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Schweiz Fall Sperisen: Manöver der Verteidigung scheitern

Vor dem Genfer Strafgericht hat der Prozess gegen Erwin Sperisen begonnen. Ihm werden in seiner Zeit als Polizeichef Guatemalas zahlreiche Morde zur Last gelegt. Der Angeklagte bestreitet bisher alle Vorwürfe.

Legende: Video Ex-Polizeichef vor Gericht abspielen. Laufzeit 1:31 Minuten.
Aus Tagesschau vom 15.05.2014.

Die Verteidigung von Erwin Sperisen hat zum Auftakt der Gerichtsverhandlung weitere Zeugen gefordert. Das Gericht zeigte sich unbeeindruckt und lehnte die Anträge ab. Sperisen wich vor Gericht den Fragen aus.

Der ehemalige Polizeichef Guatemalas sitzt in den nächsten drei Wochen auf der Anklagebank des Genfer Strafgerichts. Die Anklage wirft ihm vor, 2005 und 2006 die Ermordung von zehn Häftlingen befohlen, geplant und in einem Fall gar selbst begangen haben.

Obwohl die Verbrechen in Guatemala begangen wurden, wird der Fall in der Rhonestadt verhandelt. Sperisen kam 2007 nach Genf, wo sein Vater in der diplomatischen Vertretung Guatemalas an der WTO tätig ist.

Weil die Schweiz grundsätzlich keine Staatsangehörige ausliefert, kommt es in Genf zum Prozess. Im Fall einer Verurteilung drohen dem 43-Jährigen über zehn Jahre Haft. Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe bisher stets.

Schleppende Befragung

Zum Prozessauftakt konnte Sperisen noch nicht zu den Tötungsdelikten befragt werden. Bei detaillierten Fragen wich er jedoch oft aus oder schweifte in Erklärungen ab. Dies ärgerte zuweilen Gerichtspräsidentin Isabelle Cuendet: «Man hat den Eindruck, dass Sie mit uns Katz und Maus spielen», sagte sie ihm am Abend.

Die Frage eines anderen Mitglieds des siebenköpfigen Gerichts, ob er als Polizeichef eine Marionette gewesen sei, verneinte er jedoch. Die Befragung des Angeklagten verlief wegen zahlreicher Fragen schleppend.

Ausschluss der Nebenklage gefordert

Die Verteidiger von Sperisen hatten am Morgen für Furore gesorgt. Sie forderten vom Gericht die Zulassung von zwei Entlastungszeugen, darunter der ehemalige Präsident Guatemalas, Oscar Berger. Dieser plane bereits, in die Schweiz zu reisen. Weiter wollten sie Alejandro Giammattei, den damaligen Direktor der Strafanstalten, vorladen.

Viel zu reden gab vor dem Genfer Strafgericht auch ein Artikel der Westschweizer Zeitschrift «L'illustré». Ein Journalist dieser Zeitschrift hatte die einzige Klägerin ausser der Staatsanwaltschaft in Guatemala besucht.

Es handelt sich um die rund 70-jährige Mutter eines getöteten Häftlings. Diese wusste gemäss dem am Mittwoch erschienen Artikel nichts vom Prozess. Angeblich war ihr nicht einmal ihre Anwältin in Genf bekannt. Die Anwälte Sperisens forderten deshalb den Ausschluss dieser Klägerin vom Prozess.

Fortsetzung am Freitag

Das Gericht gab am Nachmittag jedoch bekannt, dass sämtliche Anträge der Verteidigung abgelehnt wurden. Der Prozess wird am Freitag mit der Befragung Sperisens zu den Delikten fortgesetzt.

Mehr zum Thema

Bei der Erstürmung eines Gefängnisses soll Erwin Sperisen Morde angeordnet und auch selbst zur Waffe gegriffen haben. Was genau im Spätsommer im Gefängnis Pavón passierte und was dem Angeklagten noch zur Last gelegt wird, lesen Sie hier.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
    Die Meuterer im Gefängnis waren sehr gut bewaffnet und es dauerte Std. bis die Polizei den Aufstand niederschlagen konnte. Somit ist den Aussagen der Insassen kaum bis gar nicht Glauben zu schenken. Dazu kommt, dass die "Rechte Hand" von E. Sperisen in Oestereich zum gleichen Tatbestand vernommen und ein Verfahren eingeleitet wurde. Dieses wurde jedoch an Mangel an Beweisen letztes Jahr eingestellt. Mein Vertrauen in die Genfer Justiz war schon seit Gadhafi nicht sehr gross!
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  • Kommentar von E. Burri, Kriens
    "Die Verteidigung von Erwin Sperisen hat zum Auftakt der Gerichtsverhandlung weitere Zeugen gefordert. Das Gericht zeigte sich unbeeindruckt und lehnte die Anträge ab." Ist ja auch sehr komisch! Wieso darf er keine Zeugen haben, glaubt man eher den Gefangenen? Nicht zu vergessen ist, das dies Mörder, Vergewaltiger und sonstige Verbrecher sind, sind die wirklich glaubhaft? Hoffentlich gibt es ein fairer Prozess!
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    1. Antwort von J. Lieberherr, Nyon
      Wenn Staat oder staatliche Orgene anfangen, die selben Mittel anzuwenden wie Kriminelle, Mörder usw., wo genau liegt dann der Unterschied zwischen Staat und Kriminellen? Dann haben wir schlussendlich zu beiden Seiten der Gitter Mörder und Verbrecher. Wenn mit dieser Aktion für Ordnung hätte gesorgt werden sollen, wie kommt es, dass sich nach der Eliminierung der "Gefängnis-Regierung" rein gar nichts an den Zuständen und kriminellen Aktivitäten im Gefängnis Pavón geändert hat?
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  • Kommentar von Otto Wegner, Uster
    Unglaublich! Da wollen Schweizer Richter Entscheide eines ehemalige Polizeichefs Guatemalas beurteilen! Was kostet uns das und was soll das?
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    1. Antwort von M. Tisserand, Schweiz
      "Was es soll", steht doch im Artikel.
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