitsverträgen (GAV) zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelt wurden.

Von den rund fünf Millionen Beschäftigten in der Schweiz gilt für rund 1,7 Millionen ein Mindestlohn dank eines GAV. National verbindliche Mindestlöhne gelten unter anderem im Gastgewerbe, in der Bäckerei-Branche, bei der Temporärarbeit und auch bei privaten Sicherheitsdiensten. Keine allgemein verbindlichen Mindestlöhne gibt es beispielsweise im Detailhandel, im Callcenter-Bereich sowie in den Pflegeberufen.

Matheus Lolala.
Legende: Taxifahrer Matheus Lolala kann dem Mindestlohn nur Positives abgewinnen. SRF

Wenn der Mindestlohn zum Bumerang wird

Taxi-Chauffeur Lolala freut sich in Neuenburg jedenfalls auf die 20 Franken Mindestlohn. Momentan verdient er 10 Franken pro Stunde plus 20 Prozent des Umsatzes.

Skeptischer sieht es sein Chef Patrick Favre: «Das Bundesgericht möchte ‹working poors› reduzieren, bewirkt aber womöglich genau das Gegenteil. Wenn wir diesen Mindestlohn für jede Stunde zahlen müssen, werden wir gewisse Fahrer in die Selbständigkeit entlassen müssen. Und dann haben sie gar keinen Lohn auf sicher.»

Realität oder Angstmacherei? Seit heute jedenfalls gilt der Mindestlohn im Sonderfall Neuenburg.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
    Es geht nicht um eine allgemeine Lohnerhöhung sondern um einen Mindestlohn. Das dürfte sich kaum auf die Schweizer Wirtschaft auswirken. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Wirtschaftslobby, die fdp und andere wirtschaftsfreundliche Parteien wie die svp in diese Richtung äussern werden. "Grosse Gefahr für CH KMU und Wirtschaftsstandort" oder dergleichen. Darin sind sie schnell. Und das Volk im Zustimmen ebenso: Lieber die Führungsebenen verdienen noch einmal mehr als ein Mindestlohn für alle.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Fürer (Hans F.)
    Lohnerhöhungen sind ja für die Betreffenden schön, nur verursachen sie meistens höhere Preise, und weil die Schweiz in Europa ohnehin schon eine Hochpreisinsel ist, könnte sich der momentane Erfolge schnell in einen Bumerang verwandeln und viele feste Stellen kosten. Taxifahrten sind in der Schweiz jetzt schon beinahe unerschwinglich, vergleicht man die Preise zum Beispiel mit Deutschland.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Wenn ich richtig rechne kommt die Lösung in etwa auf einen Minimallohn von 3'500 CHF hinaus, d.h. bei 100% Beschäftigung. Man könnte auch erahnen dass die eidgenössische Abstimmung bei so einem Niveau vielleicht die Hürde genommen hätte.... Allenfalls wird dieser Minimallohn als Stundenlohn definiert primär in Berufen zum Zug kommen, wo Teilzeit ohnehin die Regel ist. Gut dass es ein Kanton ist der hier vorangeht. Die Erfahrung kann man nachher nutzen, vielleicht gibt es dann doch eine CH-Lösung
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Edi Steinlin (stoni)
    Zwanzig Franken sollte für jede Branche möglich sein.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen