Extremismus-Prävention: Der andere Kampf gegen den Terror

Wer den Terror bekämpfen will, muss ihn an der Wurzel packen: Dort, wo Jugendliche für den Dschihad gewonnen werden. Dieser Aufgabe nehmen sich Beratungsstellen in Schweizer Städten an. Sie fordern den Staat auf, die Lügen der islamistischen Propaganda zu demaskieren.

Ein Kämpfer der Al-Quds Brigaden in Palästina.

Bildlegende: Der Dschihad ist auch für entwurzelte und sinnsuchende Jugendliche in der Schweiz anziehend. Keystone

Dschihad-Reisende sind extrem gefährlich, meinen Nachrichtendienst und Bundespolizei und fordern gemeinsam ein Programm gegen Radikalisierung. Allerdings: So ein Programm sei natürlich Sache der Kantone. Folglich taucht im Massnahmenkatalog gegen Dschihadisten lediglich eine «Nutzen- und Machbarkeitsanalyse» als langfristiges Ziel auf.

Doch die Angehörigen werden in der Schweiz trotzdem nicht allein gelassen. Denn weiter unten, auf Gemeindeebene, bieten engagierte Leute schon heute Hilfe an: Experten aus Basel, Zürich, Bern mit Erfahrung im Kampf gegen politischen Extremismus oder Sekten. Sie wurden aktiv, weil besorgte Angehörige sie Hilfe baten.

Neue Beratungsstelle in Bern

So wie in der Stadt Bern, beim Amt für Kinder- und Erwachsenenschutz. Letzten Herbst habe man eine erste Anfrage besorgter Eltern gehabt, sagt Abteilungsleiterin Ester Meier. «Sie erzählten, ihr Sohn würde sich isolieren, sei immer im Internet, habe nun auch die Fahne des IS aufgehängt. Wir sagten ihnen, dass wir natürlich helfen könnten und sie vorbeikommen sollten.»

Inzwischen hat Bern eine «Beratungsstelle gegen Radikalisierung» geschaffen, die bereits sechs Fälle bearbeitet hat. Fünfmal seien die angehenden Islamisten eigentlich bloss rebellierende Teenager gewesen. Aber im Internet sei der Weg zur echten Radikalisierung kurz, sagt Meier: «Wenn der Kontakt einmal steht, werden diese Jugendlichen sehr eng von Dschihadisten betreut – sind dran an ihnen, versuchen sie auf subtile Weise zu beeinflussen.»


«Den Haltsuchenden Vorbilder anbieten»

4:50 min, aus Echo der Zeit vom 10.07.2015

Gibt es Hinweise auf eine derartige Entwicklung, analysieren die Beraterinnen und Berater in jedem Fall zuerst mit den Angehörigen die persönliche Situation des Gefährdeten. Im zweiten Schritt suchen sie dann eine Vertrauensperson im Umfeld, um so mit dem Betreffenden ins Gespräch zu kommen. In solchen direkten Gesprächen überzeugten sie dann den jungen Mann, dass er den Kontakt zu den Dschihadisten abbrach.

Die Intensität der Bedrohung sei schon anders, resümiert Meier. «Es ist neu, dass aktiv und bewusst rekrutiert wird. Der Kontakt besteht immer zur gleichen Person. Sie versucht, den Jugendlichen, die oft einsam sind und Halt suchen, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu geben.»

Zu viele Möglichkeiten, zu wenig Orientierung

Und so kann die Rekrutierung sehr schnell gehen: die Experten des Bundes haben beobachtet, dass zwischen der ersten Kontaktaufnahme und der Reise in den Krieg manchmal nur drei Monate vergehen. Die Dschihadisten haben immer ein offenes Ohr für ihre Opfer und bieten klare Orientierung an. «In der Schweiz ist alles möglich, aber nichts heilig», sagte der Bieler Dschihadist unserem Korrespondenten.

Seine Abscheu vor zu vielen Möglichkeiten findet Ester Meier bezeichnend. «Wir können alles, dürfen relativ viel – oft habe ich das Gefühl, dass das nicht nur uns Erwachsene in eine Notlage bringt, sondern erst recht die Jugendlichen. Gerade in dieser labilen Phase scheinen sie sich nach klaren Vorgaben zu sehnen.»

«  Der Staat muss die Lügen der islamistischen Propaganda demaskieren. »

Ester Meier
«Beratungsstelle gegen Radikalisierung» in Bern

Eigentlich müsste man da ansetzen, meint Meier. Und den Haltsuchenden Vorbilder anbieten, die den Erfolg integrierter Muslime verkörpern: «Wir müssen Schweizer mit islamischer Glaubenszugehörigkeit nutzen, warum nicht die Spieler der Nationalmannschaft? Warum nutzt der Staat dieses Potenzial nicht – hier hinken wir hinten nach.»

Meier sagt dies sichtlich entnervt, denn es sei Aufgabe des Staates, die Lügen der islamistischen Propaganda zu demaskieren. Wie es etwa der Bieler Dschihadist getan hat: In seiner letzten Predigt prangerte er die Betrügereien innerhalb des IS an. Solche Aussagen müssten verbreitet werden, um Jugendliche vor der Wirklichkeit im «Kalifat» zu warnen, findet Meier.

Der französische Staat vertreibt Filme unter der Marke «Stop-Djihadisme». In Dänemark erzählen Rückkehrer vom Grauen des Krieges. Die Fachleute in der Schweiz beobachten das mit Interesse. Und hoffen erstmal, dass die bestehenden Angebote besser vernetzt und breiter bekannt gemacht werden.

Schweizer Dschihad-Reisende

Der Schweizer Nachrichtendienst geht offiziell davon aus, dass zwischen 30 und 65 Personen aus der Schweiz in den Dschihad gereist sind. Mehrere von ihnen sind vermutlich – so wie der Bieler Dschihadist – inzwischen tot, bei vielen ist ihr Schicksal unklar.