«Erholungszeiten sollten geschützt werden»

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund macht sich Sorgen. Die Stressbelastung am Arbeitsplatz sei bedenklich gestiegen, sagt SGB-Präsident Paul Rechsteiner. Doch was lässt sich dagegen tun? Thomas Mattig, Direktor der Gesundheitsförderung Schweiz, hält ein paar simple Rezepte bereit.

Jemand arbeitet an einem Laptop auf einem Bett, ein handy liegt daneben.

Bildlegende: Viele gönnen sich am Wochenende nicht den nötigen Abstand zum Büroalltag. Keystone

SRF: Wieso sind so viele Arbeitnehmer in der Schweiz gestresst?

Thomas Mattig: Einerseits stehen die Unternehmen unter hohem Leistungsdruck, und diesen Druck müssen sie auch an die Mitarbeitenden weitergeben. Auf der anderen Seite haben die Betriebe viele Möglichkeiten, wie sie den Stress im Betrieb reduzieren können. Denn der Leistungsdruck ist ja nur ein Faktor. Es gibt viele weitere Stressfaktoren.

Wann wird der Stress für die Beschäftigten zu viel?

Der Stress wird zu viel, wenn die Mitarbeitenden sich nicht mehr erholen können. Es kann immer sein, dass man dazwischen einmal eine Spitze hat. Das kann man als Mitarbeitender gut absorbieren. Aber wenn das Niveau immer sehr hoch bleibt, fehlen die Erholungszeiten. Dann wird es kritisch.

Was können Unternehmen tun, damit dieses kritische Niveau nicht erreicht wird?

Zuerst einmal müssen sie das Thema Stress ernst nehmen. Wir konnten nachweisen, dass ein Viertel der Arbeitnehmer in der Schweiz erschöpft sind. Die Unternehmen kostet das ein Vermögen. Wir gehen von 5,6 Milliarden Franken aus. Es ist also höchste Zeit, das Problem ernsthaft anzugehen.

Das Thema Stress ernst nehmen – was heisst das im Alltag?

Das bedeutet, dass die Betriebe zuerst einmal die Situation analysieren, dass sie feststellen, wo sie Probleme mit dem Stress haben, und was die Ursachen dafür sind. Je nach Firma sind andere Massnahmen angezeigt. Das fängt damit an, dass die Mitarbeitenden die nötigen Ressourcen bekommen, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Wichtig ist auch das Verhältnis untereinander. Wie geht man miteinander um? Und die Führungskultur ist schliesslich der wichtigste Faktor. Bekommen die Mitarbeitenden auch die Wertschätzung, die sie verdienen?

Ist es nicht schwierig, diese Punkte in einem Unternehmen zu ändern?

Es gibt Massnahmen, die man sehr rasch umsetzen kann. Wenn man zum Beispiel unter ständigen Arbeitsunterbrechungen leidet, kann man die Regel einführen, dass die Mitarbeitenden zu gewissen Stunden nicht gestört werden dürfen. Wenn es aber um die Änderung der Betriebskultur geht, kann man die Situation nur schrittweise und in einem langfristigen Prozess verbessern.

Was halten Sie von der Erreichbarkeit am Wochenende?

Die Erholungszeiten sind sehr wichtig, damit man in den Ferien und auch am Wochenende tatsächlich Abstand gewinnt vom Alltag. Deshalb sollten diese Zeiten wirklich geschützt werden. Es gibt Unternehmen, die bereits die Regel eingeführt haben, dass während der Freizeit keine E-Mails verschickt werden dürfen.

Laut SGB sind viele Arbeitnehmer gestresst, weil sie Angst haben, den Job zu verlieren. Was kann ein Unternehmen dagegen tun?

Die Unternehmen haben verschiedene Möglichkeiten, wie sie auf schwierige wirtschaftliche Situationen reagieren können. Auch hier gibt es unterschiedliche Kulturen. Die Mitarbeitenden merken sehr rasch, in welcher Kultur sie leben. Wenn das Unternehmen versucht, seine Mitarbeitenden auch in schwierigen Zeiten zu halten, dann werden diese Mitarbeitenden auch eine höhere Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber bewahren.

Das Gespräch führte Simon Leu.

Thomas Mattig

Porträt Thomas Mattig

Keystone

Thomas Mattig ist Direktor der Gesundheitsförderung Schweiz und Lehrbeauftragter an der Medizinischen Fakultät der Uni Genf. Er hat unter anderem einen Masterstudiengang in Public Health absolviert.

Job-Stress-Index 2014

Weit über eine Million der 4,9 Millionen Angestellten in der Schweiz sind im Job übermässig gestresst. Zwei Millionen sind mehr oder weniger erschöpft. Dies geht aus dem Job-Stress-Index hervor, den die Universität Bern und die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz erstellt haben.