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Zum Tod von «Turi» Honegger «Es waren nicht die Schläge, die am meisten schmerzten»

Arthur Honegger war Chronist eines dunklen Kapitels Schweizer Geschichte. Seine Kindheit als Verdingbub schrieb er nieder, doch sie verfolgte ihn ein Leben lang. Ein Nachruf.

Legende: Audio Schriftsteller Arthur «Turi» Honegger ist tot abspielen.
4:47 min, aus Echo der Zeit vom 17.08.2017.

Einfach der «Turi». Dabei wollte er in den letzten Jahren eigentlich gar nicht mehr Turi genannt werden, sondern Arthur. Jeder «Lappi» rufe ihn Turi. Und von diesen gebe es mittlerweile zu viele: «Ich bin keine nationale Berühmtheit, ‹das isch Chabis›». Stimmt nicht. Arthur hat mitunter selber mit Turi kokettiert: «Ich bin der Turi und fertig!», sagte er vor Jahren im Gespräch mit Radio SRF.

Man hat ihn gekannt, hat ihn kennengelernt. Den Mann mit dem markanten Schädel, mal laut und kämpferisch dann wieder empfindlich, gekränkt. Aber immer auf der Seite der Schwachen und Ausgebeuteten: «Wenn man selber mal ein armer Hund war, versteht man das eher. Es gibt viele Arme, die zerbrechen. Mich hat das auf eine Art gestärkt.»

Jeder kann mit dir machen, was er will.

Arthur Honegger. Er lebte vom 27. September 1924 bis zum 15. August 2017. Dazwischen war er Heimkind, Pflegkind, Verdingbub, Anstaltszögling, Knecht, Fabrikarbeiter, Kellner, Bauarbeiter, SP-Parteisekretär im Thurgau, Kantonsrat in Sankt Gallen, Blick-Journalist, Kolumnist, Kriegsreporter in Israel, Autor von zwei Dutzend Büchern, verheiratet, Vater von drei Kindern.

Honegger hat seine Geschichte in den 1970er-Jahren aufgeschrieben: «Die Fertigmacher» wurde zum Beststeller. War es literarische Vergangenheitsbewältigung? «Als ich das Buch fertig hatte, hiess es: ‹Jetzt hat er es draussen, jetzt geht’s ihm wieder gut.› Aber das geht nicht. Man wird seine Vergangenheit nicht los.»

Honegger hat die bissig-bösen Lieder von Georg Kreisler geliebt. Dieser Kreisler, der einst auch jene Frage gestellt hat, die Honegger praktisch zeitlebens umgetrieben hat: «Wofür bist du gekommen? Bist du geboren worden?» Man sei ohne Wurzeln in der Welt, blickte Honegger zur Jahrtausendwende zurück: «Man ist für alle der Spielball. Jeder kann mit dir machen, was er will. Als Kind wirst du beschuldigt, und niemand wehrt sich für dich. Niemand sagt: ‹Das ist unser Bub, der macht so etwas nicht.›»

Honegger wurde nach der Geburt in St. Gallen seiner minderjährigen Mutter weggenommen. Sein Wunsch, sie später kennenzulernen, haben ihm die Pflegeeltern ausgetrieben: «Beim Morgengebet musste ich von meiner Pflegemutter hören, dass meine Mutter eine Hure war. Ich war klein und wusste nicht einmal, was das ist. Das tat weh, ich konnte mich nicht zurechtfinden.»

Ich will kein Geld sehen. Das löscht mir ab.

Es waren nicht die Prügel, die Schläge, die Beschimpfungen «du fuele Siech», «du Zuchthüsler», die am meisten geschmerzt hätten, sagt Honegger später: «Das Schlimmste an der ganzen Geschichte war, dass man anderthalb Jahre praktisch nicht mit mir gesprochen hat.» Das war am Ende seiner Schulzeit bei einem Bauern. Einen jungen Menschen gleichsam totschweigen.

Bis ins hohe Alter wurde Honegger von Albträumen verfolgt: Da sei diese Angst, dass jemand draussen stehe und ihm ans Leben wolle. Honegger, der Schriftsteller, der von sich sagte, er sei gar kein Schriftsteller. Honegger, der mit seiner aufwühlenden Geschichte in das dunkle Kapitel der Schweizer Verdingkinder bereits vor über 40 Jahren geleuchtet hat, dieser Honegger sagte vor drei Jahren zur Forderung einer finanziellen Entschädigung der Opfer von damals: Er wolle kein Geld sehen. Das lösche ihm ab. Das Thema müsse von der Sache her, von den Erlebnissen her, vom Schmerz und der Angst her aufgearbeitet werden.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Ich finde das Kapitel der Verdingkinder so unendlich, erwürgend traurig und beschämend, dass ich mich damit nicht auseinandersetzen kann. Im Ausland aufgewachsen, dachte ich, ein reiches Land sollte doch für Kinder ein Paradies sein. Einen solchen Umgang mit den eigenen Kindern habe ich von keinem einzigen anderen Land jemals gehört. Ich bin mir überzeugt, dass das nicht am Armut lag - Auswüchse von Gefühlskälte sind bis heute da. Ich wünsche allen Betroffenen Seelenruhe hier oder jenseits!
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      'Eigene" Kinder wurden viel besser gehalten als die Leihsklaven des Staates. Besonders Grossgrundbesitzer liessen sie wenig arbeiten und viel reiten (nicht nur den subventionierten "Eidgenoss" im Stall). Der sexuelle Missbrauch der Verdingschwester war noch nicht selektiv straffrei, sondern theoretisch noch ein Verbrechen. Aber Strafverfhren gabs nur, wenn ein Verdingkind tot geschlagen wurde, und der Arzt einen falschen Totenschein verweigerte. Die "Strafen" lagen im tiefen einstelligen Bereich
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Ruhe in Frieden, Arthur.... Danke SRF, dass das Thema nicht ganz in Vergessenheit geraet. Zu wenigen Verdingkind- und Heimsklaven ist es wie Honegger und dem Bealmosungsinitianten Fluri gelungen, sich und ihren Kindern eine ertraegliche wirtschaftliche und finanzielle Basis zu erkrampfen oder wie Fluri durch Speckulation gar vermoegend zu werden. Fuer die lebenslang in Armut gedrueckten, deren Kinder unter einem nicht nur seelisch gekeulten, sondern fuer die Finanzierung eines Studiums auc
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  • Kommentar von Diana Kläntschi (WasWäreWenn)
    Ein Krieger des Lichts der 92 Jahre gekämpft hat und jetzt hoffentlich den inneren Frieden gefunden hat
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