Zum Inhalt springen

Schweiz Exit wehrt sich gegen Vorwürfe

Für schwerkranke Sterbewillige ist die Hilfe durch Organisationen wie Exit eine Erlösung. Doch für die, die zurückbleiben, beginnt die Last oft erst mit dem Freitod des nahen Angehörigen. Der Vorwurf: Exit kümmere sich zu wenig um diese Menschen. Die Organisation wehrt sich.

Exit-Logo an einer Wand, davor die Silhouetten von zwei Personen.
Legende: Exit wehrt sich gegen Vorwürfe, die Angehörigen von Sterbewilligen zu wenig gut zu betreuen. Keystone

Söhne und Töchter von schwerkranken Menschen, die mit einer Sterbehilfe-Organisation aus dem Leben geschieden sind, können oftmals nur schwer mit dem Ereignis umgehen. Manche werden krank, entwickeln eine Depression oder eine posttraumatische Belastungsstörung. Dies zeigt eine Studie , Link öffnet in einem neuen Fensterder klinischen Psychologin und Professorin Dr. Birgit Wagner aus dem Jahr 2012.

Auch die Gebrüder Aebi haben das so erlebt. Im «Echo der Zeit» vom Dienstag haben bei erzählt, wie sie unter dem begleiteten Freitod ihrer Eltern gelitten haben und sich auch von der Organisation Exit wenig aufgehoben fühlten. Nun nimmt Exit-Vertreterin Heidi Vogt Stellung zu den Vorwürfen. Sie ist Leiterin Freitodbegleitung bei der Sterbehilfeorganisation.

SRF News: Wie kommt es, dass Exit zuweilen offenbar wenig sensibel mit Angehörigen von Sterbewilligen umgeht?

Heidi Vogt: Zunächst: Es ist eine besonders schwierige Situation für die Angehörigen, wenn beide Elternteile gleichzeitig sterben. Zudem ist es so, dass ich, zusammen mit einer Seelsorgerin, nach dem Freitod der Eltern noch ein Gespräch mit dem Sohn hatte. Er hatte sich an Exit gewandt und Kritik an den beiden Personen geübt, welche die Freitodbegleitung durchführten. Wahrscheinlich war es schon so, dass die beiden Personen einen Moment lang zu wenig aufmerksam waren und über etwas gesprochen haben, das eigentlich nicht dorthin gehörte. Das sollte nicht passieren. Wir haben das dann auch zusammen und im Team besprochen.

Exit verzeichnet einen starken Zuwachs an Nachfrage. Finden Sie überhaupt genügend Leute, die diesen besonderen Einsatz leisten möchten?

Viele Personen melden sich bei uns, weil sie genau diesen Einsatz leisten möchten. Schwierig ist eher, die richtigen Personen zu finden. Dafür haben wir ein recht kompliziertes Auswahlprozedere, das ein externes Assessment umfasst. Ausbildnerinnen schulen die Personen systematisch und machen Rückmeldungen. Wichtig ist, sich genau mit der Motivation dieser Menschen auseinanderzusetzen und sehr genau hinzuschauen. Es handelt sich dabei meist um ältere Personen mit fundierter Lebens- und Berufserfahrungen. Viele kommen aus dem medizinischen Bereich und haben viele Erfahrungen mit dem Leben und dem Tod gemacht – und diese reflektiert. Bei manchen allerdings stellen wir durchaus fest, dass sie nicht alle notwendigen Voraussetzungen mitbringen.

Der begleitete Freitod kann für die Hinterbliebenen sehr belastend sein. Müssten die Angehörigen nicht besser begleitet oder zumindest informiert werden?

Wir haben die von Ihnen erwähnte Studie von Frau Prof. Wagner immer als nicht repräsentativ bezeichnet. Sie macht auch keine Vergleiche mit Situationen, in denen Angehörige auf natürliche Weise sterben. Zudem ergeben andere Studien auch andere Resultate. Und: Unsere Erfahrungen decken sich grösstenteils nicht mit jenen der Wagner-Studie. Wir erleben die beschriebene Form der Traumatisierung und Depression bei Angehörigen nur sehr selten. Sobald wir in Kontakt mit einer Person kommen, die nicht mehr leben möchte, ist eine unserer ersten Fragen jene nach den Angehörigen. Wir versuchen stets, die Angehörigen miteinzubeziehen, was uns mehrheitlich auch gelingt. Bestenfalls sind die Angehörigen schon bei der Vorbereitung einer Freitodbegleitung anwesend. Zudem bieten wir ihnen am Schluss an, später nochmals Kontakt aufzunehmen, was meist nach mehreren Wochen geschieht. Wir machen das nur dann nicht, wenn das jemand explizit nicht wünscht.

Das Gespräch führte Simone Fatzer.

Eltern sterben mit Exit

Eltern sterben mit Exit

Die Sterbehilfeorganisation ist ein Ausweg für Menschen, die todkrank sind oder keine Kraft mehr haben. 2015 begleitete Exit insgesamt 782 Menschen in den Tod, 199 mehr als 2014. Nicht immer aber kommen die Angehörigen mit dem Verlust zurecht, wie etwa das Brüderpaar Felix und Kaspar Aebi. Lesen Sie hier mehr.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Jeanôt Cohen (Jeanot)
    Endlich wird dieses Thema erwähnt. Leider kommen die volgen für Angehörige nicht vor in die Werbung zum Thema des selbst Tötung. Auch sollte über die Verantwortung vom dehnen die nicht mehr wollen Leben, gegenüber ihre engste Angehörigen, geredet werfen. Ist zwar nicht populär in unsere moderne "ich denke an mich" geschelschaft.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
      Sicher, Herr Cohen, aber genau diese "Ich denke an mich" Gesellschaft bringt dieses Phänomen erst hervor, dass schwerkranke Menschen diese harte Entscheidung treffen müssen. Weil sie nämlich alleingelassen werden, oft auch von den Angehörigen. Und mit dieser Situation werden wir uns wohl abfinden müssen, ein Wechsel ist nicht in Sicht, im Gegenteil.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Barbara Lampérth (Luk 12/3)
    Mit der Studie kann man wahrscheinlich - wie bei den meisten - auch das Gegenteil beweisen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Pia Müller (PiMu)
    Ich persönlich bin seit Jahren bei EXIT. In meinem Bekanntenkreis wurde Exit schon herbeigezogen und Exit hat den gewählten Tod des Vaters wunderbar und extrem feinfühlig durchgeführt. Die ganze Familie wurde durch Exit bestens vorbereitet und begleitet. Ich bin froh und dankbar, dass es EXIT gibt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen