Fernbusse: Verbot wird nicht durchgesetzt

In der Schweiz fährt man auf langen Strecken Bahn und nicht Bus. Günstige Fernbusse fahren zwar von Schweizer Städten ins Ausland. Passagiere, die in der Schweiz zu- und wieder aussteigen, dürfen sie nicht mitnehmen. Soweit die Theorie.

Flixbus, davor Passagiere.

Bildlegende: Für 20 Franken von Zürich nach Lyon – und in Bern aussteigen. Immer noch günstig. Keystone

Der Busbahnhof befindet sich gleich hinter dem Landesmuseum in Zürich. Auffällig viele Junge und Ausländer warten auf ihren Fernbus. Sie ziehen den Bus dem Zug vor: «Es ist einfach um einiges günstiger, und es ist recht praktisch», sagt eine der Wartenden. «Mit dem Bus kostet es weniger», findet auch ein weiterer Passagier, und «schön modern» sei es.

Den Preisvorteil bringt auch eine Deutsche ins Spiel, die vom Bodensee angereist ist: «Für mich sind die Anschlüsse besser.» Alle reisen ins Ausland, Stuttgart, Mailand, Lyon. Was, wenn es Fernbusse auch innerhalb der Schweiz gäbe?

«Das könnte man sich überlegen», meint ein junger Zürcher – auch wenn er nicht der Typ sei, der gross via ÖV in der Schweiz unterwegs sei. Weniger Umschweife macht eine junge Frau: «Ich würde sicher den Bus nutzen, wenn er zentral in der jeweiligen Stadt ankommt.»

Nonstop nach Lyon – zumindest offiziell

Im hellgrünen Bus nach Lyon sitzt ein gutes Dutzend Personen. Rund 20 Franken kostet die Route Zürich-Lyon. Der Bus hält auch in Bern, Lausanne oder Genf. Doch ein Ticket für eine Inlandreise kann man nicht lösen.

Der Grund heisst: Kabotageverbot. Ausländische Fahrzeuge dürfen keine Waren oder Passagiere innerhalb der Schweiz transportieren. Darüber muss das Busunternehmen die Passagiere informieren. Das tut es mit einem Zettel, der am Kühlschrank neben Fahrersitz hängt.


Die illegale Billigreise im Bus

5:06 min, aus Echo der Zeit vom 28.10.2016

Die Reise führt durchs graue Mittelland ins sonnige Bern. Einige Passagiere steigen zu. Dann weiter, alles im Fahrplan, und nach dreieinhalb Stunden kommt der Bus in Lausanne an.

Der Chauffeur kümmert sich erst kaum um den Reporter, der hier aussteigt. Er könne ja nichts dagegen tun, erklärt er dann: «Ich bin kein Polizist. Die Passagiere werden informiert, Billette für innerhalb der Schweiz sind nicht erhältlich.»

Schlussendlich liege es in der Verantwortung der Reisenden. Sagt's, und fährt dann weiter nach Genf und Lyon. Die Frage bleibt: Reicht ein Zettel am Kühlschrank als Information?

Im Clinch mit den Bundesbehörden

Anruf bei Flixbus. Das deutsche Busunternehmen betreibt diverse Linien vom Ausland in die Schweiz und ist derzeit im Visier der Behörden. Zum Einzelfall könne sie nichts sagen, erklärt Mediensprecherin Bettina Engert. Doch man wolle die Passagiere noch besser informieren: «Wir werden das Kabotageverbot demnächst in vier Sprachen auf die Tickets drucken. Unsere Fahrer sind sensibilisiert und informieren die Fahrgäste, dass es nicht erlaubt ist, früher in der Schweiz auszusteigen.»

Weil der Transport innerhalb der Schweiz aber schon mehrfach passiert ist, hat unterdessen das Bundesamt für Verkehr ein Verfahren gegen die Fernbusfirma eingeleitet, erklärt Sprecherin Olivia Ebinger: «Die gesetzlichen Bedingungen sind klar: Kabotage eines ausländischen Unternehmens in der Schweiz ist verboten.»

Nun wird das Bundesamt untersuchen, ob man Flixbus ein Vergehen zu Last legen kann: «Die Frage ist nun, ob das Unternehmen alles Zumutbare unternommen hat, um diese Fälle von Kabotage zu verhindern.» Mehr Information als ein Zettel am Kühlschrank ist für ein Unternehmen wohl zumutbar. Das Verfahren läuft, und wird vielleicht erst vor Gericht geklärt.

Bald ein Schweizer Flixbus-Ableger?

Flixbus könnte einen Schweizer Ableger gründen – und dann ganz legal Buslinien beantragen. Dabei müssten zwei Punkte berücksichtigt werden, so die Sprecherin des Bundesamtes für Verkehr: «Die Arbeitsbedingungen der Branche in der Schweiz müssen respektiert werden; hier denken wir vor allem an die Löhne des Fahrpersonal. Und es darf keine bestehende ÖV-Strecke wesentlich konkurrenziert werden.»

Busfahrt im Mittelland

Bildlegende: Das frühzeitige Ende einer Reise: Obwohl Aussteigen auf Schweizer Boden verboten ist, interveniert der Chauffeur nicht. Samuel Burri/SRF

Im Detail müsste man dann klären, ob etwa die Strecke Zürich-Bern zulässig wäre oder nicht. Flixbus-Sprecherin Engert sagt, Flixbus habe durchaus ein Auge auf die Schweiz geworfen: «Die Schweiz ist für uns ein interessanter Markt. Sollten wir Inlandstrecken anbieten wollen, werden wir sich auch mit Schweizer Busunternehmen zusammenarbeiten.»

Das würde dann aber die Fahrpreise verteuern, weil Chauffeure und Busse zu EU-Bedingungen ganz einfach günstiger sind. Klar ist: Für gewisse Kunden sind innerschweizerische Fernbusse ein Bedürfnis. Das heisst aber noch lange nicht, dass wir bald eine ganze Flotte hellgrüner Busse auf unseren Strassen haben werden.