«Es ist ein täglicher Kampf, sichere Lebensmittel zu produzieren»

Am heutigen Weltgesundheitstag wird das Thema Lebensmittelsicherheit über die Grenzen hinweg beleuchtet. Weltumspannend sind auch Handel und Produktion mit Nahrungsmitteln – und damit die Gesundheitsrisiken. Wie kann verhindert werden, dass diese mit in die Schweiz gelangen? Ein Experte klärt auf.

Ein Arbeiter auf einem Maisfeld in Peru, aufgenommen im Dezember 2014

Bildlegende: Gretchenfrage beim Lebensmittelhandel: Wie lassen sich internationale Produktion und nationale Standards vereinbaren? Reuters

SRF News: Besteht in der Schweiz Handlungsbedarf beim Thema Lebensmittelsicherheit?

Roger Stephan: Die Lebensmittelsicherheit ist eine selbstverständliche Erwartung der Konsumentinnen und Konsumenten, auch in der Schweiz. Wir können sicherlich davon ausgehen, dass die grundsätzliche Situation hierzulande sehr gut ist. Es ist auf der anderen Seite aber auch in der Schweiz ein alltäglicher Kampf, sichere Lebensmittel produzieren zu können.

Lebensmittelsicherheit ist nicht nur für Entwicklungsländer eine Herausforderung. Im Jahr 2011 beispielsweise erkrankten und starben in Deutschland zahlreiche Menschen an verunreinigten Sprossen. Die Samen waren aus Ägypten importiert. Geht die Gefahr davon aus, dass Lebensmittel zunehmend international produziert werden?

Das ist eindeutig so. Die internationale Produktion, aber auch der Handel nehmen zu. Die Welt der Lebensmittel ist heute wirklich globalisiert. Mit diesem Handel werden natürlich auch gewisse Risiken in die Schweiz aus anderen Ländern importiert.

«  Der Staat macht nur die ‹Kontrolle der Kontrolle›. Sichere Produkte müssen an Ort und Stelle produziert werden. »

Wenn die Nahrungsmittel in Ländern produziert werden, die eine ganz andere Lebensmittelsicherheit kennen als wir in der Schweiz: Wie funktioniert denn die Kontrolle von Lebensmitteln in einer globalisierten Welt?


«Sichere Produkte müssen vor Ort hergestellt werden»

4:42 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.04.2015

Grundsätzlich funktioniert die Lebensmittelkontrolle in der Schweiz wie auch in der Europäischen Union im Sinne der Selbstverantwortung der produzierenden Betriebe. Der Staat, also die amtliche Kontrolle, macht heute nur noch die «Kontrolle der Kontrolle». Das gilt auch für importierte Lebensmittel. Grundsätzlich obliegt die Sicherheit den produzierenden Betrieben irgendwo auf der Welt. Die amtliche Kontrolle beim Import kontrolliert dann vor allem im Rahmen von Stichprobenuntersuchungen.

Vor allem das Freihandelsabkommen mit China sorgt in diesem Zusammenhang für Unbehagen. Lebensmittelsskandale sind dort an der Tagesordnung; wie stellt die Schweiz sicher, dass keine verunreinigten Lebensmittel aus China in unsere Läden gelangen?

Auch hier muss man eine europäische Perspektive einnehmen. Man versucht die Standards, die in der EU und der Schweiz gut implementiert sind, mittel- und langfristig auch in diesen Ländern zur Geltung zu bringen. Das bedeutet, das Problem an der Wurzel zu fassen und zu versuchen, an Ort und Stelle sichere Produkte herzustellenund eben nicht durch Kontrollen beim Import Sicherheit in Produkte «hineinzuprüfen».

Gibt es aber trotzdem Lebensmittel aus gewissen Ländern, die schärfer überprüft werden?

Das ist eindeutig so. Die Kontrolle, auch die amtliche, basiert auf risikobasierten Ansätzen. Wenn Länder wie China immer wieder durch Lebensmittelskandale von sich reden machen, werden deren Produkte deutlich schärfer und häufiger kontrolliert als aus Gebieten, in denen die Lebensmittelsicherheit besser standardisiert und implementiert ist.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

WHO: «Ein lokales Problem kann zum internationalen Notfall werden»

WHO: «Ein lokales Problem kann zum internationalen Notfall werden»
Zwei Millionen Menschen sterben jährlich weltweit an den Folgen lebensmittelbedingter Krankheiten. Der globale Handel mache es noch notwendiger, international zusammenzuarbeiten, um Lebensmittel sicherer zu machen, warnt WHO-Direktorin Margaret Chan. «Die Veränderungen bringen viele neue Möglichkeiten für Essen mit sich, mit schädlichen Bakterien, Viren, Parasiten oder Chemikalien verunreinigt zu werden.» Ein lokales Problem könne schnell zu einem internationalen Notfall werden. «Die Untersuchung des Ausbruchs (...) ist viel komplizierter, wenn ein einzelner Teller oder ein Paket mit Essen Zutaten aus verschiedenen Ländern enthält.» Unsicheres Essen oder Wasser könne verantwortlich für mehr als 200 Krankheiten sein – von Durchfall bis Krebs.

Zur Person

Roger Stephan (geb. 1964) ist Direktor des Instituts für Lebensmittelsicherheit (ILS) an der Universität Zürich. Er studierte Veterinärmedizin an den Universitäten von Freiburg und Zürich. In seiner Forschungstätigkeit befasste er sich u.a. mit den in tierischen Lebensmitteln vorkommenden Krankheitserregern.